Versicherungspräsident Alexander Erdland spricht im Interview mit der Deutschen Handwerks Zeitung über die Zukunft der Lebensversicherung, die Reform der Riester-Rente und Pflichtversicherungen gegen Hochwasserschäden.
Karin Birk und Steffen Range

DHZ: Herr Erdland, sitzen Sie angesichts der Niedrigzinspolitik und der Digitalisierung in der Falle?
Erdland: In der Falle fühlen wir uns sicher nicht, aber herausgefordert. Die beiden Themen halten uns auf Trab. Wer bisher als Versicherer etwas betulich unterwegs gewesen sein sollte, kann sich dies unter diesen Bedingungen nicht mehr erlauben.
DHZ: Das heißt?
Erdland: Wir müssen kreativ sein. Kreativ, wie wir unser Geld anlegen, unsere Produkte entwickeln und unsere Kosten senken. Damit wir in Zeiten niedriger Zinsen noch genügend Rendite erwirtschaften. Und die kann sich weiter sehen lassen.
DHZ: Also keine Angst vor der Digitalisierung?
Erdland: Nein, wir haben keine Angst vor der Digitalisierung. Im Gegenteil, wir nutzen sie: In der Kommunikation, für Angebote und Service, bei der Bearbeitung. Aber natürlich müssen wir aufpassen, dass sich an der Schnittstelle zum Kunden nicht junge Technologieunternehmen dazwischen schieben.
DHZ: Was können diese so genannten Insurtechs besser?
Erdland: In Bezug auf Komfort, Schnelligkeit oder Transparenz können sie oft punkten. Da können wir uns teilweise noch verbessern – und das tun wir auch. Wir arbeiten in vielen Bereichen aber auch mit den Insurtechs zusammen oder gründen selbst welche. Das gilt beispielsweise für die Schadensabwicklung. Wenn es aber darum geht, Risiken einzuschätzen und entsprechende Versicherungsprodukte zu gestalten, haben wir einen erheblichen Erfahrungsvorsprung. Auch für die Entwicklung neuer Policen.
DHZ: Geben Sie ein Beispiel?
Erdland: Nehmen wir Cyber-Risiken. Es gibt nicht nur Hackerangriffe bei Großunternehmen. Das kann auch bei kleineren Unternehmen vorkommen. Und manchmal schleicht sich ein Virus auch über eine Bewerbung per Mail ein. So kann ein Betrieb schnell stillstehen. Über diese und andere Risiken muss man sprechen, Vorkehrungen treffen und sie eben auch versichern. Darüber hinaus bleibt die Gewerbeversicherung in ihrer ganzen Bandbreite ein wichtiger Teil unserer Angebotspalette.
DHZ: Kommen wir zurück zur Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Lebensversicherer und andere haben es schwer, die nötigen Renditen zu erwirtschaften. Wie lange hält die Branche das noch durch?
Erdland: Ich leugne nicht, dass es schwierig ist. Und die Verhältnisse sind auch nicht überall gleich. Diese lang andauernde Niedrigzinspolitik fordert uns heraus. Wir sind aber auch seit Jahren dabei, unser Geschäftsmodell so anzupassen, dass wir unsere Verpflichtungen weiter einhalten können. Ich kenne kein Unternehmen, das diesem Anspruch nicht genügt. Für Verträge mit garantierten Leistungen bilden wir Zinszusatzreserven und bei neuen Verträgen gestalten wir die Garantien flexibler. Wir müssen dranbleiben, aber wir sind nicht an der Kante.
DHZ: Ist die bei so vielen Handwerkern beliebte klassische Lebensversicherung als Sparpolice damit tot?
Erdland: Nein, ganz sicher nicht. Die Menschen brauchen auch künftig eine Ergänzung zur gesetzlichen Rente. Die Lebensversicherung als Rentenversicherung hat weiter Bestand. Es gibt kein anderes Produkt, das bis zum Lebensende garantiert zahlt. Die Garantien werden aber flexibler. Wir haben beispielsweise Produkte, bei denen der Garantiezins in der Rentenphase nochmals neu berechnet wird. Wenn die Zinsen wieder steigen, profitiert der Kunde. Daneben gibt es fondsgebundene Lebensversicherungen, die von vornherein stärker auf eine Chancen- und Risikobeteiligung des Kunden setzen und so die Entwicklung am Kapitalmarkt besser nutzen können. Aber eines ist auch klar: Niedrige Zinsen bedeutet auch, dass man mehr Vorsorge treffen muss, da der Zinseszinseffekt wegfällt.
