"Gestaltung kann man erlernen" – an acht Standorten in Deutschland können Handwerker verschiedener Gewerke die staatlich anerkannte Weiterbildung zum "Gestalter im Handwerk" absolvieren. Den Austausch mit Gleichgesinnten empfinden
viele Absolventen als persönliche Bereicherung, die weit über ihren Beruf hinausreicht.

Wer Handwerk wörtlich nimmt, ist auf dem Holzweg. Nicht allein die Hand schafft das Produkt. Das Werk entsteht in einem Prozess, der nicht ohne Kopfarbeit auskommt. Gute handwerkliche Arbeiten heben sich durch ihre individuelle Gestaltung von der industriell gefertigten Massenware ab. Aber: "Gestaltung kann man erlernen", betont Barbara Schmidt, die Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft der Akademien für Gestaltung im Handwerk.
An acht Standorten in Deutschland (Aachen, Chemnitz mit Dresden, Halle, Lüneburg, München, Münster, Rohr, Stuttgart) und in Zürich wird die staatlich anerkannte Weiterbildung zum "Gestalter im Handwerk" angeboten. Einige der Akademien sind schon seit mehr als 35 Jahren aktiv, andere noch vergleichsweise jung. In den gewerkeübergreifenden Kursen können etwa Schreiner, Metallbauer, Raumausstatter, Schilder- und Lichtreklamehersteller, Steinmetze, Goldschmiede oder Keramiker mit- und voneinander lernen.
Design spielt eine zentrale Rolle im Handwerk
In rund 40 Prozent aller Handwerksberufe spielt das Design eine zentrale Rolle, aber die Weiterbildung steht allen Handwerkern offen. Der kreative Austausch unter den Gewerken, aber auch zwischen Gesellen und Meistern erweitert nicht nur den beruflichen, sondern auch den persönlichen Horizont.
Das kann Emmanuel Heringer nur bestätigen. Der Flechtwerkgestalter aus Schechen bei Rosenheim bezeichnet seine Fortbildung zum Gestalter als persönliche Bereicherung, die sich nachhaltig auf den Beruf auswirkt. "Man wird offener für neue Ideen und sicherer im Umsetzen", sagt Heringer, der zunächst Zimmerer gelernt hatte. Da dieser Job seinem Interesse an gestalterischer Tätigkeit jedoch nicht gerecht wurde, entschloss er sich zu einer zweiten Lehre bei einem traditionellen Korbmacher.
Modernes Flechtwerk in der Architektur
Inzwischen verbindet er in seinem Unternehmen "Geflecht und Raum" seinen ehemaligen Bauberuf mit dem Korbmacherhandwerk. Aufgrund seiner gestalterischen Kompetenzen, die er bei einem Praxisstipendium in der Villa Massimo in Rom weiter vertiefen konnte, interpretiert der 44-Jährige Flechtwerk heute in ganz anderen Dimensionen als die klassischen Korbmacher. Das Angebot reicht von geflochtenen Fassadenelementen, Wand- und Deckenverkleidungen über Fensterverschattungen bis hin zum Carport oder Gartentor. Die großflächigen Arbeiten Heringers für den Außen- wie für den Innenbereich entstehen nicht selten in Zusammenarbeit mit Architekten. "Überall dort, wo Bauherren Wert auf Optik und Haptik legen, sind meine Flechtarbeiten gefragt", sagt Heringer, der der Akademie für Gestaltung in München auch als Dozent verbunden bleibt.

Als Dozenten lehren Designer, Architekten, Künstler, Wissenschaftler genauso wie erfahrene Handwerksmeister, die oft selbst einst Absolventen waren – so wie Emmanuel Heringer. Ihnen gemeinsam ist das Anliegen, dass tradierte Kulturtechniken und Wissen nicht verloren gehen, sondern von den Absolventen bewahrt und in die Zukunft getragen werden. "Unsere Ausbildung ist eine Investition in Menschen, nicht zuletzt auch, um die Gewerke lebendig zu halten", sagt Barbara Schmidt. Und das lässt sich der Staat etwas kosten.
"Gestalter im Handwerk" werden mit finanzieller Förderung unterstützt
Die Teilnehmer des Vollzeitkurses, der inklusive Prüfung rund 15 Monate dauert, werden mit einem Aufstiegs-BAföG gefördert. Damit können sie die Kosten für ihren Lebensunterhalt sowie bei erfolgreicher Prüfung 75 Prozent der Gebühren (sonst 50 Prozent) finanzieren. In Bayern spendiert der Freistaat noch 2.000 Euro Meisterbonus. Handwerker im berufsbegleitenden Teilzeitkurs erhalten Corona-bedingt derzeit eine 100-prozentige Förderung aus dem Europäischen Sozialfonds.
Aber nicht nur der finanzielle Anreiz hebt die Stimmung unter den Teilnehmern im Kurs "Gestalter im Handwerk". Der Austausch zwischen kreativen Gleichgesinnten und der Transfer von Branchenwissen befruchtet ihre Wissbegier und steigert ihre Motivation. "Viele sprühen regelrecht vor Begeisterung", berichtet Barbara Schmidt, die auch die Akademie für Gestaltung und Design bei der Handwerkskammer für München und Oberbayern leitet.
Diese Atmosphäre schätzte und schätzt auch Emmanuel Heringer – als Absolvent wie als Dozent. "Das ist ein Austausch in beide Richtungen. Ich finde es spannend, wie die jungen Leute heute arbeiten. Da kann auch ein Dozent oder Meister etwas lernen", findet Heringer. Wichtig sei es, nicht auf dem eigenen Stand stehen zu bleiben, sondern sich stetig weiterzuentwickeln. Was der Einzelne aus seiner Studienzeit macht, hänge aber von ihm selbst ab. "Gestaltung ist nie fertig", betont Heringer.