Lebenswege Joachim Ohlingers Passion für Oldtimer

Karosseriebaumeister Joachim Ohlinger erweckt altersschwache klassische Fahrzeuge zu neuem Leben und begleitet sterbende Menschen auf ihrem letzten Gang. Jetzt geht es ihm um das Überleben seiner Werkstatt für hochwertige Oldtimer-Restaurierungen in Bad Schussenried.

Karosseriebaumeister Joachim Ohlinger
Joachim Ohlinger vor dem Multi Union Rennwagen mit einem rund 300 PS starken Motor von Alfa Romeo. Für solche Unikate recherchiert der Karosseriebaumeister weltweit. - © Ulrich Steudel

Befragt nach den Stationen in seinem beruflichen Werdegang, erzählt Joachim Ohlinger am liebsten kleine Ge­schichten. Etwa wie er an einer Autobahnraststätte in der Schweiz mit einem Maybach-Fahrer aus Plastik­bechern Champagner getrunken hat. Oder wie die Engländer in den 1930er-Jahren an die Rennsport­erfolge der deutschen Auto-Union anknüpfen wollten.

Die Recherche nach dem Proto­typ, den die Briten damals unter der Be­zeichnung Multi Union entwickelten, führte Joachim Ohlinger um die halbe Welt. Heute steht der historisch einzigartige Rennwagen fast fertig in seiner Werkstatt für Oldtimer-Restaurierung im oberschwäbischen Bad Schussenried. Allein für den Nachbau des Kühlers veranschlagt der Karosseriebaumeister zwei Monate Arbeit. "Ich habe mich schon als Jugend­licher für außergewöhnliche Fahrzeuge interessiert. Während meine Kumpels alle Opel Kadett oder VW Käfer fuhren, hatte ich schon einen Alfa Romeo Zagato", erklärt Ohlinger. Sportcoupé in italienischem Design statt nüchterner Fließbandware.

Hoher Anspruch an die Qualität

Das Schrauber-Gen, das Ohlinger zu einem gefragten Experten für aufwändige Oldtimer-Restaurierungen werden ließ, steckte da längst in ihm. Für den Sohn einer Schneiderin und eines Schlossers, aufgewachsen mit sechs Geschwistern im nahen Aulendorf, war ein eigenes Moped nicht bezahlbar. So wurde 1971 die kleine Werkstatt daheim für den Teenager zu einem Refugium, um alte Motor­räder vom Schrott wieder in Gang zu setzen. "Schon damals hatte ich einen hohen Anspruch an die Qualität", sagt Ohlinger, der bei der Post eine Lehre zum Fernmeldemechaniker absolvierte. "Die Ausbildung war sehr umfangreich, beinhaltete neben der Elektrik und ein bisschen Elek­tronik auch zwei Jahre Me­tallbearbeitung", blickt der 67-Jährige auf die beruflichen Anfänge zurück.

Inzwischen kreisen seine Gedanken öfter um die Zukunft seiner Werkstatt und die Weitergabe seines Wissens. Neben dem Multi Union Rennwagen stehen auch die Karosserie eines Vauxhall, Baujahr 1938, und ein Mercedes-Benz 190 SL von 1956, den Ohlinger gemeinsam mit dem Besitzer restauriert. Hinter dem Maschinenraum teilen sich ein roter Formel 2-Rennwagen der Marke Brabham und ein RSM Tasco H162 die Rennsportabteilung. In den Vitrinen künden Pokale von den sportlichen Erfolgen Ohlingers, die ihm in der Oldtimer-Szene Ansehen und wertvolle Kontakte brachten.

Arbeit gibt es reichlich, nur noch keinen Nachfolger. Joachim Ohlinger würde sein berufliches Erbe gern in guten Händen wissen. Aber jemand zu finden, der mit der gleichen Be­geisterung sein Werk fortführt, ist kein leichtes Unterfangen.

Als junger Tüftler gefordert und gefördert

In die Rolle des Spezialisten für Oldtimer-Restaurierungen wuchs Ohlinger über seine Begeisterung für klassische Fahrzeuge förmlich hinein. Seine Schrauberqualitäten hatten sich in Oberschwaben schnell herumgesprochen. Erwin Hymer, der Gründer des bekannten Reisemobilbauers aus Bad Waldsee, engagierte ihn persönlich für seinen Proto­typenbau. Mit 29 arbeitete Ohlinger schon im eigenen Büro auf Augenhöhe mit Meistern und Ingenieuren. Bei Hymer wurde der junge Tüftler gefordert und gefördert, unter anderem für die Ausbildung zum Karosseriebaumeister freigestellt.

1989 wagt Joachim Ohlinger den Schritt in die Selbstständigkeit. Als im Schussenrieder Ortsteil Reichenbach die Immobilie einer insolventen Baufirma zu haben ist, verkauft er seine Oldtimer-Sammlung und gründet sein eigenes Unternehmen. "Ich hatte zwar kein Geld auf der Bank, aber schon damals seltene Autos", sagt Ohlinger. Er startet mit Unfall­instandsetzungen. Aber schon bald verschiebt sich das Tätigkeitsfeld Richtung historische Fahrzeuge. Die kleine Karosseriebauwerkstatt mit maximal zwei oder drei Mitarbeitern gewinnt schnell an Renommee.

Maybach SW 38 von Grund auf restauriert

Karosseriebaumeister Joachim Ohlinger
Durch sein ehrenamtliches Engagement im sozialen Bereich hat Joachim Ohlinger eine neue Perspektive auf seine Arbeit gewonnen. - © Ulrich Steudel

Gut vernetzt in der Oldtimer-Szene und voller Vertrauen in seine handwerklichen Fähigkeiten scheut Jo­­achim Ohlinger keine Herausforderung. Wie im Falle des Maybach SW 38, der plötzlich in seinem Hof steht und ihm irgendwie bekannt vorkommt. Es handelt sich um dasselbe Auto, dessen Fahrer er einst in der Schweiz getroffen hatte.

