Ein Bildungszentrum zu modernisieren ist ein Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft. Demografie, technologische Anforderungen, vor allem aber Geld entscheiden über Größe und Ausstattung des dritten Lernorts. Aktuell boomt der Neubau.

Die Werkstatt ist weiträumig und hell. Zwei Auszubildende üben an einer Montagewand. Die Rohre vor ihnen leuchten mal rot, mal grün. Je nach Farbe wird deutlich: Hier würde das Abwasser fließen, dort stocken. Bundesweit ist eine solche Abwasserhydraulikwand einmalig. Sie steht im neuen Bildungszentrum der Innung Spengler, Sanitär- und Heizungstechnik München und ist nur ein Highlight von vielen, auf die Ralf Suhre stolz ist. "Unser altes Bildungszentrum war in die Jahre gekommen, zu klein und nicht zeitgemäß. Wir mussten uns komplett neu aufstellen, auch aufgrund des Wandels in der Klimapolitik", erklärt der Geschäftsführer der Innung.
Fördergeber reden mit
Ein Bildungszentrum neu zu planen, ist komplex. Die technischen, aber auch die didaktischen Anforderungen an eine moderne Berufsausbildung verlangen andere Raumgrößen und -konzepte als bisher üblich.
Die Innung in München konnte hier relativ frei planen, weil sie nur 3,5 Millionen Euro an Fördermitteln für die 24-Millionen-Euro-Investition nutzte. Der Verkauf des alten Grundstücks in einem teuren Stadtviertel Münchens deckte die restlichen Kosten. "Deswegen konnten wir hier relativ frei unsere Träume ausleben", erklärt Suhre.
Doch das ist die Ausnahme. In der Regel übernimmt der Bund 45 Prozent, das Land 30 Prozent der Bau- und Ausstattungskosten, mit entsprechenden Auflagen. "Wir müssen alles abstimmen, jeder Quadratmeter wird einem vorgegeben und der Prozess ist erschreckend langsam", bestätigt Dirk Neumann, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Halle. Allein von der Fördermittelanzeige bis zum ersten Spatenstich im September 2022 vergingen in Halle zehn Jahre mit Vorplanungen, Untersuchungen und Abstimmungen.
Manche Bildungszentren sind energetische Ruinen
Dabei sind die Bildungszentren im Kammerbereich Halle dringend modernisierungsbedürftig. Nach der Wende hatte die Kammer ihre Überbetriebliche Lehrlingsunterweisung und Meisterkurse in bestehenden Gebäuden angeboten, die an unterschiedlichen Standorten lagen und teils über 100 Jahre alt sind. Diese Gebäude lassen sich energetisch nicht mehr sanieren.

In Halle-Osendorf entsteht jetzt ein zentraler Campus mit sechs Werkhallen, 220 Praxis- und 64 Theorieplätzen, außerdem einem modernisierten Internat, Grün- und Sportflächen. "Bildung ist heute mehr als das Vermitteln von Wissen und das Beibringen von Können", sagt Neumann. Mit der Campuslösung wolle man den jungen Leuten eine gewisse Aufenthaltsqualität bieten. Der Name "Campus" soll außerdem zeigen, dass eine Ausbildung der erste Schritt ist in einem Bildungssystem, das nach oben durchlässig ist.
2026 möchte die Kammer den neuen Campus einweihen, wird dort aber nur noch zwei Drittel der bisherigen Gewerke unterrichten. Das Heinz-Piest-Institut für Handwerkstechnik prüft für die Fördergeber genau, wie Bildungszentren bisher ausgelastet waren und was die demografischen Prognosen verheißen. Wer seine Kurse hinterher nicht zu 75 Prozent auslastet, muss die Fördergelder zurückerstatten. Halle hat deswegen die Friseure an Leipzig abgeben und auch die Bauberufe werden nicht am neuen Campus unterrichtet, sondern in einem nahegelegenen Ausbildungszentrum der Bauindustrie.
Einfluss von Demografie und technologische Entwicklungen
Ob die jetzige Dimensionierung des Bildungszentrums ausreicht, lässt sich angesichts der demografischen, vor allem aber auch der technologischen Trends trotzdem nicht vorhersagen. Neumann verweist auf Entwicklungen wie Fernlernen oder künstliche Intelligenz, deren Auswirkungen auf die berufliche Bildung noch nicht absehbar seien.
Die SHK-Innung in München hat deswegen ihr neues Zentrum so flexibel gehalten wie möglich. "Europas modernstes Bildungszentrum der SHK-Branche" – wie die Innung es selber nennt – hat sich für Auf-Putz-Installationen entschieden. "Wir zeigen, was wir haben und wofür wir stehen", sagt Suhre. Die elf Werkstätten, drei Seminarräume und der Multifunktionsraum des Bildungszentrums können innerhalb von kürzester Zeit auf neue Anforderungen reagieren, ohne dass dafür die Gebäudeinfrastruktur verändert werden müsste.
Wie attrakiv das neue Bildungszentrum ist, lässt sich nicht nur an den ausgebuchten Meistervorbereitungskursen ablesen. "Auch die Hersteller wollen mit uns zusammenarbeiten", nennt Suhre ein weiteres Beispiel. So versorgen die Ausbilder der Innung den Hersteller von Bildungslösungen Christiani mit Tipps, wie der seine Modelle weiterentwickeln sollte. Dafür bekommt die Innung die Ausstattung günstiger, zum Beispiel ihr Wärmepumpenmodell. Probleme, Dozenten zu bekommen, hat Suhre nicht. "Unser Bildungszentrum ist eine Spielwiese für Ausbilder. Und mit diesen Möglichkeiten kokettieren wir."