DHZ: Auch Riester-Produkte leiden unter den niedrigen Zinsen. Haben die Produkte noch eine Zukunft?
Erdland: Ich würde mir eine faktenorientiertere Auseinandersetzung mit der Riester-Rente wünschen. Deshalb bin ich froh, dass Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles diesen Weg einschlägt und an der kapitalgedeckten privaten und betrieblichen Altersvorsorge festhalten will. Wir haben gut 16 Millionen Riester-Verträge. Sie rechnen sich besonders für Familien und Geringverdiener. Was wir jetzt brauchen ist ein Schulterschluss zwischen Branche und Politik. Die Grundzulage sollte von 154 auf 200 Euro erhöht werden. Außerdem sollten Riester-Renten im Alter nicht voll mit der Grundsicherung verrechnet werden.
DHZ: Emotional wird im Handwerk die Vorsorgepflicht für Handwerker debattiert. Wie stehen Sie dazu?
Erdland: Auch bei den Selbstständigen sollte man darauf achten, dass sie sich ausreichend für das Alter absichern. Eine Ausdehnung der Handwerkerpflichtversicherung halten wir nicht für sinnvoll. Wenn es eine allgemeine Vorsorgepflicht geben soll, so sollte man diese auch mit privater Vorsorge erfüllen können. Wichtig wäre außerdem, dass auch Solo-Selbstständige die Riester-Förderung in Anspruch nehmen können.
DHZ: Nahles will als Teil ihrer Rentenreform auch die betriebliche Altersvorsorge stärken. Was ist aus Ihrer Sicht notwendig?
Erdland: Drei Punkte: Erstens, mit Blick auf Geringverdiener empfehlen wir einen Zuschuss. Dazu gehört, dass auch die betriebliche Altersversorgung nicht voll mit der Grundsicherung verrechnet wird. Hier brauchen wir einen Freibetrag. Des Weiteren befürworten wir, dass die Grenze für eine steuerfreie Einzahlung von derzeit vier Prozent des Einkommens bis zur Beitragsbemessungsgrenze auf acht Prozent verdoppelt wird. Drittens fordern wir mehr Möglichkeiten für Opting-out-Modelle. Arbeitgeber können alle Arbeitnehmer automatisch in eine betriebliche Altersversorgung einbeziehen, diese müssen aktiv widersprechen. Das nennen wir Opting-out-Modell. Das gibt sozusagen einen sanften Schubs. Und noch etwas: Wir halten nichts davon, tarifliche Regelungen gegenüber anderen besserzustellen. Dieses Sozialpartner-Modell mag für die Gewerkschaften verlockend sein, aber viele kleine und mittlere Unternehmen sind nicht tarifgebunden. Die Freiheit an dieser Stelle sollten wir erhalten.
DHZ: Vom jüngsten Hochwasser waren viele Handwerker betroffen. Etliche Betriebe klagen, sie hätten zuvor keine Versicherung bekommen. Brauchen wir eine Pflichtversicherung gegen Elementarschäden?
Erdland: Davon halten wir nichts. Wer sich pflichtversichern muss, kümmert sich weniger um Prävention. Die brauchen wir aber. Ansonsten haben wir künftig noch mehr Schäden und womöglich höhere Versicherungsprämien. Die genannten Beschwerden sind vermutlich wenige Einzelfälle. 99 Prozent aller Wohngebäude sind ohne Probleme zu versichern. Bei den Handwerksbetrieben wird die Zahl ähnlich hoch sein. Aber wir müssen uns auch selbst bemühen. Wenn wir keine Pflichtversicherung wollen, sollten wir versuchen, an schwierigen Stellen mit Selbstbehalt und präventiven Maßnahmen doch einen Versicherungsschutz hinzubekommen.