TV-Kritik: MDR-Umschau zu wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Kriegs So hart treffen die Sanktionen den deutschen Mittelstand

Während die Sanktionen des Westens gegen Russland zu wirken beginnen, fragen sich viele Deutsche, wie die wirtschaftlichen Auswirkungen sie selbst treffen. Die MDR-Umschau ging dieser Frage nach und spannte einen weiten Bogen vom Spritpreis bis zu den Konsequenzen für Mittelständler.

Bildmontage: Farben der Nationalflaggen von Ukraine und Russland, Hand stapelt Münzen.
Die MDR-Umschau widmete sich in mehreren Beiträgen der Frage, welche Auswirkungen der Ukraine-Krieg und die Sanktionen des Westens gegen Russland auf deutsche Firmen haben. - © Miha Creative - stock.adobe.com

Kurzarbeit. Ein Wort, das angesichts der derzeit anstehenden Lockerungen weitgehend der Vergangenheit angehören sollte. Doch jetzt, im Zuge des Kriegs in der Ukraine, steht es wieder auf der Tagesordnung – zumindest bei einigen mittelständischen Firmen, die ihre Waren in Richtung Russland oder Ukraine liefern. "Sollten die neu geplanten Sanktionen unsere Produkte betreffen, wird sicherlich ein Teil der Belegschaft in Kurzarbeit gehen müssen", hatte Matthias Ihlow, Geschäftsführer der Magdeburger Industrie-Armaturen-Manufaktur, dem MDR schon im Vorfeld der jüngsten Sanktionen gesagt. Die Firma baut und liefert Spezialarmaturen für die Ölverarbeitung und erzielt ein Drittel ihres Umsatzes auf dem russischen Markt. Mittlerweile besteht ein Exportverbot nach Russland, die Kurzarbeit ist da. Das sei ein Schock, teilt Ihlow im Interview mit. Auch Versuche, die Folgen abzufedern, bräuchten Zeit, ehe sie Effekte zeigen könnten.

Sanktionen: Probleme in vielen Bereichen

Nicht nur Firmen, die sich in naheliegenden Bereichen wie der Ölförderung betätigen, sind betroffen. Auch bei Schülken-Form im thüringischen Waltershausen geht die Angst vor den Auswirkungen der Sanktionen um. Dort werden Kunststoffteile für die Medizin- und Autobranche hergestellt, die unter anderem nach Russland exportiert werden. Der Geschäftsführer gesteht im Interview mit dem MRD, dass es derzeit schon schwierig sei, Zahlungen mit Russland abzuwickeln. Der Westen hatte Russland aus dem internationalen Zahlungsverkehrssystem Swift ausgeschlossen. Die Fertigung, die das Unternehmen in Russland selbst besitzt, hat Probleme bei der Versorgung mit Ersatzteilen. Zumal einige Geschäftspartner ihre Beziehungen aufgrund des Standorts in Russland ausgesetzt haben. Das ganze Geschäftsmodell, so scheint es, ist derzeit bedroht.

Sachlicher Stil des MDR ist verdienstvoll

Auf den ersten Blick wirkte die jüngste Ausgabe des MDR-Magazin Umschau möglicherweise kalt. Schließlich drehte sich die Folge um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Sanktionen auf heimische, mittelständische Unternehmen. Vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine, der zahlreiche Menschenleben fordert, eine nüchterne Schwerpunktsetzung. Doch natürlich muss sich Journalismus eben auch professionell mit dem ganzen Bild beschäftigen und das taten die MDR-Redakteure, ganz ohne wehklagenden Unterton, dafür sachlich und faktensicher. So wurden auch die wirtschaftlichen Beziehungen durch Grafiken, die den Anteil der Ex- und Importe aus Deutschland nach Russland darstellten, in einen größeren Kontext gesetzt. Natürlich sind zehn Prozent deutscher Importe am russischen Gesamtimport nicht überdurchschnittlich viel, aber diese Zahl steht eben auch für Unternehmen, deren Chefs und Mitarbeiter nun von Einbußen, Kurzarbeit und Entlassung bedroht sind. Das gehört zum professionellen Blick auf das Geschehen dazu. Es war verdienstvoll, dass der MDR sich dieses Themas annahm.

Experte: Mittelständler haben es schwerer als große Firmen

Die Einordnung übernahm ein externer Experte, was dem Beitrag noch mehr Substanz verlieh. Alexander Libman, Politikwissenschaftler aus Berlin, stellte fest, dass die Sanktionen "so tiefgreifend" sein würden, dass Mittelständler kein Russland-Geschäft mehr machen könnten. Zeitgleich sei auch kein Geschäft mit der Ukraine mehr möglich, da dort die "Veränderung der politischen Ordnung massiv" sein werde. All das täte vor allem dem Mittelstand weh, da größere Unternehmen besser diversifizieren und sich besser gegen solche Risiken absichern könnten. Libmans harter Schluss: "Mittelständler haben da begrenztes Potenzial." Schließlich ging es noch um eine Firma, die Werkzeugmaschinen herstellt, die unter anderem für militärische Zwecke genutzt werden können. Ihr wurde ein Exportverbot auferlegt. Darüber hinaus kommen Zulieferteile aus der Ukraine nicht an. All das zeigte: die Auswirkungen sind bei allen Beteuerungen der Politik, dass die Sanktionen Putin härter treffen als die heimische Wirtschaft, doch spürbar.

