Weltmarktführer einer Branche müssen keine Großkonzerne mit Milliardenumsätzen und weltweiter Bekanntheit in den Medien sein. Der Manager Hermann Simon kennt die Hidden Champions, die unbekannten Weltmarktführer, und erklärt im DHZ-Gespräch ihre Erfolgsgeheimnisse.
Steffen Guthardt

DHZ: Herr Simon, in Ihrem Buch „Hidden Champions – Aufbruch nach Globalia“ stellen Sie unbekannte Weltmarktführer vor. Was sind das für Unternehmen?
Simon: Hidden Champions sind Betriebe, die in der Öffentlichkeit kaum bekannt sind, aber in ihrer Branche weltweit zu den Top 3 zählen, deren Jahresumsatz aber unter fünf Milliarden Euro liegt. Sie stehen nicht im Rampenlicht und ihre Produkte sind in der Regel unscheinbar, aber auch unverzichtbar.
DHZ: Was ist das Geheimnis ihres Erfolgs?
Simon: Hidden Champions sind Spezialisten auf ihrem Gebiet und fokussieren sich auf ihre Produkte. Sie wissen, wo ihr Know-how liegt, und versuchen sich nicht als Universalisten. Zudem expandieren sie aus ihrer Region heraus in neue Märkte. Hidden Champions zeichnen sich auch durch eine hohe Innovationskraft aus und besetzen Marktnischen.
DHZ: Aber in den meisten Branchen ist der Wettbewerbsdruck doch enorm hoch. Wie setzt man sich auf dem Markt durch?
Simon: Da gibt es unterschiedliche Wege. Wenn wir als Beispiel das Möbelhaus Ikea nehmen, punkten sie vor allem durch ihre Kostenstruktur und nicht durch bessere Produkte als die Konkurrenz. Im Handwerk ist die Lage aber anders. In den meisten Fällen muss sich ein Unternehmen hier durch die außergewöhnliche Qualität seiner Dienstleistungen und Waren von den Wettbewerbern abheben. Und stärker als bei Großunternehmen spielt auch die Kundennähe eine entscheidende Rolle. Bei den Hidden Champions ist der Prozentsatz der Mitarbeiter mit regelmäßigem Kundenkontakt im Vergleich zu den Großunternehmen etwa fünfmal höher.
Nicht für alles eine Lösung haben wollen
DHZ: Viele der in Ihrem Buch genannten Hidden Champions sind schon seit vielen Jahren am Markt erfolgreich. Wie bleibt ein Unternehmen dauerhaft ganz oben?
Simon: Es ist ganz wichtig, den Fokus auf seinen Stärken zu behalten und nicht zu versuchen, für alles eine passende Lösung anzubieten. Gleichzeitig muss ein Unternehmen wachsam sein, keinen technologischen Trend zu verpassen. Sonst kann die Marktführerschaft ein jähes Ende finden.
DHZ: Ist in einem Geschäftsfeld immer nur Platz für ein marktführendes Unternehmen?
Simon: Es kommt auf die Branche an. Manche Hidden Champions spezialisieren sich auf extrem enge Nischen, so dass es keine wirklichen Konkurrenten mehr gibt und sie nahezu 100 Prozent Marktanteil besitzen. Ein Beispiel ist die Firma Gerriets, der einzige Anbieter weltweit für sehr große Bühnenvorhänge. Es kann aber durchaus vorteilhaft sein, im Wettbewerb mit einem ähnlich starken Unternehmen zu stehen. Das kann die Innovationskraft und Dynamik des eigenen Betriebs stärken, weil – wie im Sport – Mitarbeiter durch Wettbewerb zu Höchstleistungen angespornt werden.
DHZ: Für Existenzgründer im Handwerk ist es sicher nicht einfach, sich gegen Unternehmen zu behaupten, die sich über Jahre einen festen Kundenstamm aufgebaut haben. Ist es überhaupt möglich als junges Unternehmen Marktführer zu werden?
Simon: Natürlich. Mit dem technologischen Fortschritt eröffnen sich immer neue Geschäftsfelder, die wiederum Platz für ganz viele Innovationen bieten. Auch für Betriebe aus dem Handwerk gibt es ständig neue Nischen, die besetzt werden können.
DHZ: Dazu braucht es aber auch genügend Fachkräfte, die sich mit neuen Techniken auskennen. Wie können Betriebe das im Hinblick auf den demographischen Wandel leisten?
Simon: Die meisten Hidden Champions haben eine sehr niedrige Fluktuationsrate. Sie verstehen es, ihre Mitarbeiter selbst auszubilden, weiterzuentwickeln, ihnen neue Anreize zu schaffen und damit langfristig an das Unternehmen zu binden. Zugleich muss künftig gut ausgebildetes Personal verstärkt aus dem Ausland geholt werden. Ein Hidden Champion braucht die besten Mitarbeiter, die verfügbar sind – und zwar weltweit.