Lange hat die Politik beim Thema Energieeffizienz geschlafen. Die erneuerbaren Energien waren wichtiger. Aus Brüssel kam ein blauer Brief. Nun bekommt das Thema Anschub. Anfang Dezember will die Bundesregierung einen Aktionsplan beschließen. Wirtschaftsminister Gabriel setzt auf den Steuerbonus für Gebäudesanierungen.
Jana Tashina Wörrle

Sie sei ein "Mauerblümchen", ein "schlafender Riese", die "unscheinbare Schwester der erneuerbaren Energien" – harmlos klingende Worte für ein Thema das lange politisch wie wirtschaftlich vernachlässigt wurde: die Energieeffizienz. Die Worte stammen aus den Eröffnungsreden zum 5. Energieeffizienzkongress der Deutschen Energie-Agentur (dena), der am Dienstag in Berlin begann. "Schlafender Riese" war der Titel der Rede von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel.
Deutschland gilt als Vorbild beim Ausbau der erneuerbaren Energien; beim Energiesparen mangelt es jedoch. Die EU-Kommission hat deshalb im August ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Bis Juni hätte ein Fahrplan stehen müssen, der die Maßnahmen beschreibt, mit denen bis 2020 ein Fünftel weniger Energie als 2008 verbraucht wird. Doch dieser Fahrplan – der Nationale Aktionsplan Energieeffizienz ( NAPE ) – soll nun mit Verspätung am 3. Dezember im Bundeskabinett verabschiedet werden.
Großer Sanierungsbedarf
Auch von den eigenen Zielen ist Deutschland noch weit entfernt. Bis 2020 sollten allein im Gebäudebestand 20 Prozent des Wärmebedarfs eingespart werden. Bis 2050 sogar 80 Prozent, denn dann sollte die Mehrheit aller Häuser klimaneutral sein. Den eigenen Energiebedarf sollen sie vorrangig aus erneuerbaren Energien decken. Um das zu erreichen, wäre eine Sanierungsquote von mindestens zwei Prozent nötig. Derzeit liegt sie unter einem Prozent. Ohne weitere Anstrengungen lägen die Einsparungen nach Berechnungen des IW Köln im Jahr 2020 nur bei elf Prozent.
Die meisten Gebäude hierzulande wurden in Zeiten gebaut, als Wärmedämmungen, Energiespar-Heizungen oder gar Passivhäuser kein Thema waren. Sie sind mehr als 35 Jahre alt. Nach Angaben des BDI-Faktencheck Gebäudeenergieeffizienz sind 65 Prozent der Fassaden ungedämmt, weitere 20 Prozent der Dämmungen entsprechen nicht dem Stand der Technik. Dazu kommt, dass die eingebaute Anlagentechnik in 70 bis 80 Prozent der Gebäude veraltet ist.
Während die erneuerbaren Energien in den vergangenen Jahren stark ausgebaut werden konnten und Stück für Stück die konventionellen Energieträger versuchen zu ersetzen, blieb für Energieeinsparungen wenig Energie in den politischen Beschlüssen übrig. Bestes Beispiel ist die steuerliche Absetzbarkeit für Maßnahmen der energetischen Gebäudesanierung, die im Bundesrat keine Mehrheit fand.
Aktionsplan inklusive Steuerbonus
"Wir haben die Energieeffizienz zu lange vernachlässigt", musste Gabriel beim dena-Kongress eingestehen. Doch er machte auch große Versprechungen wie er dies mit dem NAPE ändern möchte. So rückt auch der Steuerbonus wieder auf die Agenda. Er soll Teil des Aktionsplans sein.
Gabriel will den Steuerbonus
Neuer finanzieller Anschub könnte zudem aus dem Zehn-Milliarden-Investitionsprogramm kommen, das Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in der vergangenen Woche angekündigt hat – zumindest spekuliert Gabriel darauf und möchte so auch im Bereich Energieeffizienz die Wirtschaft stärker einspannen. Und das nicht nur, da darin auch ein großer Renditefaktor steckt – immerhin könnte laut dena allein die steuerliche Absetzbarkeit der energetischen Sanierungskosten erhebliche private Investitionen nach sich ziehen, die unter anderem in Leistungen und Produkte aus dem Handwerk fließen: Jeder dabei eingesetzte Euro bewirke das Sechs- bis Achtfache an Investitionen.
