Tierhaltung und Fleischkonsum in Deutschland Tierhaltungskennzeichnung könnte regionale Strukturen gefährden

Die neue Tierhaltungskennzeichnung ist formal in Kraft. Sie soll die Schweinehaltung tiergerechter machen. Im Fleischerhandwerk ist man skeptisch. Dort befürchtet man: Das neue verpflichtende Siegel könnte dazu führen, dass Kleinbauern aufgeben und regionale Fleischprodukte seltener werden.

Neue Tierhaltungskennzeichnung geplant - Schwein im Stall
Die neue verbindliche Tierhaltungskennzeichnung gilt ab August 2025. - © Надежда Сироткина - stock.adobe.com

Verbraucherinnen und Verbraucher wollen Transparenz. Sie wollen wissen, wo das Fleisch und die Wurst herkommen, die sie essen und ob es den Tieren vor der Schlachtung gut ging. Zumindest zeigen Umfragen immer wieder, dass regionale Lebensmittel an Bedeutung gewinnen. Bei Fleischwaren sind Angaben zu den Haltungsbedingungen der Tiere immer bedeutender. Der aktuellste Ernährungsreport des Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) belegt, dass die Befragten mit 79 Prozent großen Wert auf Angaben zu den Haltungsbedingungen legen. Die Regionalität der Produkte bei der Auswahl der Lebensmittel ist 77 Prozent der Deutschen wichtig.

Entsprechend hat auch BMEL umgeplant. Ein freiwilliges Tierwohlkennzeichen wie es die Vorgängerregierung wollte, ist so von der Bundesregierung nicht mehr vorgesehen. Auch keine eindeutige Tierwohlabgabe, die es vor allem Schweinehaltern finanziell leichter machen sollte, die Ställe tiergerechter umzubauen. Stattdessen gibt es nun eine verbindliche Tierhaltungskennzeichnung. Der Bundestag und Bundesrat haben den lange diskutierten Plänen von Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir zugestimmt. Formal ist die Gesetzesgrundlage für die Tierhaltungskennzeichnung für Schweinefleisch in Kraft. Doch es gilt eine Übergangsfrist. Handwerksfleischer müssen die neuen Vorgaben nach Angabe des Deutschen Fleischer-Verbands (DFV) eigentlich ab August 2025 in die Praxis umsetzen. Derzeit wird allerdings eine Verschiebung der Übergangsfrist bis März 2026 geplant.

So soll die neue Tierhaltungskennzeichnung aussehen

Freiwillig kann das Logo aber auch schon in diesem Jahr eingeführt werden. Zeitversetzt wird sie dann auch für andere Tiere später in Kraft treten. Dafür plant das BMEL eine Milliarde Euro ein, die die Tierhalter als Anschubfinanzierung bekommen sollen. Mehrausgaben für den Umbau der Ställe oder wenn Landwirte dazu übergehen, weniger Tiere zu halten und ihnen mehr Platz zu geben, sollen so unterstützt werden.

Das neue Label ist in seiner Gestaltung schlicht gehalten. Die enthaltenen Informationen sind angelehnt an die Kennzeichnung auf Eiern – in fünf Stufen von der Haltungsform der "Bio" bis hin zur ausschließlichen Stallhaltung ohne Freiluft. So sollen Verbraucher auf einen Blick erkennen, unter welchen Bedingungen die Tiere vor der Schlachtung gehalten wurden. Konkret vorgesehen sind fünf verschiedene Angaben zu den Haltungsformen geplant: Stall, Stall+Platz, Frischluftstall, Auslauf/Weide, Bio.

Aufgabe Umbau der Nutztierhaltung: Entscheidung an der Ladentheke

Zwar zeigen Umfragen immer wieder, dass die Tierhaltung und die Herkunft der Tiere den Fleischkonsumenten wichtig ist. Im Handel und an der Ladentheke ist davon bislang aber nicht im selben Maß etwas zu spüren. Beim Fleischeinkauf entscheiden sich immer noch zu wenige für Produkte, deren Herkunft erkennbar und bei denen klar ist, wie es den Tieren vor der Schlachtung ging. Meist bestimmt der Preis. Denn Umfragen zeigen Konrad Ammon zufolge meist ein verzerrtes Bild – Aussagen, die nicht das Handeln der Menschen wiedergeben. "Der Verbraucher spricht mit gespaltener Zunge. Wäre es anders, bräuchten wir nicht über mehr Tierwohl oder neue Kennzeichnungen diskutieren", sagt der Fleischermeister und Betreiber des Metzgerschlachthofs in Fürth.

