Konjunktur Handwerk in stürmischen Zeiten: So steht es um die Branche

Krisen und strukturell gestörte Produktionsabläufe werfen das Handwerk zurück. Auch 2023 sieht es nach Gegenwind aus, doch trotz Aderlass bei Auftragseingängen haben die Branchen genug zu tun.

84 Prozent der Handwerksbetriebe beurteilen die Geschäftslage zum Schlussquartal 2022 mit gut oder befriedigend. Das sind zwei Prozentpunkte mehr als im vergangenen Jahr. - © vartzbed - stock.adobe.com

Wenn Unternehmer eines überhaupt nicht mögen, dann ist es Unsicherheit. Davon gab es in den vergangenen drei Jahren mehr als genug. Zuerst brach wegen Corona die Nachfrage zusammen, dann gerieten die eingefahrenen Lieferbeziehungen in Unordnung, schließlich deckte der Ukrainekrieg die Energieknappheit in Deutschland schonungslos auf. Weil die Gaslieferungen aus Russland auf Dauer ausbleiben werden, muss Deutschland den Umbau seiner Energieversorgung nun in kürzester Zeit bewältigen.

Deutsches Geschäftsmodell wird generalüberholt

Noch komplizierter wird die Situation durch den Wandel der industriellen Basis in Deutschland. Es geht dabei nicht nur um die Verringerung der Abhängigkeit vom Erdgas, sondern um die Transformation zur digitalen Wirtschaft, den Aufbau resilienter und stärker diversifizierter Lieferketten, die langfristig CO2-neutrale Kreislaufökonomie. Dazu braucht es intelligente Arbeitsprozesse und neue Qualifikationen bei den Erwerbstätigen. Gleichzeitig muss die Deindustrialisierung des Standorts Deutschland verhindert werden; mit den derzeitigen Energiepreisen sind deutsche Hersteller international nicht mehr so wettbewerbsfähig. Zu allem Überfluss verschärfen sich die Mangelerscheinungen am Arbeitsmarkt. Fachkräfte werden immer knapper, Lehrstellen bleiben unbesetzt. Darüber hinaus steigen Preise und Zinsen mit hohem Tempo. Dadurch gerät die Konsumnachfrage unter Druck, werden dringend nötige Investitionen aufseiten der Unternehmen und der Kommunen zurückgestellt.

Handwerkskonjunktur im Rückwärtsgang

Vor diesem Hintergrund bekommt auch das solide Fundament, auf dem das deutsche Handwerk immer noch steht, Risse. Im Schlussquartal 2022 war die mittlere Kapazitätsauslastung mit 78 Prozent gegenüber dem Sommer spürbar rückläufig. Gemäß den von der DHZ ausgewerteten Umfragen stagnierte sie verglichen mit dem Vorjahresquartal und blieb um drei Punkte unter dem Vorkrisenniveau von 2019, als im Herbst 81 Prozent verzeichnet worden waren.

Darüber hinaus signalisieren die Meldungen zur Auftragsentwicklung der vergangenen Monate den Abschwung. Betriebe mit steigender und sinkender Nachfrage lagen im Verhältnis 15 zu 37 Prozent. Der daraus abzuleitende Saldo (minus 22) war schlechter als im Herbst 2021 und nur geringfügig besser als Ende 2020. Damals war er im Sog der Corona-Krise auf ein Zehn-Jahres-Tief gesunken.

Dennoch sind die Auftragsbücher weiterhin gut gefüllt; die Reichweite der Bestellungen lag Ende Dezember immer noch bei 2,3 Monaten. Nie waren die Reserven zu dieser Jahreszeit komfortabler.

Bezüglich der Personalentwicklung steckt das Handwerk in einem Zwiespalt. Einerseits möchte man Fachkräfte um jeden Preis im Betrieb halten. Auf der anderen Seite fordern hohe Kosten bei sinkender Auslastung ihren Tribut. Im Laufe des Schlussquartals 2022 mussten 17 Prozent der befragten Firmen mit weniger Personal zurechtkommen. Nach DHZ-Berechnungen dürfte die Zahl tätiger Personen zum Jahreswechsel rund ein Prozent niedriger gelegen haben als Ende 2021, ein Rückgang um circa 55.000.

