Stefanie Kusemann schneidert Turnanzüge von Hand. Ihre aktuelle Kreation wird bei der Weltmeisterschaft der Turnerinnen und Turner in Liverpool vor 11.000 Zuschauern Premiere feiern. Bis dahin ist das Design streng geheim.

Vom 29. Oktober bis zum 6. November kämpfen die deutschen Turnerinnen in Liverpool um den Weltmeister-Titel. Auf dem internationalen Wettkampf-Parkett werden sie nicht nur ihre Fähigkeiten, sondern auch einen Turnanzug aus der Werkstatt von Stefanie Kusemann präsentieren. "Der erste Auftritt im neuen Anzug ist für die Mädels immer ein besonderer Moment, den sie sich nicht nehmen lassen wollen. Daher ist das Design bis dahin Verschlusssache", mahnt die 50-Jährige augenzwinkernd.
Der Stolz der Athletinnen auf ihr Outfit ist nachvollziehbar, denn bei der optischen Gestaltung bringen sie sich ein. Ein Dreivierteljahr vor dem Wettkampf beginnt die Arbeit an den Sportanzügen, die bei Schraube, Salto, Unterschwung und Co für Bewegungsfreiheit sorgen. Von Anfang an betreut Kusemann das Team bei seinen Wünschen, zeigt auf, was realisierbar und bezahlbar ist: "Sie haben eine WhatsApp-Gruppe gegründet, in der sie sich beraten. Außerdem haben sie eine Sprecherin gewählt, die mir das Feedback zu den Entwürfen gesammelt mitteilt." Anhand dieser Ideen versuche sie, in ihrer Werkstatt in Söhrewald bei Kassel das Beste für ihre besondere Kundschaft rauszuholen.
Das Hobby zum Beruf gemacht
Kusemann ist in der Welt des deutschen Turnsports selbst ein bekanntes Gesicht. Seit vielen Jahren wertet sie Punkte bei regionalen und nationalen Wettkämpfen. Das Nähen von Turn-, Trampolin-, und Gymnastikanzügen hat sie vom Hobby zum Beruf gemacht. In Freizeitkursen erlernte sie die Grundkenntnisse ihres Handwerks von einer Maßschneidermeisterin. Der Fokus auf Sportbekleidung kristallisierte sich jedoch erst später heraus: "Als ich einen Turnanzug für meine Tochter nähen wollte, habe ich ein Exemplar aufgetrennt und mir ein Schnittmuster gemacht. Danach habe ich das immer weiter perfektioniert." Im Jahr 1999 machte sie sich mit ihrer Firma "Riedi's" selbstständig.
Die Maßschneiderin des National-Kaders
2015 hatte die Maßschneiderin ihren ersten großen Auftrag für den National-Kader. Die damalige Bundestrainerin Ulla Koch, eine Bekannte von ihr, rief sie mit einem besonderen Anliegen an: "Ich war gerade auf Sylt beim Bäcker und habe eine große Platte Stückchen geholt. Dann kam der Anruf von Ulla Koch. Sie fragte, ob ich mir vorstellen könne für die Nationalmannschaft zu nähen", erinnert sich Kusemann genau.
Das Design der Turnanzüge für die Olympischen Sommerspiele in Rio 2016 lag in ihren Händen: "Es war ein junges Team damals, deswegen habe ich den Turnanzug jung, frech und spritzig gestaltet. Anstatt der üblichen schwarz-rot-goldenen Standardfarben habe ich Neonrot und Neongelb gewählt." Außerdem integrierte sie ein Schlangenlinienmuster, das sie in einem Teppich-Katalog entdeckte. Vor der Präsentation habe sie schlaflose Nächte gehabt. Allerdings war ihre Sorge unbegründet. Ihr Werk gefiel den Sportlerinnen und Sportlern gut.

