Eine Stiftung, eine Idee und viele Begeisterte haben im Landkreis Dillingen besondere Orte der Ruhe entstehen lassen. Wanderer und Radfahrer aus ganz Deutschland kommen hierher, um das Verschmelzen von Natur, Architektur und Handwerkskunst zu bewundern.

Aus der Ferne scheint es, als sei ein Holzstapel wagemutig aufgeschichtet worden. Mehr als drei Mann hoch schiebt er sich zwischen die Buchen am Waldrand, aber nur wenige Schritte breit. Erst beim Näherkommen wird klar: Hier steht eine Kapelle, wie sie rudimentärer nicht sein könnte. 40 grob bearbeitete Douglasienstämme, ein Eingang, ein Fensterloch, ein Kreuz. Mehr nicht.
Die hölzerne Kapelle auf der Anhöhe über Unterliezheim ist eine von sieben im Dillinger und Augsburger Land. Jede ist auf ihre Art ein kleines Meisterwerk. Sieben verschiedene Architekten haben diese hölzernen Bauten entworfen und gemeinsam mit dem Holzbaubetrieb Gumpp und Maier aus Binswangen umgesetzt. Doch am Anfang standen eine Stiftung und eine gute Idee.
Stiftung macht die 7 Kapellen möglich
Siegfried Denzel war nach dem Zweiten Weltkrieg ins väterliche Sägewerk in Wertingen eingestiegen. Nach einem langen Berufsleben übergab er es an seine beiden Söhne. "Und danach war noch etwas Geld übrig", gibt sich der 92-Jährige bescheiden. Er errichtete mit seiner Ehefrau die "Siegfried und Elfriede Denzel Stiftung", um in der Region Kunst, Kultur, Geschichte und Religion zu fördern.
Die Idee, wie die Stiftungssumme eingesetzt werden könnte, hatte allerdings der damalige Bezirksheimatpfleger Peter Fassl. "Mein Gedanke war, mit den Kapellen an den Radwegen ein neues Zeichensystem entstehen zu lassen, ähnlich wie die alten christlichen Landmarken aus Marterln, Bildstöcken oder Wegkreuzen", erläutert der Historiker, Theologe und Architekturliebhaber. Die Kapellen sollten die Vorbeikommenden zum Halten einladen, ihnen Schutz und einen Raum zur Besinnung bieten. Denzel stimmte zu, unter zwei Bedingungen: Die Gebäude sollten aus Holz sein und sie mussten ein Kreuz beinhalten.
Ein Privileg, an den sieben Kapellen mitzuarbeiten
Als Bezirksheimatpfleger war Fassl optimal vernetzt mit Architekten, Lokalpolitikern, Gemeindemitarbeitern, der Kirche und dem regionalen Handwerk. Wen er auch ansprach, er stieß auf Begeisterung. "Es wurde als Privileg empfunden, hier mitarbeiten zu können", erinnert sich Fassl an die Anfänge des Projekts 2017. Alle sieben angefragten Architekten sagten zu: Hans Engel, Wilhelm Huber, John Pawson, Frank Lattke, Alen Jasarevic, Volker Staab und Christoph Mäckler.
Die größte Hürde sei es gewesen, passende Plätze zu finden. Die Kapellen sollten an Radwegen stehen, an naturnahen und dennoch bebaubaren Orten, fernab von Gewerbegebieten, Scheunen oder Dörfern. Jeder Architekt durfte seinen Standort selber wählen, jeder entwickelte dazu passend seine besondere Architektur, vom wuchtigen Pawson-Entwurf bis zur filigranen Mäckler-Kapelle.
Handwerksbetrieb koordiniert das Projekt
Bei der Firma Gumpp und Maier liefen alle Fäden zusammen. "Wir überlegten mit den Architekten, wie wir die Entwürfe umsetzen konnten, gerade im Hinblick auf die Statik und den konstruktiven Holzschutz", erinnert sich Zimmerer und Diplom-Ingenieur Alexander Gumpp.
Er und sein Projektleiter Alfred Bühler koordinierten außerdem die übrigen Handwerker, stets den Budgetrahmen im Hinterkopf. "Geld hat daran keiner verdient. Aber die Zusammenarbeit auf Augenhöhe hat einfach Spaß gemacht. Es war ein tolles Projekt", gibt Gumpp zu. Hunderte Arbeitsstunden spendete er für das Herzensprojekt. Und der Betrieb trägt auch weiterhin Sorge dafür, dass die sieben Gebäude gut erhalten bleiben.
Technisch gesehen hatte jede der Kapellen ihre eigenen Herausforderungen. Bei der Pawson-Kapelle zum Beispiel waren die groben Douglasienstämme frisch geschlagenes Holz, das mit der Zeit schrumpft. Das durfte weder die Statik beeinträchtigen noch das Kreuz aus Bernsteinglas in der Front gefährden. "Also haben wir eine Dämpferfeder aus einem VW-Bus verbaut", fand Gumpp eine kreative Lösung.
Die Feder spannt Zugstangen vor, mit denen das Gebäude ausgesteift wurde. Das Bernsteinkreuz schützte der Betrieb, indem er es mit Fugenbändern elastisch einbettete.
Wo die 7 Kapellen stehen
Ein Klick auf die Kapelle öffnet den Standort in Google Maps
Vorliebe für komplexe Aufgaben
Gumpp freut sich über solche komplexen Bauaufgaben. Natürlich müsse man Geld verdienen. "Aber wenn wir bei Projekten die Wahl haben zwischen maximalem Profit und maximal interessant, entscheiden wir uns lieber für den interessanten Auftrag."
Mit dieser Strategie sind Alexander Gumpp und Josef Maier seit 20 Jahren erfolgreich. Beide stammen aus Zimmerer-Familien und haben das Unternehmen 2004 gegründet. Von damals 20 Mitarbeitern ist die Firma auf heute 130 Köpfe gewachsen. Dank ihrer durchdigitalisierten Planungs- und Fertigungsprozesse und der engen Zusammenarbeit mit Universitäten und Hochschulen zählen sie zu den Technologieführern der Branche. Und genau das ist Gumpps erklärtes Ziel: immer an der Spitze der Entwicklungen im Holzbau zu sein.
Wie wichtig diese Expertise in komplexen Bauvorhaben ist, zeigte sich beim Kapellenprojekt selbst bei vermeintlich einfachen Entwürfen wie der Mäckler-Kapelle. Sie erinnert wegen ihrer schmalen, hohen Form als einzige an einen klassischen Kirchenbau. Doch mit ihren 172 kleinen Glasfenstern, die jeweils über drei Balken gehen, durfte die Konstruktion keine Maßtoleranz aufweisen. Gumpp plante die gesamte Kapelle im Datenmodell. Dadurch war die Montage auf der Baustelle unproblematisch.
7 Kapellen kurbeln Tourismus an
Stifter Siegfried Denzel sitzt gerne unter diesen Fenstern. Er besucht "seine" Kapellen so oft es geht. Dann liest er im Gästebuch die neuesten Eintragungen oder unterhält sich mit Besuchern. "Den Kapellen wird so viel Wertschätzung entgegengebracht, die Menschen kommen von überall her", freut er sich. Wanderer, Radfahrer, Pilger, Gläubige, Naturliebhaber und Architekturfreunde – aus ganz Deutschland, aber auch aus dem Ausland stammen die Gäste. Die Türen der Kapellen sind für sie immer geöffnet.
Ausführliche Informationen zum Projekt sowie Informationen zum Radweg unter www.7kapellen.de