Teuerung setzt Betriebe unter Druck

Im Sog der kriegsbedingten Verwerfungen sind die Preise für alle Energieträger förmlich explodiert. Gemäß einer ZDH-Umfrage im November 2022 verbuchten 83 Prozent der Handwerksfirmen höhere Energiekosten seit Jahresbeginn. Davon blieben 26 Prozent ganz auf den Mehrkosten sitzen. 70 Prozent konnten sie nur teilweise auf die Kunden überwälzen.

Seit dem Spätsommer haben sich die Gas-Einfuhren zwar wieder erheblich verbilligt. Dazu trugen anhaltend hohe Flüssiggasimporte, witterungsbedingte Einsparungen sowie gut gefüllte Speicher bei. Allerdings schlugen diese Marktbewegungen nicht auf die Preise der Versorger durch. Im Gegenteil: Für immer mehr Betriebe lief die teils langfristige Preisbindung in den Verträgen aus - die Kostenwelle kam mit voller Wucht an. Vorübergehende Linderung brachte der Wegfall der Abschlagszahlungen im Dezember, den die Bundesregierung im Rahmen der Soforthilfe gewährte.

Geschäftslage: Der Kopf bleibt oben

Mit der Beurteilung der Geschäftslage ziehen die Handwerker ein überraschend positives Fazit. Zu Beginn des Herbstes hatten beispiellose 42 Prozent der Befragten eine Verschlechterung der Lage prophezeit. Doch so schlimm ist es nicht gekommen. 84 Prozent waren zum Schluss des Jahres 2022 mit dem aktuellen Geschäftsverlauf zufrieden, darunter 41 Prozent, die ihre Lage mit "gut" beurteilten. Seit dem Ende des zweiten Corona-Winters bewegt sich das Stimmungsbarometer in einem Korridor zwischen 80 und 90 Prozent. Die Ergebnisse zeigen einmal mehr, dass das Handwerk auch in einem schwierigen konjunkturellen Umfeld Lösungen findet.

Branchentendenzen

Im Wohnungsbau sind die Auftraggeber scharf auf die Bremse getreten. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes brach der Auftragseingang des Bauhauptgewerbes in dieser Sparte zwischen Januar und Oktober 2022 um 14 Prozent (preisbereinigt) gegenüber dem Vorjahr ein. Die Gründe liegen auf der Hand: Bauen ist nicht nur spürbar teurer geworden, darüber hinaus wurde die staatliche Eigenheimförderung abgeräumt, der Qualitätsstandard auf ein Maß gehoben, das kaum noch Nutzenzuwachs verspricht. Als dann die EZB die Zinsschraube wiederholt anzog, platzte der Traum von den eigenen vier Wänden für viele Bauwillige endgültig.

Im Ausbaugewerbe sind die Auftragsbestände zuletzt ebenfalls abgeschmolzen, die Reichweite ist mit 2,9 Monaten aber im langfristigen Vergleich immer noch sehr hoch. Darin spiegelt sich die Entwicklung der Energiepreise wider: Photovoltaik-Anlagen, Wärmepumpen und Speichertechnologien erleben einen Nachfrageboom.

Das Handwerk für gewerblichen Bedarf war im Schlussquartal 2022 nicht mehr so gut ausgelastet. Gleichzeitig waren die Auftragsbestände höher als im Vorjahr. Offensichtlich war die Versorgungslage noch nicht wieder so gut, dass die Betriebe auf Wachstumskurs gehen konnten.

