Kolumne Wie ein Wechsel die Ausbildung retten kann

Manchmal stellt man während der Ausbildung fest, dass die Inhalte zu schwer sind oder nicht den Vorstellungen entsprechen. Eine Alternative zum Abbruch kann ein Wechsel der Ausbildung sein. Ausbildungsberater Peter Braune zeigt an einem Beispiel, wie dies gelingen kann und welche Akteure helfen können.

Berufsschule, Klassenraum
Wenn die Lerninhalte der Ausbildung zu schwer sind, lohnt es sich, eine andere Ausbildung zu suchen. Oft können auch Ausbildungszeiten angerechnet werden. - © Mediteraneo - stock.adobe.com

Eine junge Frau, 24 Jahre alt, erreichte mit Erfolg die mittlere Reife. Ohne Praktikum fand sie einen Ausbildungsplatz als Kauffrau für Büromanagement in einem Handwerksbetrieb. Während der Ausbildung kooperiert der Meister mit einem Partnerbetrieb.

Die junge Dame nahm wegen ihrer schlechten Noten in Mathematik und im Rechnungswesen den Kontakt zu einer regionalen Ausbildungsbegleitung auf. Nach ihrer Meinung war der Unterrichtsstoff zu schwer. Die Büroleiterin und der Chef des Kooperationsbetriebes unterstützen sie durch Nachhilfe. Trotz aller Bemühungen verstand sie die Arbeitsabläufe nicht. Sie hatte das Gefühl, dass in der Berufsschule alle besser waren. So zog sie sich nach und nach zurück, meldet sich nicht mehr. Ihre Leistungen verschlechterten sich in mehreren Lernfeldern. Es sammelten sich hohe Fehlzeiten an. Ihre Klassenlehrerin legte ihr nah den Ausbildungsberuf zu wechseln. Ähnliche Äußerungen kamen auch vom Chef im Kooperationsbetrieb.

Erschwerend kam ihre kolossale Prüfungsangst hinzu. Sie litt schon lange unter dieser Phobie. Das war auch der Grund, warum sie die Prüfung zur mittleren Reife erst nach dem zweiten Anlauf bestanden hatte. Damals bat sie um Adressen für Therapieplätze und Nachhilfekurse.

Die junge Frau wusste nicht, welchen Beruf sie erlernen sollte. Ihr Freund zeigte kein Verständnis für ihre Situation. Er war der Meinung, dass die schlechten Noten nur entstehen, weil sie zu wenig lernt. Aber sie wollte auf keinen Fall den Ausbildungsberuf wechseln. Wie sollte sie sich in dieser offenbar ausweglosen Situation nur verhalten?

Eine Lösung wird gesucht

Der erste Schritt war ein Kontakt zur Klassenlehrerin. Sie bestätigte die nicht ausreichenden schulischen Leistungen.

Als zweiter Schritt wurde der Ausbildungsberater der Kammer eingeschaltet. Nach seiner fachkundigen Meinung war diese Ausbildung tatsächlich eine schwierige. Die Anforderungen in der Abschlussprüfung waren hoch. Er gab den Rat zu einem Ausbildungswechsel. Nach seiner Auffassung sei das für die junge Dame das Beste. Er schlug als Alternative die gleichwertige kaufmännische Vollausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel vor. Im Unterschied zur Kauffrau für Büromanagement und den dort überzogenen Prüfungsanforderungen bewegt sich das Niveau im Bereich Rechnungswesen und Buchhaltung in einem der Erstausbildung angemessenen Rahmen. Außerdem gab er einen wichtigen Hinweis: Der laufende Vertrag sollte nicht gekündigt werden. Er riet zu einem Aufhebungsvertrag in beiderseitigem Einvernehmen, mit der Begründung des Ausbildungswechsels zur Kauffrau im Einzelhandel.

Nun folgte ein Gespräch im Partnerunternehmen. Dort war der Eindruck entstanden, dass kein großes Interesse an der Ausbildung bestand. Die persönliche Situation und die damit verbundenen Probleme waren unbekannt. Eigentlich hatte man sich schon damit abgefunden, dass die Ausbildung abgebrochen wird. Im Kooperationsbetrieb waren alle sehr zufrieden. Aufgefallen war nur, dass der mathematische Bereich offenbar eine zu große Herausforderung war. Hervorzuheben waren aber sehr viele gute Kompetenzen der jungen Frau. Sie konnte sich die kleinsten Details in einem Gespräch merken, gut organisieren und sehr gut Kundengespräche führen. Sie war pünktlich, höflich und zuverlässig. Aufgrund dieser Stärken wäre der Kooperationsbetrieb bereit gewesen sie weiter auszubilden. Gleichwohl bestand die Meinung, der Ausbildungswechsel wäre eine große Entlastung. Der Betrieb versprach den weiteren Ausbildungsverlauf zu unterstützen und zu fördern.

Auf Grundlage aller Erkenntnisse wurden nun die aktuelle Ausbildungssituation und die Möglichkeiten zur erfolgreichen Prüfung gemeinsam analysiert. Dazu wurden die Vorteile für einen Ausbildungswechsel erarbeitet. Wichtige Pluspunkte waren der Verbleib im Kooperationsbetrieb und in der gleichen Berufsschule sowie die Anrechnung des ersten Ausbildungsjahres der Kauffrau für Bürokommunikation auf die neue Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel.

Glückliche Auszubildende

Mit diesen Änderungen rechnen nun alle Beteiligten damit, dass die ständige Überforderung abnimmt. Fehlzeiten sollten weniger und die schulischen Leistungen besser werden. Der neue Klassenlehrer wurde informiert und arbeitet mit der Ausbildungsbegleitung eng zusammen. Das gilt auch für die Zusammenarbeit mit dem Kooperationsbetrieb. Sie wird voraussichtlich eine solide kaufmännische Ausbildung machen, mit einer guten Chance die Prüfung erfolgreich zu absolvieren. Das ist eine gute berufliche Basis, um sich zukunftsorientiert weiterbilden zu können.

Nach Klärung aller Sachverhalte und Rahmenbedingungen hat die junge Frau der Alternative zugestimmt. Eine Entscheidung die von ihr selbst getroffen wurde. Das ist eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen dafür, dass der Wechsel erfolgreich verläuft. Ein weiterer wichtiger Aspekt war die berufliche Zukunftsplanung. Sie hat sehr viele Pläne und Träume. Eine gute Voraussetzung um ihr zu erläutern, dass die Ausbildung nur der erste Schritt ist in ihrem beruflichen Lebenslauf.

Ihr Ausbildungsbetrieb wurde informiert und die Vorgehensweise besprochen. Die Kammer wurde in Kenntnis gesetzt. Nun strahlt sie und ist glücklich über die gemeinsam erarbeitete Lösung.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.