Damals war er mit seinem Messerschmitt Kabinenroller Tiger von dem Maybach überholt worden. Der Fahrer grüßte und gestikulierte, man traf sich auf dem nächsten Rastplatz. "Der Mann wollte meinen Roller be­gutachten, hatte ich doch eines der seltenen vierrädrigen Modelle, von denen nur 300 Exemplare gebaut worden waren", erklärt Ohlinger das Interesse des Fremden.

Nun führte der Zufall denselben Maybach zu ihm, gebracht von einem Chauffeur mit der Bitte um ein Angebot für eine Komplettrestauration. "Aber eine seriöse Kalkulation war unmöglich. Trotzdem habe ich den Auftrag be­kommen, mit der Maßgabe, dass der Eigentümer jeden ersten Samstag im Monat vor Ort persönlich mitwirken kann“, erinnert sich Ohlinger. Unterm Strich standen drei Jahre Arbeit, viele neue Kontakte und ein sehr zufriedener Kunde.

Sechs Silberpfeile aufpoliert

Sein hohes Ansehen als anspruchsvoller Oldtimer-Restaurator erwirbt sich Joachim Ohlinger vor allem mit Karosseriearbeiten für Mercedes-Benz. Sechs Silberpfeile der Baujahre 1936 bis 1955 werden von ihm wieder aufgebaut, darunter der legendäre, stromlinienförmige Weltrekordwagen W 125 von 1937. Auch die Karosse des W 196, der 1993 zur Eröffnung des Mercedes-Benz Classic Centers in Fellbach am Eingang steht, trägt Ohlingers Handschrift. Eine Visitenkarte erster Klasse.

Später kann er zur Oldtimer-Messe in Essen direkt neben dem Mercedes-Stand eine hochglanzpolierte Alu-Karosse ausstellen, an der alle Finessen der Blechbearbeitung zu erkennen sind. "Das hat mir auch den Respekt der englischen Kollegen eingebracht, die auf diesem Gebiet führend sind", sagt Ohlinger. Der berufliche Erfolg spornt seinen Enthusiasmus für die Restaurierungskunst an historischen Fahrzeugen weiter an. Und er entwickelt eine gute Nase für außergewöhnliche Rennwagen. 

Von der Mille Miglia bis zum Oldtimer-Grand-Prix

Immer mehr steigert sich Joachim Ohlinger in seine Arbeit hinein, die oft ein wohlhabendes und anspruchsvolles Klientel bedient. An den Wochenenden betreut er seine Auftraggeber bei Oldtimer-Veranstaltungen wie der Mille Miglia oder dem OGP Oldtimer-Grand-Prix. An den Rennstrecken Europas findet er neue Kunden und kann sie – auch dank der Erfolge seines eigenen historischen Rennwagens – von der Zuverlässigkeit seiner Arbeit und seines Handwerks überzeugen. Ein Leben auf der Überholspur ohne Verschnaufpause. "Ich bin körperlich an meine Grenzen gegangen", sagt er rückblickend.

Vor 15 Jahren tritt er auf die Bremse, reduziert seinen Arbeitstag auf acht Stunden, gönnt sich pro Jahr vier Wochen Urlaub am Stück, reist durch Asien, erkundet die Anden. Über eine Hilfsorganisation bringt er in Peru Schülern das Schweißen bei. Er lässt sich zum Tanz­therapeuten ausbilden und engagiert sich im Hospiz. "Wenn man einen Menschen bis zum Ende begleitet, wird man mit sich selbst konfrontiert", sagt Joachim Ohlinger. Seit dieser Erfahrung sieht er sein eigenes Tun mit anderen Augen. "Mein Perfektionismus diente früher wohl mehr meinem Ego als dem Auto", verrät er dem Fachmagazin Motor Klassik.

Vom hohen Anspruch an die Qualität seiner Arbeit rückt Ohlinger nicht ab. Aber mit den Erlebnissen aus der ehrenamtlichen Sozialarbeit erweitert sich seine Perspektive. Er interessiert sich stärker für die Menschen hinter den Autos. Seine Handgriffe begreift er als Respektsbekundung an die Konstrukteure und Mechaniker aus der Pionierphase der Auto­mobilindustrie. Diese Philosophie, dazu seinen Fundus an Wissen und Fertigkeiten um die Bewahrung des technischen Kulturgutes Auto, möchte Joachim Ohlinger gern weitergeben. Er glaubt an die Zukunft der klassischen Fahrzeuge. 

Sieg bei Future Car Challenge

Vielleicht wurde diese Zukunft schon vor zehn Jahren eingeläutet: bei der RAC Future Car Challenge, dem weltweit führenden Wettbewerb für energieeffiziente Mobilität in England. Das elektrisch angetriebene Siegerfahrzeug kam auf der 107 Kilometer langen Strecke von Brighton nach London auf einen Energieverbrauch von 3,8 Kilowattstunden. Umgerechnet in Benzin wären das 0,4 Liter. Geschafft hat das ein nach historischem Vorbild gebauter dreirädriger Messerschmitt Kabinenroller KR 200, dank Alu-Karosse keine 300 Kilogramm schwer, entstanden in Ohlingers Werkstatt in Reichenbach.

Um der Zukunft die Tür offen zu halten, hat Joachim Ohlinger vorgesorgt und ein angrenzendes Grundstück gekauft. Die Restaurierungswerkstatt kann wachsen, vorausgesetzt es findet sich ein Nachfolger.