Das Kfz-Gewerbe hatte bis zuletzt mit lückenhaften Lieferketten, fehlenden Bauteilen und wenig kauffreudigen Kunden zu kämpfen. Erst am Ende eines enttäuschenden Auto-Jahres 2022 kam der Neuwagenhandel dann doch noch in Schwung. Vor allem bei Fahrzeugen mit alternativen Antrieben registrierten die Behörden ein deutliches Zulassungsplus. Viele Käufer wollten sich offenbar noch den staatlichen Umweltbonus sichern, bevor die Zuschüsse für reine Stromer Anfang 2023 reduziert wurden und für Plug-in-Hybride ganz wegfielen. Kräftig nach unten gingen die Verkaufszahlen am Gebrauchtwagenmarkt.

Im Lebensmittelhandwerk traf die gleichzeitige, massive Verteuerung von Strom, Gas und Rohstoffen auf den eklatanten Mangel beim Fachpersonal. Zudem lockten die Discounter mit billigen Alternativen bei Teig- und Fleischwaren. Bislang haben sich die Verbraucher aber noch nicht großflächig zurückgezogen: 38 Prozent der befragten Bäcker, Fleischer und Konditoren berichteten von steigenden Umsätzen vor Weihnachten.

Die privaten Dienstleister (zum Beispiel Friseure, Fotografen, Maßschneider) waren mit der aktuellen Lage häufiger unzufrieden (26 Prozent). Die Aufholeffekte nach der Pandemie sind ausgelaufen, die Konsumenten haben Überersparnisse aus Corona-Zeiten aufgebraucht. Angesichts der Kaufkraftverluste können die Betriebe dringend notwendige Preisanhebungen nicht umsetzen.

Ausblick: keine Entwarnung, keine Untergangsstimmung

Nach vorläufigen Schätzungen konnte das deutsche Handwerk 2022 seine nominalen Umsätze um rund neun Prozent ausweiten. Bei Abzug der Preissteigerung dürfte das Vorzeichen bei der Veränderungsrate jedoch ins Minus gekippt sein. Auch im Winter 2023 wird die Rezession andauern, die Prognosen sind eindeutig. Nur mehr sechs Prozent der befragten Handwerker erwarten für die nächsten Monate eine verbesserte Geschäftsentwicklung, 30 Prozent rechnen dagegen mit einer Eintrübung. Im Zentrum der Skepsis stehen die schwache Nachfrage – jeder Dritte erwartet weniger Bestellungen – und die gleichzeitig weiter steigenden Einkaufspreise (76 Prozent). Hinter dieser Einschätzung steckt die Tatsache, dass Hersteller und Versorger einen beachtlichen Teil der Kostensteigerungen bei Energie und Rohstoffen noch gar nicht an die Kunden weitergereicht haben.

Grafik zur Geschäftslage

Eine zuverlässige Aussage über Länge und Intensität der Rezession ist hingegen kaum möglich. Die Signale sind zum Teil ermutigend, zum Teil alarmierend. Klar ist, dass die Bauinvestitionen nochmals einbrechen werden, die Weichen dafür sind bereits gestellt. Außerdem bleibt der Inflationsdruck vorerst hoch und nimmt den Konsumenten Kaufkraft. Viele Haushalte müssen mit erheblichen Nachzahlungen auf die Nebenkosten rechnen und werden deshalb Ausgaben für Dienstleistungen und Konsumgüter streichen. Speziell im Kraftfahrzeuggewerbe kommt hinzu, dass hohe Strom- und Anschaffungspreise sowie gekappte Zuschüsse die Nachfrage nach E-Autos dämpfen werden.

Aber es gibt auch einen Silberstreif am Horizont. Die Inflationsraten sinken, das Konsumklima hellt sich auf – ein Effekt, der sicher auch auf die staatlichen Preisbremsen zurückzuführen ist. Außerdem sinken die Preise auf den Rohstoff- und Energiemärkten beständig, die Gefahr einer Gas-Mangellage ist in den Hintergrund getreten. Zu guter Letzt verdichten sich die Anzeichen für eine Besserung in puncto Materialversorgung. Jüngst war in Expertenkreisen zu hören, das Ende der Chipkrise sei in Sicht. Die immer noch stattlichen Auftragsbestände können also schneller umgesetzt werden und so die Konjunktur stützen.