Deutschland braucht fast vier Tausend Kilometer neue Stromtrassen, damit die Umstellung auf erneuerbare Energien und neue Gas- und Kohlekraftwerke gelingen kann. Die Gesamtkosten dafür belaufen sich auf rund 20 Milliarden Euro. Befürchtungen, dass mit dem Netzausbau die Strompreise steigen, blockt die Bundeskanzlerin jedoch ab.

Der neue Netzentwicklungsplan ist Lagebericht und Wegweiser zugleich. Er soll die Grundlage für den Netzausbau in Deutschland bilden und damit die Energieversorgung ohne Atomstrom sichern. Bundeskanzlerin Merkel bekam den ersten nationalen Netzentwicklungsplan heute von der Bundesnetzagentur überreicht. Morgen wird er der Öffentlichkeit offiziell präsentiert. Mit dem aktuellen Entwurf des Ausbauplans möchte die Kanzlerin den Netzausbau, der als größter Hemmschuh bei der Energiewende gilt, stärker vorantreiben. Doch jetzt steht fest, dass noch große Anstrengungen nötig sind.
"Es bleibt beim Ausstieg aus der Kernenergie"
Bis 2022 müssen in Deutschland rund 3.800 Kilometer neue Stromtrassen gebaut werden, um die Energiewende zu einem Erfolg zu machen. Außerdem sollen rund 4.000 Kilometer vorhandener Trassen aufgerüstet werden. Die Gesamtkosten dafür belaufen sich auf rund 20 Milliarden Euro.
Doch trotz der hohen Summe an Ausgaben, die dafür nötig sind, sieht die Kanzlerin keinen Grund, warum sich dadurch die Strompreise zusätzlich verteuern werden. "Das ist im Moment noch Kaffeesatzleserei", sagte sie bei der Übergabe des Berichts in Bonn. Ihrer Ankündigung nach hängt die weitere Entwicklung von der Novelle des EEG-Gesetzes und damit von der geplanten Solarkürzung ab. Momentan steckt diese im Vermittlungsausschuss von Bund und Ländern fest, da sich die Mehrheit der Länder im Bundesrat gegen die Kürzung gewehrt hatten. Nach Ansicht von Merkel und auch von Bundeswirtschaftsminister Rösler ist die Kürzung aber nötig, da der Solarstrom keine so große staaliche Unterstützung mehr brauche und nicht alle Verbraucher dafür aufkommen sollen.
Fit für die Energiewende
Dass die Kosten für den Netzausbau im Vergleich zu den Förderkosten für erneuerbare Energien noch im Rahmen sind, betonte auch der Deutschland-Chef des Netzbetreibers Tennet, Martin Fuchs anlässlich des Berichts. Er sagte, die Übertragungsnetzbetreiber seien überzeugt, das deutsche Höchstspannungsnetz für die erfolgreiche Energiewende fit machen zu können. "Zwanzig Milliarden hört sich erschreckend an", erklärte der Manager. In Relation zu den Ausgaben für die Förderung von erneuerbaren Energien in Höhe von jährlich 14 Milliarden Euro sei dies jedoch eine handhabbare Summe.
Sorge mache ihm vor allem die Akzeptanz der neuen Trassen in der Öffentlichkeit, sagte Fuchs. Der Netzausbau sei deshalb kein Selbstläufer. Hier sei ein Schulterschluss aller Beteiligten notwendig. So müssen Bund, Länder, Politik und Wirtschaft nun einvernehmliche Lösungen finden, um den Ausbau so schnell wie möglich in die Tat umzusetzen. Die Kanzlerin hatte deshalb auch angekündigt besondere Ausbauprojekte in Eigenregie umsetzen zu wollen.
Anlässlich der Übergabe in Bonn sagte Merkel, der Netzentwicklungsplan sei ein großer Schritt auf dem Weg zur Verwirklichung der Energiewende. Bis zum Jahresende solle der Ausbau der deutschen Stromautobahnen in Gesetzesform gegossen werden. Die CDU-Chefin betonte ausdrücklich: "Es bleibt beim Ausstieg aus der Kernenergie bis 2022."
Öffentlichkeit hat Gelegenheit zur Stellungnahme
Den Netzausbau sieht die Kanzlerin als ein Kernthema der Energiewende an. Dabei sollen neben den üblichen Drehstromleitungen erstmals in Deutschland auch auf einer Länge von 2.100 Kilometern Punkt-zu-Punkt-Verbindungen in Gleichstromtechnik verwendet werden. Es geht es vor allem um neue, leistungsstarke Nord-Süd-Verbindungen, die die verbrauchsstarken und vom Ausstieg aus der Kernenergie besonders betroffenen Regionen in Südwestdeutschland mit dem durch den Zubau an Windenergie geprägten Norddeutschland verbinden sollen.
Der Entwurf des Netzentwicklungsplans soll morgen offiziell der Öffentlichkeit präsentiert und in den folgenden Wochen umfassend diskutiert werden. Merkel sagte, dies werde sicherlich nicht ohne Kontroversen abgehen. Doch sollten die Bürger umfassend an der Planung beteiligt werden. Bis zum 10. Juli hat die Öffentlichkeit Gelegenheit zur Stellungnahme.
Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) sagte, der nun vorliegende Entwurf zeige, dass die Energiewende machbar sei. Der neue Umweltminister Peter Altmaier (CDU) erklärte, wichtig sei in Zukunft eine engere Verzahnung zwischen dem Netzausbau und dem Ausbau der erneuerbaren Energien. Dies bringe mehr Netzstabilität und könne die Kosten der Energiewende begrenzen. dapd/jtw