Zupfinstrumenmacher Nikola Petrek Über Main-Wasser, Musik und die Freiheit im Geiste

Der Zupfinstrumenmacher Nikola Petrek stellt seine Ideale konsequent über ökonomische Zwänge. Was nach marktwirtschaftlicher Logik zum Scheitern verurteilt ist, funktioniert bei ihm hervorragend: Sein guter Ruf reicht bis Guatemala.

Zupfinstrumentenmacher Nikola Petrek in seiner Werkstatt in Frankfurt
Nikola Petrek kennt sich mit allen Zupfinstrumenten aus, hat sich jedoch auf Gitarren spezialisiert. - © Annabel Aulehla

Schrammen im Lack, abgespielte Bundstäbchen, Risse im Griffbrett: Eine Gitarre altert und wächst ihrem Besitzer beim Spielen ans Herz. Wer sein Musikinstrument beschädigt, fühlt sich miserabel. Nikola Petrek erweckt es wieder zum Leben. Der Zupfinstrumenmacher aus Frankfurt ist auf Reparaturarbeiten spezialisiert und hat sich damit einen Namen gemacht: Selbst die Gitarre von Elvis Presley ging durch seine Hände. Auch als Gitarrenbauer wird er häufig angefragt, jedoch stellt er neue Instrumente nur in sehr geringer Stückzahl her. Dementsprechend sind sie rar und selten verfügbar.

Jedes seiner Werke ist für ihn Ausdruck seines Inneren, sodass er sich nur schwer von ihnen trennen kann. Sie entstehen in einem monate-, teils jahrelangen Prozess, in dem er seine Handarbeit von kreativen Impulsen leiten lässt. Eines seiner Instrumente brachte ihm mediale Aufmerksamkeit ein: Die Frankfurt Historic Guitar. Sie markierte einen besonderen Erfolg als Gitarrenbauer und den Beginn seiner längst überfälligen Selbstständigkeit.

Maximale Freiheit auf acht Quadratmetern

Mit routinierten, sicheren Handgriffen und 25 Jahren Berufserfahrung arbeitet Petrek an seinen Projekten, denen stets auch ein künstlerischer Aspekt innewohnt. Schauplatz ist seine 8,38 Quadratmeter zählende Werkstatt in Frankfurt. In dem winzigen Zimmer steht eine alte Werkbank aus Massivholz. Darüber hängen Schnitzmesser, Inbusschlüssel, Stemmeisen, Ziehklingen sowie andere Handwerkzeuge aufgereiht an der Wand. Trotz der überschaubaren Fläche ist dieser Ort für den Zupfinstrumentenmacher-Gesellen ein Inbegriff von Freiheit: "Ich habe die Fähigkeiten und die Mittel, meine Ideen hier in diesem kleinen Raum umzusetzen. Ich stelle es mir schrecklich vor, wenn man einen Impuls hat und ihn nicht realisieren kann", sagt der graumelierte Handwerker im schwarzen Hemd. 

Meister der Reparaturen

Seit 22 Jahren ist er nun im Frankfurter Nordend zu Hause. 2019 hat er sich selbstständig gemacht. Bei seinen Reparaturen wagt sich der Musiker auch an die kompliziertesten Fälle heran. "Ich habe schon immer gerne Sachen repariert, im Gegensatz zu vielen Kollegen, die es in der Regel überhaupt nicht mögen. Instrumente wieder spielbar zu machen und sie zu erhalten, ist oft herausfordernd. Aber vielleicht ist das auch der Grund, warum es so ein tolles Gefühl ist", erklärt er mit warmer, leicht kratzender Stimme.

Diese Eigenschaft habe er von seinem Großvater: "Er hat eher schlecht als gut Geige gespielt, aber liebte es, sie auf dem Küchentisch zu reparieren. In seinen Handgriffen lag etwas Ruhiges, Sicheres, Sinnliches, Würdevolles fast schon Meditatives. Bis heute sehe ich sofort, ob sich jemand mit Achtsamkeit einer Sache zuwendet oder nicht."

Ein beeindruckendes Beispiel seiner Fähigkeiten ist seine eigene E-Gitarre, die in der Vergangenheit einen Kopfplattenbruch erlitten hatte. Der Schaden kommt einem Genickbruch gleich und ist schwer zu reparieren. Petrek hat seine Gitarre geheilt. Lediglich eingeleimte Hölzer zeugen noch von dem Unfall. Da sie nicht lackiert wurden, stechen sie auf dem rot-braunen Gitarrenhals optisch deutlich hervor. Wer mit dem Finger darüber streicht, findet jedoch nicht den kleinsten Hinweis auf eine Reparatur.