Woher kommt der Bauboom in den Bildungszentren des Handwerks?
Modernisieren oder neu bauen? In vielen Bildungsstätten steht diese Frage derzeit an. Die meisten Bildungszentren in Westdeutschland entstanden in den 1970er-Jahren, in Ostdeutschland in den 1990er-Jahren. Wegen der alten Gebäudeinfrastruktur und wegen neuer Anforderungen in der beruflichen Ausbildung sind die Möglichkeiten einer Modernisierung vielerorts ausgereizt. Ein "Ersatzneubau" ist dann die wirtschaftlichste Lösung.
Von der Erkenntnis "Es herrscht großer Modernisierungsbedarf" bis zum Ende aller Baumaßnahmen vergehen regelmäßig bis zu 15 Jahre. Projektplanung und -kalkulation sind komplex, Änderungen baulicher Vorschriften, Lieferengpässe und Preissteigerungen erschweren die Vorhaben zusätzlich. Kurse und Seminare müssen auch während der Bauphase weiterlaufen.
Millionenprojekte für die Berufsbildung
Träger der über 600 Bildungszentren im Handwerk sind zu 60 bis 70 Prozent die Handwerkskammern, daneben Innungen, Kreishandwerkerschaften oder Verbände. Ein Bildungszentrum zu errichten, es auszustatten und auf dem Stand der Technik zu halten ist teuer. Bund, Länder und Träger teilen sich diese Kosten. Wer Fördergeld beantragt, muss nachweisen, dass die Bildungsstätte während des Förderzeitraums zu 75 Prozent ausgelastet ist. Dann übernimmt der Staat bis zu 75 Prozent der Investitionskosten. Seit dem Jahr 2000 gingen beim Bundesinstitut für Berufsbildung knapp 600 Förderanträge für Baumaßnahmen ein. Allerdings droht ein Investitionsstau, weil mehr Mittel beantragt wurden als die Töpfe enthalten.
Mit den Bau- und Ausstattungskosten ist es nicht getan. Auch die Lehrgangskosten für die Überbetriebliche Lehrlingsunterweisung (ÜLU) teilen sich Bund, Länder und Betriebe zu je einem Drittel. Allerdings basiert die Rechnung auf den kalkulierten Sollkosten. Die tatsächlichen
Kosten der ÜLU sind höher. Effektiv tragen die Ausbilder davon rund 60 Prozent.
Auslastung der Bildungszentren stabil trotz Demografie
Eine der Herausforderungen bei der Planung eines neuen Bildungszentrums ist, wie viel Platz künftig gebraucht wird. Die Zahl der Auszubildenden im Handwerk ist seit den späten 90er-Jahren enorm gesunken, von damals über 600.000 Auszubildenden auf heute rund 350.000. Allerdings hat das Schulungsvolumen – also die Summe aller besuchten Kurse der Überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung (ÜLU)– viel weniger abgenommen, als die Lehrlingszahlen vermuten lassen. Von 2011 bis 2021 nahmen die Lehrlingszahlen um 13,3 Prozent ab, das Schulungsvolumen aber nur um zwei Prozent.
Die absolute Lehrlingszahl mag also sinken, der Nachwuchs wird aber häufiger und länger zur ÜLU geschickt. Dabei gibt es große Unterschiede nach Gewerken und nach Regionen. Die stärksten Zuwächse verzeichnen das Elektro-, das Metall- sowie das Bau- und Ausbaugewerbe und die Bundesländer Thüringen, Hamburg und das Saarland. Ein etwas sinkendes Schulungsvolumen verzeichneten die Handwerke zur Gesundheits- und Körperpflege sowie die chemischen und Reinigungsgewerbe.
Wettlauf mit dem technischen Fortschritt
Die Geschichte der Bildungszentren begann Ende der 1950er-Jahre. Der technische Fortschritt im gewerblichen und häuslichen Leben hatte dazu geführt, dass nicht mehr jeder Handwerker seinen Lehrlingen alle notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten im eigenen Betrieb vermitteln konnte. Bildungszentren ergänzten deswegen die betriebliche Ausbildung und die berufliche Fort- und Weiterbildung.
Um im Wettlauf mit dem technischen Fortschritt auf der Höhe der Zeit zu sein, müssen Bildungszentren laufend modernisiert werden. Die Bandbreite der Ausstattung und der Kursinhalte reicht von der Vergangenheit bis in die Zukunft. CNC-Technik steht neben Maschinen aus dem vergangenen Jahrhundert, Öl-Heizungen neben Wärmepumpen. Und auch die Umrüstung auf Wasserstoffthermen ist in modernen Bildungszentren bereits vorbereitet.
Studium oder Ausbildung? Auch eine Frage der Ausstattung
Dem Handwerk gehen die Menschen aus. Jeder zweite Handwerker konnte 2022 laut einer Umfrage des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) die von ihm angebotenen Ausbildungsstellen nicht besetzen. Parallel entscheidet sich mittlerweile fast jeder zweite junge Mensch für ein Studium. Dass viele Lehrstellen leer bleiben, liegt also nur zu einem Teil an der demografischen Entwicklung, zum anderen an der Bildungspolitik. Bis heute wird akademische Bildung bevorzugt, auch finanziell. 2022 investierte der Bund laut ZDH 4,9 Milliarden Euro in Hochschulen, aber nur 108 Millionen Euro in überbetriebliche Bildungsstätten.
Immerhin: Die Investition in hochmoderne Bildungszentren macht die berufliche Aus-, Fort- und Weiterbildung attraktiver. Durch die Namensgebung der neuen Stätten betonen die Träger zusätzlich die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung. Analog zu Hochschulen oder Universitäten heißen viele Bildungszentren jetzt "Campus".