TV-Kritik zum Fachkräftemangel Fachkräfte fehlen: Handwerkspräsident für geringere Lohnnebenkosten

Dass in Deutschland hinten und vorne Arbeitskräfte fehlen, ist im Alltag nicht zu übersehen. Unternehmen in der Gastronomie, dem Handel, aber gerade auch im Handwerk suchen händeringend nach Arbeitern, vor allem jenen mit fundierten Fachkenntnissen. Die ZDF-Talkshow Maybrit Illner widmete sich nun diesem Thema aus unterschiedlichen Richtungen. Mit auf dem Podium: der neue Handwerkspräsident Jörg Dittrich.

ZDH-Präsident Jörg Dittrich
ZDH-Präsident Jörg Dittrich. Foto: ZDH/Sascha Schneider - © ZDH/Sascha Schneider

Viel war die Rede von fairer Bezahlung, von 4-Tage-Wochen, von Vereinbarkeit von Beruf und Familie – doch als es bei Maybrit Illner darum ging, zu definieren, was wirklich sinnstiftend ist in einem Beruf, da setzte Jörg Dittrich einen Akzent. Im Gegensatz zur psychischen Belastung, die offenbar in Berufen mit "100 Mails am Tag und Whatsapp" stark vorhanden sei, sagte der neue Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, gebe es in seiner Realität Handwerksberufe, die einen Sinn, einen Geist in eine Materie fließen lassen. Eine Definition, die er so ähnlich schon einmal formuliert hatte, deren Anmutung natürlich nicht zu jeder auch mal handfesten Situation des beruflichen Lebens eines Handwerkers passt, die aber vor allem in der Abgrenzung zu dem Lamento, das oft in Diskussionen zur modernen Arbeitswelt zu hören ist, angenehm und erfrischend war.

Handwerkspräsident und ausgebrannte Millenials

Denn neben Dittrich saß mit Sara Weber eine gelernte Journalistin, eine Mittdreißigerin, die ihre leitende Tätigkeit bei einer großen Job-Plattform aufgegeben hatte, weil sie "erschöpft" und "müde" war und deshalb eine Pause gemacht habe. Sie warnte vor den Folgen zu harter Arbeit, der Stress bei den Menschen nehme immer weiter zu und werde erst nach dem Ende des Erwerbslebens wieder weniger. Klang nach einem "100-Mails-Beruf". Ihr war in der Talkshow-Choreografie offenbar die Rolle des ausgebrannten Millenials zuerkannt worden, womit Dittrich, der neben seiner Funktion als ZDH-Präsident auch als Chef eines Dachdecker-Betriebs vorgestellt worden war, sozusagen ihren Antipoden darstellte.

Doch, so viel sei vorausgeschickt, es war trotz jener Zuschreibungen eine insgesamt äußerst zivilisierte Runde, die da am späten Donnerstagabend diskutierte. Man ließ sich ausreden, ging auf die Argumente des Vorredners ein, kaum einmal erhob jemand die Stimme. Neben Weber und Dittrich waren die ehemalige Journalistin Elisabeth Niejahr, heute Geschäftsführerin der Hertie-Stiftung, Andrea Nahles, Chefin der Bundesagentur für Arbeit (BA), die Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang sowie der CDU-Vize Carsten Linnemann zum Thema "Arbeitskräfte dringend gesucht – wer sichert Wirtschaft und Wohlstand" eingeladen.

Diskussion über den Fachkräftemangel: War die Rente ab 63 ein Fehler?

Es bildeten sich dann auch die erwartbaren Lager, wobei es nie zu lautstarken Auseinandersetzungen kam. Nahles, einst als Arbeitsministerin verantwortlich für die Rente ab 63 sowie die Einführung des Mindestlohns, übernahm in ihrer Eigenschaft als BA-Chefin eine beinahe schon moderierende Rolle. Lediglich, als Linnemann jene Rente ab 63 als "größten sozialpolitischen Fehler der Großen Koalition" kritisierte, ließ sie sich ein wenig aus der Reserve locken. Überhaupt war es Linnemann, der noch am angriffslustigsten auftrat. Die Rente mit 63 habe "topfitte" Menschen aus dem Arbeitsmarkt gespült, merkte er an.

Und als es später darum ging, ob mehr oder weniger Arbeit in Zukunft besser sei, warnte er vor einer Vollkasko-Mentalität. "Wenn wir so herangehen, dann war es das mit Deutschland. Und wenn wir weniger arbeiten, dann werden wir ein Problem haben." Hier geriet er kurz ebenfalls mit Weber in den Clinch, die als ein Argument dafür, dass immer mehr junge Menschen in Teilzeit und möglichst ohne Überstunden arbeiten wollen, anführte, dass diese gesehen hätten, wie ihre Eltern sich "kaputt gearbeitet" hätten.