Auf die Frage nach dem Preis für eine solche Leistung weicht er aus: "Manche Reparaturen, auch diese hier, überschreiten den Marktwert eines Instruments. Mir geht es darum, Instrumente, die etwas erlebt haben - Geschichten, Emotionen und auch manchmal einen Teil des Spielers in sich tragen - zu erhalten." Aber für einen Fall wie diesen könne eine höhere dreistellige Summe anfallen, verrät der Handwerker dann doch.

Mit jedem Auftrag noch besser werden

Wer zu ihm komme, wisse Qualität zu würdigen: "Ich habe das Glück, tolle Kunden zu haben. Sie kommen nicht zu mir, weil sie ihr Instrument so kostengünstig wie möglich repariert haben möchten. Das sind Menschen, die es wertschätzen, wie ich meine Arbeit ausübe. Oft fragt man mich gar nicht nach dem Preis", sagt Petrek. "Ich könnte auch einen Sattel für 30 Euro herstellen. Aber ich möchte den besten Sattel machen, den ich bis dato hergestellt habe. Und jede Arbeit, mag sie auch repetitiv sein - für manch einen auch eintönig oder langweilig - verbessert meine handwerklichen Fähigkeiten." Bei der Frage, ob er berühmte Kunden habe, schmunzelt er und antwortet leise und beiläufig "Ich habe Kunden, die die Festhalle dreimal vollmachen und ja, ich bin auch manchmal privat bei denen zu Hause oder sie sitzen hier bei mir und schnuppern ein wenig Werkstatt-Luft, aber damit gebe ich nicht an."

Social Media als unverhoffte Bühne

Selbstdarstellung lehnt der Idealist ab. Auch für den Schritt in die sozialen Netzwerke brauchte er erst einen Schubser von einem guten Freund. "Ich dachte immer, das wäre nur egomanische Selbstdarstellung. Aber da lag ich falsch." Mit seinem Charisma und seiner Expertise begeistert Petrek eine wachsende Zahl von Followern auf Instagram und Youtube.

Seine Videos bringen ihm nicht nur Likes ein, sondern erweitern auch seinen Kundenstamm: Eines Tages erreichte ihn ein Auftrag aus Guatemala. Genauso unverhofft schrieb ihn der Sohn des Gitarrentechnikers von Bruce Springsteen an. Den Erfolg kann er sich teilweise selbst nicht erklären. So wurden seine Sound-Check-Videos, in denen er reparierte Instrumente probespielt, von großen Kanälen geteilt, ohne dass er diese darum gebeten hatte: "Diese Kanäle zeigen sonst nur herausragende Musiker und ich sitze da und spiele eine Michael Jackson Bass-Line oder improvisiere etwas auf der Gitarre und die Leute feiern das", berichtet er amüsiert.

Trotz seines Erfolges ist Authentizität das Gebot, nach dem er handelt. Zweck sei nicht, viel Geld zu verdienen, sich mit anderen zu messen oder noch bekannter zu werden: "Eigentlich will ich mir nur die Freiheit bewahren, aus der Ruhe heraus meine Ideen umzusetzen. Ich möchte ein freier Handwerker sein und mir diese Freiheit auch im Geiste bewahren - mehr nicht", erzählt er während er aufrecht auf einem alten Drehhocker sitzt. Was für das Handwerk gilt, gelte auch für seine Musik: "Musik darf nicht konstruiert und berechnet sein. Ich improvisiere daher viel lieber."

Das Virus in der Blutbahn

Sein erstes Instrument war ein Klavier. Im Alter von acht Jahren begann er zu spielen. "Ohne Musik würde ich jetzt möglicherweise nicht hier sitzen", gibt er zu bedenken. Petrek wuchs im damals sozial schwachen Gallusviertel auf. "Unsere Wohnung war ein Provisorium, weil meine Eltern nach Hause zurück wollten", erinnert er sich. Seine Familie hatte ihr Heimatland Kroatien, damals noch Teil Jugoslawiens, vor seiner Geburt verlassen. "Mein Vater wollte sich dem damals dort herrschenden politischen System nicht anpassen und unterordnen.“

Mit zwölf Jahren bekam der junge Petrek von seinem Vater eine E-Gitarre geschenkt. "Seitdem ist das Virus in meiner Blutbahn", lacht er. Als Kind der 1970er-Jahre fiel sein Abitur in die Zeit des Jugoslawien-Kriegs. Um nicht zum Militär zu müssen, schrieb er sich an der Uni Frankfurt für Jura ein, wechselte aber schnell zu Musikwissenschaft. In den Semesterferien absolvierte er ein Praktikum bei Schack Guitars in Hammersbach. Am Ende bot man ihm einen Ausbildungsplatz an.