Doch wie wahrscheinlich ist der Steuerbonus?
Stimmen zum Steuerbonus
Ein wichtiges Thema für Unternehmen ist jedoch auch die eigene Energieeinsparung. Durch steigende Kosten und da gerade kleine viele Firmen von den Ausnahmen der EEG-Umlage nicht profitieren, gewinnt das Thema an Brisanz. 25 Prozent des Energiebedarfs in Deutschland entfällt auf die gewerbliche und industrielle Produktion. Von den 40 Prozent an Energiekosten, die allein auf den Gebäudebereich einfallen, stammt etwa ein Drittel von gewerblichen Gebäuden.
Genau an diesem Drittel möchte die Kfw-Bank in Zukunft mit ihrer Förderung stärker ansetzen. Das kündigte Vorstandsmitglied Ingrid Hengster bei der Podiumsdiskussion des dena-Kongresses an, ließ aber offen, in welcher Form das geschehen soll. Thorsten Herdan, der Abteilungsleiter Energiepolitik beim BMWi, sprach von 200 Millionen Euro zusätzlich, die künftig in das CO2-Gebäudesanierungsprogramm explizit für Nicht-Wohngebäude fließen sollen. Die Kfw möchte zudem die Antragstellungen vereinfachen und so dafür sorgen, dass auch die vorhandenen Fördermaßnahmen besser angenommen werden. Denn zu wenig Förderung allein ist nicht das Problem der Energieeffizienz.
Es mangelt auch an Aufklärung, Information und Bereitschaft bei Hausbesitzern und in der Bevölkerung, Kosten für energetische Sanierungen zu akzeptieren – auch wenn sich diese nach einiger Zeit amortisiert haben und dann der Spareffekt eintritt. Steigende Mieten werden befürchtet, weil Vermieter Sanierungskosten umlegen können und Schäden an Häusern, weil Maßnahmen nur unzureichend aufeinander abgestimmt sind. An regen Diskussionen fehlte es beim Kongress nicht.
"Informieren, fördern und fordern"
Gabriels Motto für das künftige Vorgehen lautet deshalb "informieren, fördern und fordern". Auch er sprach von dringend nötigen Vereinfachungen. Um der Energieeffizienz mehr Relevanz zu verleihen, schlug er vor, das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und die Energieeinsparverordnung (EnEV) in ein Gesetz zusammenzufassen. Beim weiteren Ökostromausbau müssten Einsparvorgaben direkt einfließen.
Kern dieses Gedanken ist wiederum die Abstimmung einzelner Sanierungsmaßnahmen aufeinander. Hierbei bedarf es sowohl einer besseren Zusammenarbeit beteiligter Firmen als auch der passenden Planung im Vorfeld. Dena-Chef Stephan Kohler machte sich deshalb dafür stark, einen neuen Dienstleistungsmarkt rund um die energetische Sanierung zu schaffen. Die Koordinierung von Baumaßnahmen sollte Firmen übernehmen und nicht Hausbesitzer selbst, denn diese würden nicht selten vor dem Aufwand zurückschrecken. Am Anfang solcher Projekte sollte immer eine qualifizierte Energieberatung stecken.
In der Energieeffizienz steckt also viel Potenzial auch fürs Handwerk. Die große Begeisterung, die derzeit jedoch von Politik und Wirtschaft zu hören ist, muss sich jetzt erst in der Praxis zeigen – mit konkreten Gesetzen, konkreten Maßnahmen und einer steigenden Bereitschaft auch der Verbrauchen, mehr Energie einzusparen. Profitieren würde neben dem politischen Voranschreiten der Energiewende, dem Erreichen der EU-Vorgaben und der Wirtschaft auch die Umwelt.