Handwerkspräsident zu Fachkräftemangel und hohen Lohnnebenkosten

Niejahr zeigte einerseits Verständnis für die "Generation meiner Tochter, die so viel bezahlen muss", sie kritisierte aber auch implizit die allzu ausufernden Forderungen junger Menschen an die Arbeitgeber. Mit Blick auf die Löhne und hohe Sozialabgaben machte Dittrich indes klar, dass ein Betrieb eben nur so viel zahlen und so weit auf eben jene Forderungen eingehen könne, wie es ihm auch möglich sei. Und die steigenden Lohnzusatzkosten verteuern Arbeit ganz erheblich. Nicht umsonst warnt das Handwerk seit geraumer Zeit - und leider vergeblich - davor, die 40-Prozent-Marke bei den Beiträgen zur Sozialversicherung nicht zu reißen. "Wir stehen als Handwerk im Wettbewerb, und wir können diesen Wettbewerb mit zwei Säcken Zement auf den Schultern nicht gewinnen", rief er aus. "Es ist ja nicht so, dass die Meister ihren Leuten nicht mehr zahlen wollen. Sie können es nicht." Und: Es sei doch bezeichnend, dass die Spanne zwischen dem Betrag, den eine Fachkraft erhalte und dem Bruttobetrag, den der Betrieb verlangen müsse, so groß sei, und  diejenigen, die eine Leistung erbringen, sie sich selbst oft nicht leisten könnten.

Diesen impliziten und von Dittrich meist eher verklausuliert vorgetragenen Forderungen nach geringeren Lohnnebenkosten an die Politik wich Grünen-Chefin Lang indes komplett aus. Es müssten ja auch die Leistungen der Sozialkassen stabil gehalten werden, war letztlich ihr zentrales Argument. Die wichtige Frage, ob der Staat, der aktuell mehr Geld einnimmt als je zuvor, auch seine eigene Ausgabenseite einmal angehen und bei sich selbst sparen könnte, stellte leider weder die Moderatorin noch einer der Teilnehmern explizit. Lediglich Linnemann konstatierte, dass die Denke, wonach der Staat alle Lebensbereiche regeln und alle Risiken abdecken könne, gerade nicht zu mehr Dynamik und Wachstum führen würde.

Viertagewoche kein gutes Argument, wenn Handwerkskunden im Notfall anrufen

Kritik an Arbeitgebern, nicht nur im Handwerk, wurde laut, als es um Themen wie die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben, das Halten älterer Arbeitnehmer oder die Viertagewoche ging. "Wie können wir dahin kommen, dass Menschen gut arbeiten können?", fragte Weber in diesem Zusammenhang. Niejahr argumentierte, der Markt werde das regeln, sprich: Die Bewerber suchten sich die Unternehmen aus, nicht mehr umgekehrt – und zwar jene Unternehmen, die das beste Angebot machen. Da ist angesichts der demografischen Entwicklung und der bislang noch unzureichenden Anzahl an Fachkräften, die durch Zuwanderung ins Land kommen, durchaus was dran. Knappheit treibt den Preis, auch die Knappheit an qualifizierten Kräften.

Dittrich betonte zwar, dass das Handwerk hier auf einem guten Weg sei, er stellte aber auch fest, dass die Viertagewoche kein gutes Argument sei, wenn ein Heizungsbetrieb in einem Notfall gerufen werde, dann aber gerade nicht kommen könne, weil eben frei sei. Wichtig sei eben auch die Leistung für den Kunden.

Und um diese Leistungen zu erbringen, dafür fehlen eben oft die Fachkräfte. Die in diesem Zusammenhang ebenfalls wichtige Frage, wie berufliche und akademische Bildung künftig besser austariert werden können, um dem Fachkräftemangel gerade im Handwerk, der Pflege oder auf dem Bau begegnen zu können, wurde nur einige wenige Male angeschnitten, allerdings ohne dass die Runde in die Tiefe ging. Dittrich forderte eine Gleichstellung der Ausbildungswege, drang damit aber nicht wirklich durch.

Fachkräftemangel macht Arbeitsmarkt zum Arbeitnehmer-Markt

Und weil die Moderatorin die sich selbst recht gut moderierenden Gäste weitgehend gewähren ließ, kam das Thema Migration, das zuvor noch angekündigt worden war, schließlich gar nicht mehr zur Sprache. Zum Glück war dadurch aber auch kein Platz mehr für gerade in Zeiten, da eine Rezession droht, leidige Debatten um den Sinn von Wachstum. Denn wenn die Arbeit in einer Volkswirtschaft nicht ausgeht, sondern ganz im Gegenteil immer mehr wird, dann dürften Fantasien von weniger Arbeit und mehr Selbstentfaltung eher das falsche Mittel sein, um dem zu begegnen. Dennoch müssen sich Betriebe auch auf einen Arbeitsmarkt einstellen, der längst ein Arbeitnehmer-Markt geworden ist, zumal in den Branchen mit Fachkräftemangel. Dass sich das Land womöglich auf einen gesunden Mittelweg verständigen kann, diese Hoffnung konnte der Illner-Talk aufgrund der sachlichen Atmosphäre durchaus nähren.

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