Selbstständige mit Migrationshintergrund "Längst nicht mehr der Dönerladen um die Ecke"

Das Potenzial von gründungswilligen Menschen mit Migrationshintergrund ist groß für die deutsche Wirtschaft. Im Interview erklärt Wirtschaftsexperte Armando García Schmidt, wie das Handwerk von Selbstständigen mit Migrationshintergrund profitiert – und warum es ihnen teils an "sozialem Kapital" mangelt.

Armando García Schmidt
"Menschen mit Migrationshintergrund fehlt es an sozialem Kapital", sagt Armando García Schmidt, Wirtschaftsexperte bei der Bertelsmann Stiftung. - © Kai Uwe Oesterhelweg

Armando García Schmidt ist Wirtschaftsexperte bei der Bertelsmann Stiftung. Er hat in mehreren Studien erforscht, welche Bedeutung Selbstständige mit Migrationshintergrund für die deutsche Wirtschaft haben.

Armando Garcia Schmidt im Interview

Herr García Schmidt, warum sind Selbstständige mit Migrationshintergrund so wichtig für die deutsche Wirtschaft?

Armando García Schmidt: Selbstständige mit Migrationshintergrund leisten einen wichtigen Beitrag gegen die Gründungsmisere in Deutschland. Die Anzahl der gewerblichen Gründungen und der Selbstständigen insgesamt sinkt ja seit Jahren drastisch. Dagegen wächst die Anzahl der Selbstständigen mit Migrationshintergrund stark, wie wir in unseren Studien zeigen konnten. Gab es im Jahr 2005 noch 560.000 Selbstständige mit Migrationshintergrund in Deutschland, waren es 2020 bereits 860.000. Anders gesagt: 2020 gab es 300.000 mehr Selbstständige mit ausländischen Wurzeln als noch 2005.

Und nicht nur das: Diese Gruppe sorgt auch für einen hohen Beschäftigungseffekt in Deutschland. Im Jahr 2005 waren noch 980.000 Arbeitnehmer bei migrantischen Unternehmerinnen und Unternehmern beschäftigt, 2018 waren es bereits 1,5 Millionen.

Das heißt, dass es sich bei migrantischen Unternehmern nicht nur um Soloselbstständige oder Kleinstunternehmer handelt?

Richtig. Gegenüber migrantischen Unternehmen gibt es noch immer viele Vorurteile. Aber damit ist längst nicht mehr der Dönerladen um die Ecke oder das vietnamesische Nagelstudio gemeint. Unsere Studien zeigen, dass es einen positiven Wandel bei den Branchen gibt, in denen Menschen mit Migrationshintergrund selbstständig sind. Mit 26 Prozent sind die meisten zwar immer noch im Einzelhandel und im Gastgewerbe aktiv, aber dieser Anteil geht drastisch zurück. Dafür wächst der Anteil der Selbstständigen mit Migrationshintergrund zum Beispiel im verarbeitenden Gewerbe, im Handwerk und Baugewerbe, aber auch bei den wissensintensiven Dienstleistungen.

Der Anteil der Selbstständigen mit Migrationshintergrund wächst vor allem im verarbeitenden Gewerbe, im Handwerk und Baugewerbe.

Woran liegt es, dass so viele Migrantinnen und Migranten gründen?

Wir vermuten, dass es dafür unterschiedliche Motive gibt. Sicherlich gibt es unter den Selbstständigen auch viele Notgründerinnen und Notgründer, die sich zum Beispiel aus der Arbeitslosigkeit heraus selbstständig gemacht haben. Es gibt aber auch Chancengründer, die sagen: Ich gründe, weil ich als Angestellte oder Angestellter nicht adäquat bezahlt werde. Eine Erkenntnis aus unseren Studien ist besonders spannend: Die Selbstständigkeit erhöht im Durchschnitt die Chance auf ein höheres Einkommen für Migrantinnen und Migranten. Denn leider ist es in Deutschland immer noch so, dass es drastische Einkommensunterschiede zwischen Menschen mit und Menschen ohne Migrationshintergrund gibt. Von diesen Einkommensunterschieden betroffen sind sogar Personen, die in Deutschland geboren sind und hier eine Ausbildung gemacht haben, und lediglich einen zugewanderten Elternteil haben. Die Selbstständigkeit ist damit fast der einzige Weg, um daraus auszubrechen. Darüber hinaus zeigen unsere Studien aber auch, dass es eine hohe Zahl an hoch gebildeten Menschen aus dem Ausland gibt, die gezielt nach Deutschland kommen, um hier zu gründen.

