Für eine volkswirtschaftliche Kostenbremse ist die rasche Reform des EEG entscheidend. Der Energieexperte Marc Oliver Bettzüge erklärt im DHZ-Interview, welche Ursachen hinter den fallenden Strompreisen an den Börsen stecken und warum die Kosten der Verbraucher immer noch hoch sind.

DHZ: Herr Professor Bettzüge, müssen wir bei einem starken Winter mit Blackouts beim Strom rechnen?
Marc Oliver Bettzüge: Regionale Blackouts sind in Deutschland bereits vorgekommen und könnten auch in Zukunft auftreten. Entscheidend ist es, die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses zu minimieren. Hierfür sind die Übertragungsnetzbetreiber und die Bundesnetzagentur zuständig, in deren Arbeit ich großes Vertrauen habe.
DHZ: Betreiber konventioneller Gas- und Kohlekraftwerke haben angekündigt, wegen des Verfalls der Preise an den Strombörsen Anlagen abschalten zu wollen. Was steckt dahinter?
Bettzüge: Der aktuelle Preisverfall an den europäischen Strombörsen hat verschiedene Ursachen. Unter anderem hat die Wirtschaftskrise in Südeuropa die Stromnachfrage unerwartet und dauerhaft gedämpft. Gleichzeitig wurde umfangreich in neue konventionelle und subventionierte erneuerbare Erzeugungsanlagen investiert, so dass insgesamt eine Überkapazität entstanden ist. Die Abschaltung unrentabler Kraftwerke als Folge ist aber nicht per se kritisch. Allerdings können durch solche Abschaltungen regionale Engpässe entstehen, insbesondere in Süddeutschland. Der deutschlandweit einheitliche Strompreis kann diesen regionalen Engpass nicht transparent machen, so dass unter Umständen regional zu viele Kraftwerke stillgelegt würden, was die Versorgungssicherheit gefährden könnte.
DHZ: Jetzt soll die so genannte Kraftwerksreserverordnung Abhilfe schaffen? Wie das?
Bettzüge: Die Kraftwerksreserveverordnung ist eine wirksame, aus ökonomischer Sicht aber nicht optimale Möglichkeit, dem regionalen Kapazitätsproblem zu begegnen. Hierbei werden den regional relevanten, aber unrentablen Kraftwerken durch einen regulatorischen Eingriff der Bundesnetzagentur zusätzliche Einnahmen zur Deckung ihrer Fixkosten verschafft und auf die Stromverbraucher umgelegt.
DHZ: Was wäre eine Alternative?
Bettzüge: Aus ökonomischer Sicht wäre alternativ eine Aufteilung Deutschlands in verschiedene Preiszonen, beispielsweise „Nord“ und „Süd“, naheliegend, was aus politischer Sicht aber schwierig umzusetzen ist.
DHZ: Immer mehr Stromverbraucher versuchen, ihren eigenen Strom zu produzieren. Was heißt das?
Bettzüge: Es gibt bei Haushalten und der Industrie in der Tat einen Trend hin zu mehr Eigenerzeugung. Auslöser dafür sind vor allem die vom Staat definierten Steuern und Abgaben, die auf den Strompreis aufgeschlagen werden. Den Löwenanteil dieser zusätzlichen Belastungen macht mittlerweile die EEG-Umlage aus. Durch die hohe Staatsquote im Strompreis wird die in den meisten Fällen volkswirtschaftlich ineffiziente Eigenerzeugung aus betriebswirtschaftlicher Sicht dennoch rentabel.
DHZ: Der Strompreis wird 2014 abermals deutlich steigen. Auch für 2015 wird das bereits progostiziert, wenn sich nichts ändert. Wie kann der Anstieg der Strompreise kurzfristig gebremst werden?
Bettzüge: Der wichtigste staatliche Ansatzpunkt zum Bremsen des Strompreisanstieges liegt bei den genannten Steuern und Abgaben. Der Staat könnte einen Teil der durch ihn ausgelösten Last beispielsweise durch Senkung der Strom- oder der Mehrwertsteuer selbst übernehmen. Außerdem könnte er die aufgelaufenen Verpflichtungen der EEG-Bestandsanlagen aus dem allgemeinen Steuertopf finanzieren. Für eine volkswirtschaftliche Kostenbremse ist die rasche Reform des EEG entscheidend.
DHZ: Wie müsste eine solche EEG- Reform aussehen?
Bettzüge: Mittelfristig muss die Perspektive eine konsequente Europäisierung und Marktintegration der Erneuerbaren sein. Kurzfristig sollte die Kosteneffizienz der Förderung erhöht werden. Diese Zielsetzung kann insbesondere durch einen kosteneffizienten Technologiemix, einen Mengendeckel für Erneuerbare und einen Wettbewerb zwischen Standorten und Technologien befördert werden.