Um nebenher Geld zu verdienen, setzt er kaputte Gitarren in Stand. "Wenn ich 100 Mark zur Verfügung hatte, habe ich 50 davon für Werkzeug ausgegeben." Über seinen Bruder, der eine Laufbahn als Tontechniker einschlug, kam der Bassist und Gitarrist in Kontakt mit dem Musikhaus Cream-Music. Er erledigte die ersten Aufträge für seinen späteren Arbeitgeber. Nachdem er seine Ausbildung beendet und zwei Jahre von Musik gelebt hatte- Rock 'n'Roll und Metal in drei verschiedenen Bands – wurde daraus eine Festanstellung.

Die Frankfurt Historic Guitar

Als das alteingesessene Geschäft im Jahr 2019 die Geschäftsräume im Frankfurter Bahnhofsviertel aufgab, kam Nikola Petrek die Idee, die letztlich den Weg in die Selbstständigkeit weisen sollte. An dem alten Standort schraubte er ein Nadelholzbrett ab, das über dem Tresen montiert war: "Billy Idol, Alice Cooper, die Rolling Stones, Gary Moore, Rory Gallagher und andere Größen der Musik standen dort vorm Tresen. Und über dem Tresen hing dieses Regalbrett. Es hat alles gesehen, was dort seit den 1950er-Jahren passiert ist, alle Legenden, die dort waren. Ich wusste sofort, ich muss eine Gitarre daraus bauen."

Er nahm sich Urlaub, um seine Vision umzusetzen. Als Schlagbrett verwendete er ein Stück der alten Tapete aus den 30er Jahren, die er hinter den Vitrinen entdeckte. Außerdem wässerte er das Holz, um auch kleinste Fasern noch schleifen zu können. Und zwar mit Mainwasser, das er beim Spazieren gehen entnahm. Das Endergebnis: Die Frankfurt Historic Guitar. Das Stück Frankfurter Musik-Geschichte weckte rasch das Interesse der lokalen Medien, der Stadt Frankfurt und des Oberbürgermeisters. Für Petrek war zu diesem Zeitpunkt klar, dass sein Weg als Handwerker und Künstler in die Selbstständigkeit führt.

Selbstständigkeit war überfällig

Er ging den Schritt und bereicherte im Anschluss die Frankfurter Bahnhofsviertelnacht mit einer audio-visuellen Installation der Frankfurt Historic Guitar.  Und zwar am Ort ihrer Entstehung: Den leerstehenden Räumlichkeiten des Musikladens. Die Aktion fand immensen Anklang und erzeugte weiteres mediales Echo für den Gitarrenbauer: "Die Bahnhofsviertelnacht hat mir Energie gegeben. So ein Projekt alleine auf die Beine zu stellen, war ein unfassbarer Kraftakt. Zwischen all dem Trubel bei dieser Veranstaltung einen ruhigen Ort zu schaffen, in dem sich die Leute gerne aufhalten. Ihre Bereitschaft in diese - meine - Welt einzutauchen, zaubert mir auch heute noch ein Lächeln ins Gesicht. Es war wundervoll."  Um Kunden musste er sich nicht sorgen. 

In den darauffolgenden Jahren baute er sich ein stabiles Fundament auf, das ihm erlaubt, seinen Ideen nachzugehen. "Es ist wichtig, sich die Freiheit zu bewahren, spontane Eingebungen umzusetzen, auch wenn unklar ist, wohin sie führen." Unverzichtbare Inspirationsquelle ist dabei die Nähe zur Natur: "Ich bin immer gerne in der Natur unterwegs, da werde ich inspiriert, da kommen mir Ideen, dort spüre ich mich, dort ist der Ursprung meines Schaffens." Ein Traum, den er sich noch erfüllen möchte: Eine mobile Werkstatt, mit der er an den schönsten Orten der Welt Gitarren bauen kann. "Was heißt Traum", denkt er laut nach. "Ich mache das noch."