In Ihren Studien haben Sie festgestellt, dass vor allem der Anteil an selbstständigen Frauen mit Migrationshintergrund steigt. Wie kommt es?

Das ist richtig. Bei den Frauen mit Migrationshintergrund wächst die Selbstständigenquote sehr viel stärker als bei den Männern. 2005 gab es knapp 170.000 selbstständige Frauen mit Migrationshintergrund, 2018 schon über 260.000. Das ist ein Wachstum von fast 60 Prozent. Woran das liegt, können wir nicht hundertprozentig sagen. Unsere Vermutung ist aber, dass das ein Nachholeffekt ist. Denn auch bei Selbstständigen ohne Migrationshintergrund liegt das Verhältnis der Selbstständigen bei Zwei Drittel Männer und ein Drittel Frauen. Wir schätzen, das Wachstum hängt mit dem Zuzug gut gebildeter Frauen aus dem Ausland zusammen sowie mit einem wachsenden Bildungserfolg von Menschen mit Migrationshintergrund beiderlei Geschlechts.

Welchen Problemen begegnen Menschen mit Migrationshintergrund bei der Gründung?

Viele migrantische Unternehmerinnen und Unternehmern haben uns berichtet, dass sie es schwer haben, an Informationen zu kommen. Das kann einerseits an unzureichenden Sprachkenntnissen liegen. Andererseits fehlt es ihnen vielfach an Zugängen zu Fachwissen, aber auch an Netzwerken. In der Soziologie würde man sagen: Menschen mit Migrationshintergrund fehlt es an sozialem Kapital. Denn man darf nicht unterschätzen: Es ist grundsätzlich etwas anderes, ob man in einer Gesellschaft aufgewachsen ist oder nicht. Oder ob man Eltern und Bekannte hat, die selbst selbstständig sind und zum Beispiel wissen, wie man eine Steuererklärung macht. All das nachzuholen, funktioniert ad hoc leider nicht.

Migrantischen Unternehmerinnen und Unternehmern fehlt es vielfach an Zugängen zu Fachwissen, aber auch an Netzwerken.

Darüber hinaus beklagen sich viele migrantische Unternehmerinnen und Unternehmer bei uns über eine von ihnen wahrgenommene Diskriminierung. Zum Beispiel, wenn es um Finanzierungen bei der Bank geht. Ihre Vermutung ist: Jemand, der keinen Migrationshintergrund hat und einen deutschen Namen, hätte den Kredit mit demselben Businessplan wahrscheinlich bekommen. Tatsächlich ist das ein Problem. Denn es führt dazu, dass sich Gründerinnen und Gründer mit Migrationshintergrund oft komplett privat finanzieren müssen. Und das bedeutet meist, dass sie das nicht nur aus eigener Tasche tun, sondern die gesamte Familie oder der Bekanntenkreis ein großes finanzielles Risiko eingehen.

Wie könnten Selbstständige mit Migrationshintergrund besser unterstützt werden?

Es braucht vor allem eine gute Beratungsinfrastruktur, damit migrantische Unternehmerinnen und Unternehmer mehr Zugänge zu notwendigem Wissen erhalten. Eine "Gründungsberatung für alle" reicht bei Weitem nicht aus. Die Beratung für Gründerinnen und Grüner mit Migrationshintergrund muss niedrigschwellig, fachspezifisch und auf Augenhöhe sein. Als gelungenes Beispiel nenne ich oft ein Angebot der Handelskammer Hamburg, die mit einer Organisation von migrantischen Unternehmerinnen und Unternehmern eine Kooperation eingegangen ist. Viele gründungswillige Migrantinnen bzw. Migranten sind von sich aus auf diese Vereinigung zugegangen, weil es dort fremdsprachige Berater gibt. Diese Organisation hat also den ersten Beratungsschritt gemacht. Sobald es jedoch an die Feinberatung ging, hat die Handelskammer übernommen.

Darüber hinaus sind Mentoren- und Mentorinnensysteme sinnvoll – auch unter dem Gesichtspunkt, dass in Deutschland viele Unternehmensnachfolger fehlen. Erfahrene Unternehmer gehen dabei mit gründungswilligen Migrantinnen und Migranten eine Partnerschaft ein. Denn diese benötigen nicht nur das Fachwissen, sondern vielfach auch Netzwerke und hilfreichen Bekanntschaften, die bei verschiedenen Fragestellungen schnell unterstützen können.