Die Energiewende ist auch auf der Hannover Messe eines der bestimmenden Themen. Neue Zahlen zeigen, dass die Stromausfuhren in Deutschland 2011 zurückgegangen sind. Kritiker sehen die Regierung aber trotzdem auf einem falschen Kurs, da Strom teurer importiert als exportiert werde.
Deutschland hat im vergangenen Jahr trotz Energiewende unterm Strich weiter Strom exportiert. Die Stromausfuhren lagen nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) bei netto 6.000 Gigawattstunden. Im Jahr zuvor habe die Bundesrepublik aber noch 17.700 Gigawattstunden Strom mehr aus- als eingeführt, sagte die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes, Hildegard Müller, am Montag auf der Hannover Messe. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) betonte, die Stromexporte seien finanziell bereits im Minus.
BDI-Präsident Hans-Peter Keitel sagte: "Wenn wir nicht auf die Kilowattstunden, sondern auf die Euros schauen, sind wir bereits zum Stromimporteur geworden." Deutschland habe große Mengen billigen Windstroms exportiert, aber aus dem Ausland vorwiegend teuren Strom zur Abdeckung von Verbrauchsspitzen bezogen. Die Industrie trage die Energiewende aber dennoch voll mit.
Notwendig sei ein "Gesamtplan, mit dem wir unsere Energiepolitik in Deutschland entwickeln können", forderte Keitel. Der Plan müsse festlegen, was Deutschland längerfristig an Importen haben und wie viel an Grundlast es künftig in konventionellen Energieformen bereitstellen wolle.
Eine Verstaatlichung der Energienetze, wie sie zur Anbindung von Offshoreanlagen diskutiert werde, brauche man allerdings nicht. Zum Teil sei im Energiebereich bereits zu vieles im Detail geregelt. So sei genau festgelegt, wann welches Kernkraftwerk abzuschalten sei.
Entspannung bis 2014
BDEW-Hauptgeschäftsführerin Müller prognostizierte, dass sich die Situation bei den Stromerzeugungskapazitäten bis 2014 entspannen werde. Derzeit seien bundesweit 69 neue Kraftwerke mit jeweils mehr als 20 Megawatt Leistung mindestens im Genehmigungsverfahren. Sechs der neuen Kraftwerke befänden sich derzeit im Probetrieb, weitere 18 bereits im Bau.
Nach Angaben des BDEW handelt es sich um 29 Gas- und 17 Kohlekrafterke, 23 Offshore-Windkraft-Projekte sowie 10 Pumpspeicherkraftwerke. Hinzu kommen 15 weitere bislang lediglich geplante größere Kraftwerke. Alle 84 Anlagen entsprächen einer installierten Leistung von 42.000 Megawatt und einem Investitionsvolumen von über 60 Milliarden Euro, erklärte der Verband.
Trotz des Exportüberschusses an Strom war im vergangenem Winter die Versorgungslage in Deutschland mehrfach kritisch. "Auch im nächsten Winter wird es noch einmal eng", warnte Müller. Bei den kritischen Situationen im vergangenen Winter sei die Erzeugung von Strom allerdings nicht allein die Ursache gewesen. Bei den regionalen Problemen hätten auch Mängel beim Netzausbau und das Zusammenspiel von Strom- und Gasmarkt eine Rolle gespielt.
Zweifel an der Wende
Bei einer Umfrage des Verbandes der Elektrotechnik (VDE), deren Ergebnisse auf der Messe vorgestellt wurden, meldeten Unternehmen Zweifel an einer schnellen Modernisierung des Stromnetzes an. Nur jedes 5. von 1.300 befragten Unternehmen glaubte, dass in Deutschland wie von der Bundesregierung geplant bis 2020 ein neues intelligentes Stromnetz aufgebaut wird.
Dem Aufbau eines solchen Netzes, das den Verbrauch über den Preis an den unregelmäßig anfallenden Wind- und Sonnenstrom anpassen soll, schrieben die Unternehmen dennoch große wirtschaftliche Bedeutung zu. Drei von vier der befragten Firmen sahen im internationalen Vergleich die höchste Technikkompetenz beim Aufbau neuartiger Netze in Deutschland. sg/dapd