Die Teuerung der Energie erhält neuen Schub

Die Sanktionen sind beileibe nicht die einzige Baustelle, die Unternehmen und Verbraucher in Deutschland aus ökonomischer Sicht belastet. Denn zeitgleich steigen die Energiepreise angesichts der Eskalation in der Ukraine weiter. Ein Prozess, der politisch im Rahmen der Energiewende bereits in Gang gesetzt wurde – die Verteuerung etwa von Öl, Gas und damit auch Benzin – erhält nun einen zusätzlichen Schub. Ein Super-Benzin-Preis um die zwei Euro sei schon bald denkbar, sagte eine Expertin.

Größte Abhängigkeit von Russland beim Gas

Auch die umfassende Abhängigkeit von den Kohle-, Öl- und vor allem Gaslieferungen aus Russland wurden beleuchtet. "Wir stehen in einer klaren Abhängigkeit gegenüber Russland, was diese Importe angeht", sagt etwa Kerstin Andreae, Ex-Grünen-Politikerin und Geschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft. Diese Klarheit kennzeichnete den gesamten Beitrag. Es handelte sich um eine professionelle Bestandsaufnahme einer Abhängigkeit, die sich zuletzt in vielerlei Hinsicht als fatal erwiesen hat. Der Tenor: Bei der Kohle sei der russische Anteil gut ersetzbar, beim Öl durch eine nationale Reserve zumindest zeitweise, aber insgesamt weniger gut. Die größte Abhängigkeit gebe es beim Gas.

Es ist Musik in der deutschen Energiepolitik

55 Prozent der deutschen Gasimporte stammen aus Russland und das Geschäft sei auch immer stark "politisch determiniert", sagte ein Experte von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Will heißen: Es ist ein Geschäft mit unvorhersehbaren Entwicklungen. Derzeit bemühe man sich um Alternativen, doch bis das von der Bundesregierung geplante Flüssiggas-Terminal gebaut ist, dürfte das schwierig bleiben. Genau wie die geplante Umsetzung der Energiewende, für die Gas als Brückentechnologie eingeplant war. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer kam im Beitrag ebenfalls zu Wort. Aus Atom und Kohle auszusteigen, und die Zeiten der Dunkelheit und Flaute mit Gas kompensieren zu wollen, könne jetzt nicht der richtige Weg sein, weil so die Abhängigkeit noch gesteigert werde. Es ist offenbar Musik drin in der deutschen Energie- und Klimapolitik und derzeit sind auch vermeintlich sichere Gewissheiten wieder auf dem Markt der Ideen verhandelbar. Auch dieser Beitrag war clever aufgebaut und faktenfest aufbereitet.

Fazit: Eine sehr gute Sendung des MDR

Abschließend zeigte der MDR, welche konkreten Auswirkungen die Teuerung bei der Energie hat. Ein Reporter machte an polnischen Tankstellen den Test, ob er dort, wo der Sprit deutlich günstiger ist, einen Kanister mit Benzin auffüllen dürfe. Eigentlich sei das verboten, hieß es. Einmal schritt ein Tankstellenmitarbeiter ein, doch zweimal klappte das Vorhaben auch. Interessant ist die Aussage einer Tankstellen-Betreiberin, die zwei Drittel ihres Geschäfts mit deutschen Tanktouristen mache. Der Wert erstaunt und er zeigt, dass die Deutschen beginnen, den hohen Preisen im eigenen Land auszuweichen.

Die generelle Inflation, die zwar noch zu einem Gutteil, aber eben nicht mehr nur auf den Energiepreisen beruht, ist ein mächtiges Argument in der Debatte um die Zukunft der Energie in Deutschland. Das letzte Wort scheint in diesen historischen Zeiten noch nicht gesprochen zu sein, weil die ökonomischen Verwerfungen in Deutschland immer mehr zunehmen. Sehr gut, dass der MDR sich dieser Thematik so sachlich gewidmet hat – denn wie zuletzt auf ganz unterschiedlichen Politikfeldern zu beobachten war, schadet ein nüchterner Blick auf die Welt im Gegensatz zu dem durch die ideologische Brille nie.

>>> In der ARD-Mediathek können Sie alle Beiträge der MDR-Umschau anschauen.