Aus Söhrewald in die Welt
In der Erdgeschosswohnung ihres Elternhauses arbeitet Kusemann mit vier Industrie-Nähmaschinen und zwei Mitarbeiterinnen an ihren Aufträgen. Über 10.000 Anzüge habe sie bereits hergestellt. Ihr mehrheitlich weiblicher Kundenstamm erstrecke sich heute von regional aktiven Breitensportlerinnen bis hin zu Kader-Athletinnen aus Liechtenstein. Sie freut sich mit ihren Kundinnen und Kunden über ihre Erfolge. "Manchmal kommen Turnerinnen danach zu mir und sagen: Ich habe in deinem Anzug gewonnen, danke! Ich erinnere sie dann daran, dass sie das selbst geleistet haben und nicht ihre Kleidung", berichtet die 1,65 m große Frau strahlend.
Langbeiniger Schnitt gegen sexualisierte Gewalt
Mit ihrem Schaffen unterstützt sie auch ein politisches Statement des deutschen Damen-Teams: Bei den Europameisterschaften 2021 traten die Athletinnen erstmals in einem langbeinigen Anzug an. Üblich waren bis dahin knappe Modelle, deren Schnitt an einen Badeanzug erinnert. Während der Übungen kann dieses verrutschen - ein Szenario, das Turnerinnen verunsichert. Als eine Anfrage des Kaders bei Stefanie Kusemann einging, ob sie auch Anzüge mit Bein schneidern könne, bejahte sie. Einen solchen Schnitt hatte sie zuvor für einen Verein gefertigt. Auch der Kader bestreitet darin nun ab und an Wettkämpfe. Seitdem steige die Nachfrage an, berichtet die Maßschneiderin.
In Konkurrenz zur Industrie
Obwohl Kusemann sich heute etabliert hat, sei der Start als Solo-Selbstständige keineswegs einfach gewesen: "Ich habe alle Fehler gemacht, die man machen kann. Das Wissen um Buchhaltung oder betriebswirtschaftliche Aspekte hatte ich nicht." Auch nach 23 Jahren lerne sie noch hinzu. So merke sie beispielsweise, dass ihre Preispolitik selbstbewusster sein könne: "Wenn jemand einen handgeschneiderten Anzug haben möchte, der in Deutschland von einer Maßschneiderin genäht wurde, dann hat das eben seinen Preis."
Für eine schlichte Ausführung nimmt sie etwa 100 Euro. Ihr bislang teuerster Anzug war der, in dem die deutsche Turnerin Pauline Schäfer-Betz im Jahr 2021 bei der WM in Japan zur Silbermedaille turnte. Mit einem aufwendigen Muster verziert und mit rund 2.000 Ziersteinchen besetzt, kostete er 450 Euro. "Ein Industrie-Unternehmen könnte den für 200 Euro herstellen", seufzt Kusemann.

Da ihre Auftragsbücher randvoll seien, mache eine Preissteigerung aus ökonomischer Sicht Sinn. "Aber meine Anzüge sollen für alle zugänglich sein. Wenn ein Verein nur wenig Geld ausgeben kann, dann finden wir zusammen einen Weg, wie wir sie günstiger gestalten können." Der Stundenlohn, den sie sich selbst anrechne, betrage höchstens 20 Euro, schätzt sie. Der Jahresumsatz lag im letzten Jahr bei rund 80.000 Euro.
Die eigene Leistung stetig toppen
Auch für die Kleidung des Männer-Teams ist die Nordhessin verantwortlich. Allerdings seien die Anzüge dort einfacher gehalten und kaum verziert. So errang der deutsche Turner Fabian Hambüchen seine legendäre Goldmedaille am Reck in der brasilianischen Metropole in Klamotten, die Kusemann gefertigt hat.
Bisher habe sie die Auftritte des deutschen Teams auf der Olympischen Bühne noch nie live gesehen. Ein Punkt, den sie 2024 ändern wolle: "In Paris will ich vor Ort dabei sein und das Team anfeuern", betont sie motiviert. Die Arbeit an der passenden Sportbekleidung würde voraussichtlich 2023 starten. Ein gewisser Druck sei vor solchen Veranstaltungen spürbar, gibt Kusemann lachend zu: "Bei den Einkleidungsterminen heißt es immer: 'Steffi, das ist der beste Anzug aller Zeiten!' Vor dem nächsten großen Wettkampf weiß ich manchmal gar nicht, wie ich diese Reaktion noch toppen soll", verrät die Maßschneiderin mit Lachfältchen um den Augen. "Aber bisher hat es am Ende immer geklappt."