Herkunftssiegel in der Diskussion "Made in Germany" nicht klar geregelt

"Made in Germany" bedeutet nicht zwingend, dass das ausgezeichnete Produkt zu hundert Prozent aus Deutschland stammt. Ob Werbelabel oder Zertifikat: die Kriterien dafür sind uneinheitlich. Die EU-Kommission fordert deshalb den Anteil der Wertschöpfung einheitlich auf mindestens 45 Prozent festzulegen. Wirtschaftsvertreter sehen darin eine Gefahr für das Gütesiegel, doch eine richtige Zertifizierung fordert von den Betrieben schon jetzt härtere Vorgaben.

Jana Tashina Wörrle

Der Herkunftsnachweis "Made in Germany" soll einheitliche Kriterien bekommen. Das bringt auch Nachteile mit sich. - © openwater (Fotolia)

Ursprünglich war die Kennzeichnung von Waren mit dem Siegel "Made in Germany" als Schutzmaßnahme für die britische Wirtschaft gedacht. Sie galt als Hinweis auf billige Massenware. Heute hat sich die Bedeutung der Bezeichnung gewandelt und aus dem Warnhinweis ist ein Qualitätssiegel geworden. Doch schaut man sich die Kriterien genauer an, die hinter dem Siegel stecken, gibt es große Unterschiede.

Die Handwerksfirma Heinz Soyer Bolzenschweißtechnik aus Wörthsee darf ihre Waren seit dem Jahr 2010 mit dem Siegel "Made in Germany" bewerben. "Darf" bedeutet hier, dass sie dafür eine aufwendige Zertifizierung mitgemacht hat. Zwei Prüfer des TÜV Nord kamen dazu in das Unternehmen und schauten sich genau an, wie hier produziert wird und wo die Materialien und Einzelteile herkommen. "Wir mussten aber auch unsere Geschäftsbücher offenlegen und alle Bilanzen zeigen", sagt Wolfgang Helbig, der bei Soyer Bolzenschweißtechnik für das Qualitäts-, Umwelt- und Arbeitsschutzmanagement zuständig ist.

Einmal jährlich steht nun eine Überprüfung an und der TÜV schaut, ob auch weiterhin alle Kriterien erfüllt sind. Mindestens 50 Prozent der Wertschöpfung muss aus Deutschland kommen. Also darf das zertifizierte Unternehmen nicht zu viele der Arbeitsschritte im Ausland verrichten und nicht zu viele Materialien im Ausland einkaufen, damit es das offizielle Zertifikat behalten darf.

Ziel: Klarheit bei den Kriterien schaffen

Die Firma Soyer erreicht nach eigenen Angaben im Schnitt einen Wertanteil von 80 Prozent. "Das war bei uns kein Problem", berichtet Helbig. "Wir mussten in der Produktion nichts umstellen, aber ein großer bürokratischer Aufwand war und ist es schon," sagt der Qualitätsbeauftragte und weist gleichzeitig auf die Vorteile hin. Er sieht vor allem die neue und bessere Transparenz für die Verbraucher, die mit einem neutralen Zertifikat mit einheitlichen Vorgaben erreicht werde. Deshalb findet er auch den Vorstoß der EU-Kommission gut, hier Klarheit schaffen zu wollen. Es muss ersichtlich sein, welche Kriterien hinter dem Label stehen und dass es momentan Unterschiede zwischen dem freien Werbelabel, das die EU nun regeln möchte , und dem Zertifikat des TÜV Nord gibt.

Doch wie diese Klarheit aussehen soll und was die Kommission mit dem Siegel "Made in Germany" vorhat, ist bislang unklar. Gestern hieß es, dass sie die Kriterien verschärfen möchte. 45 Prozent Wertanteil, der aus Deutschland stammen muss, seien das einheitliche Ziel. Bislang sind es in manchen Fällen nicht einmal zehn Prozent, da es genüge, wenn der letzte Arbeitsschritt – also beispielsweise das Annähen eines Etiketts in einem Kleidungsstück – in Deutschland stattfindet. Zudem können sich die Hersteller auch dieses Herkunftszeichen selbst vergeben und damit werben.

Nach eigenen Angaben der Kommission gibt es zwar Pläne eine Vereinheitlichung der Herkunftsnachweise, das Label "Made in Germany" sei aber nicht in Gefahr und solle nicht verändert werden. Dies teilte der Sprecher des zuständigen Zoll- und Steuerkommissars Algirdas Semeta als Reaktion auf die Proteste der deutschen Wirtschaft gegen eine angebliche Verschärfung der Kriterien mit, berichtet die "Berliner Morgenpost". Genauere Angaben machte die EU bislang nicht, wie die Herkunftsangaben zukünftig geregelt werden könnten.

Aufklärung tut Not

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Hans Heinrich Driftmann, sieht jedoch große Schäden auf die deutschen Unternehmen zukommen, wenn diese das Label nur noch unter den neuen Bedingungen verwenden dürfen. "Ich warne ausdrücklich vor einem solchen Schritt“, sagte er gegenüber der "Welt". Zudem könnte auf die Betriebe mehr Bürokratie zukommen, wenn sie sich den neuen Kriterien unterwerfen müssten und nicht mehr "einfach so" mit dem Siegel werben können.

Im Unterschied zu dem Datenwust, der von Seiten der EU-Kommission hier noch herrscht, beinhaltet das Zertifikat, wenn es vorschriftsmäßig beim TÜV Nord erworben wird, ganz genaue Vorgaben. Jeder Kunde, jeder Geschäftspartner und jeder einzelne Verbraucher kann hier schnell Klarheit darüber bekommen, wie das zertifizierte Unternehmen arbeitet. Doch bislang gilt das nicht grundsätzlich für die Verwendung der Bezeichnung, sondern nur im Zusammenhang mit dem "zertifizierten Herkunftsnachweis Made in Germany ", den der TÜV Nord auch für andere Länder vergibt. Aber ob die Verbraucher hier den Durchblick behalten ist fragwürdig. Aufklärung tut also Not.