Ammon erlebt zwar, dass das Interesse an regionalen Fleisch- und Wurstwaren aus artgerechter Tierhaltung vorhanden ist. Aber wenn der Preis ständig steigen muss, habe die Bereitschaft Grenzen. Steigerungen seien die Folge, wenn immer mehr gesetzliche Auflagen für die Tierhaltung, für Transport und Schlachtung vor allem den bürokratischen Aufwand für die Tierhalter erhöhen. "Immer mehr kleine Betriebe geben auf, vor allem bei den Schweinehaltern. Sie können den Aufwand nicht mehr stemmen", sagt der Schlachthof-Betreiber. Er erwähnt sogleich, dass dies nichts damit zu tun hätte, dass das Tierwohl auf der Strecke bleibt.

Die Betriebe, mit denen Ammon im Schlachthof Fürth und in seiner eigenen Fleischerei zusammenarbeitet, würden großen Wert auf eine artgerechte Haltung legen. "Es sind kleine Betriebe hier aus der Gegend, die sich ganz erheblich von der Massentierhaltung in engen Ställen unterscheiden. Zum Schlachthof haben sie außerdem kurze Wege", berichtet der Schlachthofchef.

Genau solche Betriebe brauchen laut Ammon weder neue gesetzliche Auflagen – im Gegenteil zur Fleischindustrie – noch neue Pflichten durch neue Kennzeichnungen. Helfen könne den kleinen Tierhaltungsbetrieben dagegen vor allem, wenn die regionalen Strukturen, die gute Zusammenarbeit in kleinen Netzwerken von Landwirten, Direktvermarktern und Handwerksfleischer ohne bürokratischen Druck, ohne Kostendruck durch Konkurrenz der Fleischimporte und mit mehr Akzeptanz der Verbraucher anwachsen. Das zu fördern, sei Aufgabe der Politik.

Fleischer-Verband fordert Diskussion über gesetzliche Standards auf europäischer Ebene

Ähnlich argumentiert auch der Deutsche Fleischer-Verband (DFV). Thomas Trettwer, Justiziar beim DFV, zweifelt an einer Notwendigkeit einer weiteren Tierhaltungskennzeichnung. "Nicht umsonst wird allgemein von einer Siegelflut gesprochen", sagt er. Das bedeute selbstverständlich nicht, dass dem Fleischerhandwerk nicht am Wohl der Tiere gelegen ist. Es falle seit jeher in den Kernbereich der fleischerhandwerklichen Tätigkeit.

Dennoch stellt er in Frage, ob angesichts der Kritik an geltenden Tierschutzstandards nicht eher hier ein Ansatzpunkt wäre. "Wenn man zu dem Ergebnis kommt, dass die gesetzlichen Vorgaben nicht den Anforderungen des Tierwohls genügen, wäre anstelle der Haltungskennzeichnung eher über eine Anpassung der gesetzlichen Standards auf europäischer Ebene nachzudenken." Seiner Meinung nach dürfte eine rein nationale Kennzeichnungsvorgabe außerdem dazu führen, dass eine weitere Abwanderung der Tierhaltung ins europäische Ausland stattfindet.

Neue Tierhaltungskennzeichnung: "Tierhalter brauchen eine Perspektive"

Eine Betroffenheit des Fleischerhandwerks sieht der DFV auf jeden Fall. Ausnahmen für kleine Betriebe oder unverpackte Ware sind im Gesetz nicht vorgesehen. Zu der Frage, was die neue Kennzeichnungspflicht für Fleischereien bedeutet, schreibt das BMEL in einer ausführlichen FAQ zum Thema: "Durch die verpflichtende Tierhaltungskennzeichnung – zunächst für frisches Schweinefleisch – wird die Haltungsform für Verbraucherinnen und Verbraucher transparent, auch an der Theke von Fleischereien und Metzgereien. Kosten entstehen für die Umsetzung der Kennzeichnung, wobei diese bei nicht vorverpackten Lebensmitteln auf einem Schild auf dem Lebensmittel oder in der Nähe des Lebensmittels erfolgen kann."

Des Weiteren erfolgt ein Hinweis für Fleischereifachbetriebe, die ausländisches Fleisch verkaufen und dieses kennzeichnen wollen. Denn dafür brauchen sie eine Genehmigung. Für die Kennzeichnung von in Deutschland produziertem Fleisch ist dagegen keine Genehmigung nötig. Das BMEL begründet die Unterschiede und auch, dass die Tierhaltungskennzeichnung nicht automatisch auch für Fleisch und Fleischprodukte aus dem Ausland gilt damit, dass EU- und WTO-Recht diesem Schritt entgegenstehen.

Dass es diese Unterschiede gibt und auch mit dem Start der neuen Kennzeichnung noch nicht klar ist, wie die nächsten Schritte aussehen und wie sie finanziert werden sollen, sorgt für Kritik. Konrad Ammon richtet einen Wunsch an die Regierung: "Die Tierhalter brauchen eine Perspektive, denn ständig ändern sich die Vorzeichen. Wenn nicht bald Klarheit geschaffen wird, geben noch mehr Kleinbauern auf. Und wir verlieren als Fleischer Möglichkeiten die regionalen Produkte anzubieten aus artgerechter Haltung, die angeblich jeder möchte", sagt der Fleischermeister.