Der Ausbau der Strom- und Gasnetze kommt nur schleppend voran. Von den rund 1.800 Kilometern neuer Leitungen, die notwendig sind um die dringendsten Netzprojekte technisch auf den neuesten Stand zu bringen, sind nur 214 Kilometer realisiert worden. Wie die Bundesnetzagentur in ihrem aktuellen Jahresbericht mitteilt, müssen alle Beteiligten ihre Anstrengungen dringend erhöhen. "Für die Energiewende ist dies eine Besorgnis erregende Nachricht", sagte Jochen Homann, der seit März neuer Präsident der Bundesnetzagentur ist.

Ohne funktionierendes Stromnetz auch keine Energiewende. Was eigentlich so einfach ist, bringt die Bundesregierung mehr und mehr ins Straucheln. Denn das Großprojekt "Energiewende" stockt. Die Netze sind zu wenig und zu schwach, um die neue Energieversorgung über regenerative Stromproduzenten und neue, herkömmliche Kraftwerke zu sichern. Vor allem die als besonders effizient geltenden Offshore-Windanlagen können bislang nicht an das vorhandene Netz angeschlossen werden.
"Alles um zwei Jahre verschieben "
Um den Ausbau voranzutreiben hatte die Bundesregierung bereits im Jahr 2009 das sogenannte Energieleitungsausbaugesetzes (EnLAG) beschlossen und darin 24 Ausbauprojekte festgelegt, die nun Vorrang haben müssen. Darin wird eine Strecke von 1.834 Kilometern Strom- und Gasleitungen beschrieben, doch bislang sind nur 214 Kilometer realisiert. Die Bundesnetzagentur rief deshalb bei der Vorstellung ihres Jahresberichts 2011 dazu auf, weitere Verzögerungen zu vermeiden – ansonsten steht die Energiewende mit dem Ziel 2022 alle Atomkraftwerke abschalten zu können auf der Kippe.
Schuld an den Verzögerungen sind dem Bericht zufolge die unterschiedlichen Abstimmungen und Planungen der einzelnen Bundesländer. Die geplanten Leitungen seien vielfach Teil von längeren Vorhaben, die über Grenzen zwischen Bundesländern hinweg gehen und erst dann Strom transportieren können, wenn auch die davor oder dahinter liegenden Abschnitte errichtet sind.
Da der aktuelle Stand des Ausbaus den eigentlichen Plänen des EnLAG stark hinterherhängt, rechnet die Behörde damit, dass "die Fahrpläne um ein oder gar zwei Jahre nach hinten korrigiert werden müssen. "Für die Energiewende ist dies eine Besorgnis erregende Nachricht", sagte Präsident Homann und wies darauf hin, dass der Ausbau auch nicht zum Nulltarif zu haben sei. Die Netzkosten werden steigen. Dann lobte er das aktuelle Vorgehen der Bundesregierung, die noch vor der Sommerpause einen neuen Netzentwicklungsplan vorlegen möchte. Darin soll geklärt werden, wie viele Leitungen in den kommenden Jahren über die 1.800 Kilometer hinaus benötigt werden. Der Plan soll spätestens am 3. Juni vorgestellt werden.
"Kein Anlass zur Entwarnung"
Dass die Netzsituation momentan mehr als besorgniserregend ist, machte Homann dann nochmals an der Situation im vergangenen Winter klar. Nach der Abschaltung der ersten Kernkraftwerke bedurfte es zeitweise großer Anstrengungen der Netzbetreiber, um die Stabilität des deutschen Stromnetzes aufrechtzuerhalten. Allein drei Mal mussten zwischen Dezember 2011 und März 2012 auf die sogenannte Kaltreserve zurückgegriffen werden, um das Stromnetz stabil zu halten. "Auch die Zahl der Eingriffe der Netzbetreiber in Netze und Erzeugung hat deutlich zugenommen", beschrieb Homann. In der nächsten Woche will die Bundesnetzagentur deshalb einen ausführlichen Bericht zu Lage der Strom- und Gasmärkte vorlegen. "Die zentrale Botschaft wird lauten: Es gibt keinen Anlass zur Entwarnung", sagte Homann schon jetzt.
Neben dem Ausbau des Strom- und Gasnetzes klärte die Bundesnetzagentur bei der Vorstellung des Berichts aber auch über die Lage des Telekommunikationsmarkts, der Postdienstleistungen und der Eisenbahn auf. Doch überraschende Ergebnisse gab es hierbei nicht.
Die Breitbandversorgung kommt voran, aber noch immer sind nicht alle Haushalte, Unternehmen und Regionen mit DSL-Leitungen versorgt. Durch den steigenden Versandhandel in Zeiten des Online-Shoppings konnte der Postmarkt seinen Umsatz steigern, obwohl die Deutschen weniger Briefe versenden. Und die Eisenbahn profitiert von der guten Konjunktur. Wenn die Wirtschaft brummt, gibt es natürlich auch viel per Güterverkehr zu transportieren. Die Situation im Personenverkehr blieb im Vergleich zum Vorjahr unverändert.
Wie weit der Netzausbau in den einzelnen Regionen wirklich ist und welche Standorte von den Verzögerungen betroffen sind können Sie aus folgender Deutschlandkarte und aus dem Bericht der Bundesnetzagentur ablesen. jtw