Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energie-Agentur, spricht im DHZ-Interview über die Folgen des Kompromisses zur Solarförderung und steigende Stromkosten. Er prophezeit eine große Stromdiskussion im kommenden Herbst und erklärt, warum der Stromverbrauch trotz steigender Energieeffizienz weiter zunimmt.
Burkhard Riering

DHZ: Herr Kohler, es ist beschlossen, dass die Solarförderung nicht so deutlich reduziert wird wie ursprünglich geplant. Wie schätzen Sie den Kompromiss im Vermittlungsausschuss ein?
Kohler: Es ist gut, dass überhaupt ein Kompromiss gefunden worden ist. Es ist auch gut, dass endlich ein Deckel für die Solarförderung eingezogen wurde. Aber die Obergrenze, die nun bei 52 Gigawatt liegt, halten wir für zu hoch. Die Höhe hat zur Folge, dass nun innerhalb von wenigen Jahren ein rasanter Zubau stattfinden wird. Wir haben aber gar nicht die Netztechniken, das intelligente Netz, um 52 Gigawatt Solarstrom im Netz integrieren zu können.
DHZ: Was passiert mit dem Strom?
Kohler: Wir haben heute schon teilweise die Situation, dass wir den Strom ins Ausland drücken. Tschechien, Polen oder Österreich übernehmen den Strom, und wir haben dabei sogar noch negative Preise. Wir zahlen also Geld dafür, dass der Strom abgenommen wird. Das ist volkswirtschaftlich der größte Unsinn.
DHZ: Das heißt, wir bauen sehr schnell regenerativ zu, aber wir hinken bei Fragen wie der Netzinfrastruktur oder Speichersystemen hinterher. Warum?
Kohler: Beim Netzausbau gibt es einerseits gesellschaftliche Konflikte. Viele Bürger wollen keine Netztrassen in der Gegend und wehren sich dagegen. Andererseits brauchen neue Techniken eben ihre Zeit, bis sie marktfähig sind. Hier sind wir noch nicht so weit.
DHZ: Die Regierung verfolgt mit ihren neuen Regelungen das Ziel, den Zubau zu kanalisieren. Umweltminister Altmaier meint, dass künftig 2.500 bis 3.500 Megawatt pro Jahr zugebaut werden, also deutlich weniger als bisher.
Kohler: Die Erfahrung lehrt uns etwas anderes: Sobald man ankündigt, dass die Solarförderung reduziert wird, kommt es zu einer höheren Marktdynamik statt zu einer geringeren. Jeder will noch die alte, höhere Einspeisevergütung bekommen. Ein Schlussverkauf.
DHZ: Was bedeutet das nun für den Strompreis in nächster Zeit?
Kohler: Wir werden im kommenden Herbst eine intensive Strompreisdiskussion bekommen, wenn verkündet wird, dass die EEG-Umlage auf circa fünf Cent angehoben werden muss. Die Zahl wird Fakt, denn wir sehen ja den Zubau und können das hochrechnen. Schon jetzt übersteigen die Ausgaben für die EEG-Einspeisevergütung die Einnahmen aus der Umlage um eine Milliarde Euro. Und bis zum Jahr 2020 erwarten wir für so genannte nicht privilegierte Kunden wie die Handwerksbetriebe Strompreissteigerungen von 20 bis 25 Prozent. Die EEG-Umlage lässt die Preise ansteigen, aber auch der Netzausbau und die Kraftwerke kosten.
DHZ: Das wird die Betriebe hart treffen. Was kann die Politik tun?
Kohler: Nehmen wir die Stromsteuer: Die ist einst eingeführt worden, um die externen Kosten der Energieversorgung, also der Umweltverschmutzung, gering zu halten. In dem Umfang, wie wir jetzt aber die erneuerbaren Energien ausbauen, entfällt ja dieses Argument. Daher sollte die Stromsteuer, die zur Internalisierung der externen Kosten erfunden worden ist, Schritt für Schritt zurückgefahren werden bis auf null.
DHZ: Eine andere Chance wäre mehr Energieeffizienz? Wird dafür schon genug getan?
Kohler: Wenn die Kilowattstunde immer teurer wird, muss man sich die Energieeffizienz anschauen. Das Bundeswirtschaftsministerium führt für Betriebe zum Beispiel das Programm „Energiemanagement“ durch, denn in vielen Firmen herrscht Unwissenheit darüber, wie viel Energie wo eingespart werden kann. Hier lassen sich sicher Erfolge erzielen.
DHZ: Es spricht ja derzeit jeder über Energieeffizienz – und doch steigt der Stromverbrauch in Deutschland immer weiter an …
Kohler: Grundsätzlich verbrauchen wir weniger Strom pro Anwendung, weil wir zum Beispiel effizientere Kühlschränke einsetzen. Dafür haben wir aber mehr Anwendungen für Strom. Im Haushalt, in dem früher ein Computer stand, schmücken heute drei riesige, stromfressende Flachbildschirme das Wohnzimmer, und die Leute haben inzwischen drei Handys, die permanent am Netz hängen. Das ist noch nicht wirklich energieeffizient.