Zimmerei Rinn XI aus Heuchelheim Drehhaus: Zeit, dass sich was dreht

Zimmermeister Christopher Rinn aus Heuchelheim entwickelte ein rundes Haus, das sich im Kreis dreht. So kann das energieautarke "DrehHaus" den ganzen Tag der Sonne folgen. Nebenbei sorgen das viele Licht und die Bewegung noch für ein besonderes Wohngefühl.

Das "DrehHaus Kylie" in Heuchelheim: Die zylindrische Grundform durchbricht der charakteristische Rüssel. Dessen Panoramafenster im ersten Stock ist einer der schönsten Sitzplätze im ganzen Haus. - © Rinn XI GmbH

Wie ein überdimensionaler Zahnstocher steckt der Holzstab waagerecht im runden Haus. Wenn sich nun ein Mensch mit seinem ganzen Körpergewicht dagegenstemmt, dauert es ein, zwei Sekunden, dann ist der Widerstand überwunden. 200 Tonnen setzen sich in Bewegung – Zentimeter für Zentimeter. Nicht zu hören, aber mit bloßem Auge gerade so zu erkennen: Das Haus dreht sich.

In 25 Jahren hat die Zimmerei Rinn XI (siehe Kasten) vier solcher "DrehHäuser" gebaut. Es sind zylinderförmige, mehrgeschossige Gebäude, die sich über Photovoltaikanlagen selbst mit Energie versorgen. "Im Ort sind wir bekannt für unsere runden Häuser", sagt Christopher Rinn. Durch eine ausgeklügelte Feinmechanik können sich die Häuser drehen und das Lichtangebot eines ganzen Tages voll ausnutzen. "Wir fahren der Sonne hinterher", sagt der Diplom-Ingenieur und Zimmermeister. Drei "DrehHäuser" stehen im hessischen Heuchelheim bei Gießen. Das Neueste bewohnen Christopher Rinn und seine Frau Petra seit März vergangenen Jahres selbst.

Der Sonne hinterher fahren

Das runde Haus manuell zu drehen, ist zwar möglich, doch um die Sonnenenergie nutzen zu können, richtet sich das Haus automatisch mit einem 180-Watt-Motor aus. Dies ist auch der Grund, warum der Einstrahlungswinkel der Photovoltaikanlage auf dem Flachdach keine Rolle spielt. Das "DrehHaus" sucht sich die Sonne selbst. Im Hochsommer kann die Seite mit wenig Fenstern des nach Rinns Angaben optimal gedämmten Hauses in die Sonne gestellt werden, um die Temperatur im Inneren niedrig zu halten. "Dann fahren wir mit den Fenstern aus der Sonne raus", sagt der 59-Jährige. Auf eine Klimaanlage können Rinns so natürlich gut verzichten. "Ein kühler Wohnraum kostet uns nichts."

Im Winter während der Heizperiode hingegen werden Fenster und Photovoltaikanlage der Sonne zugewandt. "So bekommen wir Licht und Energie, schlagen also zwei Fliegen mit einer Klappe." Nur bei Schnee könne das Haus nicht aus eigener Energie beheizt werden, weil die Sonne die Module nicht erreicht und so kein Strom produziert wird.

Zu viel produzierter Strom fließt ins Netz oder in die Ladestationen für zwei Elektroautos der Familie. "Das Auto ist sozusagen mein Akku", sagt der überzeugte E-Auto-Fahrer. Für das nachhaltige und energieautarke Zusammenspiel nutzt das "DrehHaus" auch Warmwassermodule und Erdwärme. Dass der Holzrahmenbau mit Passivhausaufbau luftdicht ist, daran ändert auch ein Kamin für den Holzofen im Wohnzimmer nichts. "Ist der Ofen aus, gehen die Klappen oben und unten zu."

Eine Runde dauert 30 Minuten

Das Wohnhaus von Christopher Rinn ist das erste "DrehHaus", das sich endlos im Kreis drehen kann. 30 Minuten dauert eine komplette Umdrehung auf einem kugelgelagerten Drehkranz aus Stahl. Diese Mechanik ist das eigentliche Alleinstellungsmerkmal. Die ersten drei "DrehHäuser" konnten sich nur hin und zurück bewegen. Wie sich ein Haus jedoch endlos im Kreis drehen kann, auf diese Lösung stieß der Diplom-Ingenieur auf einer Messe, die tatsächlich nichts mit Baugewerbe zu tun hatte.

Die Lösung soll sein Betriebsgeheimnis bleiben. Ein Patent hat er darauf nicht angemeldet. "Für 'DrehHäuser' wird es nie einen Massenmarkt geben", ist sich Rinn sicher. Denn ein "DrehHaus" hat seinen Preis. Es ist rund 100.000 Euro teurer als ein herkömmliches Haus und benötigt mehr als zwei Jahre Bauzeit. Dafür ist jedes "DrehHaus" individuell. Optisch verbindet sie die runde Form. Konzept, Technik, Architektur und Design entwickelten sich im Laufe der Jahre weiter. Das Team von Rinn XI lässt dabei natürlich auch die Erfahrungen des Alltagsgeschäfts einfließen, bei dem es sich um klassische Zimmererarbeiten vom Carport bis zum Hausbau handelt. Auf dem weitläufigen Firmengelände in Heuchelheim wird gefräst, geschliffen und gehämmert. Es riecht nach frisch zugeschnittenem Holz. Was möglich ist, baut das Team hier zusammen und montiert es dann vor Ort.

Rinn XI Zimmerei und Abbundzentrum

Die römische Ziffer im Firmennamen Rinn XI geht auf die Zeit der Gründung im Jahr 1899 zurück. Zur Jahrhundertwende war es üblich, Söhne nach dem deutschen Kaiser zu nennen. Weil Rinn in Heuchelheim ein häufiger Familienname ist, gab es so viele Wilhelm Rinn, dass sie durchnummeriert werden mussten. Wilhelm Rinn III gründete die Zimmerei mit Sägewerk, die sein Sohn Wilhelm Rinn XI dann 1928 übernahm.

Weitere Informationen unter drehhaus.de.

Soll ein "DrehHaus" gebaut werden, muss das Grundstück gewisse Voraussetzungen erfüllen. Von Osten über Süden bis Westen – also von Sonnenauf- bis -untergang – wären 15 bis 20 Meter Abstand zwischen Haus und Nachbar ideal. Die Breite einer Straße helfe schon, diesen Abstand herzustellen. Ist im Bebauungsplan eine Firstrichtung vorgegeben, müsse ein Abweichungsantrag gestellt werden. Denn diese Anforderung erfüllt ein drehendes Haus natürlich nicht. Für Kinder oder Haustiere sei die Drehmechanik übrigens nicht gefährlich.

Idee des Vaters weiterentwickelt

Die Idee zum runden "DrehHaus" hatte der Vater von Christopher Rinn. Als dieser den Familienbetrieb in Heuchelheim 1992 an seine Söhne übergab, wollten sich die Eltern auf einen Altersruhesitz zurückziehen. "Klar war, dass es ein Holzhaus wird", erinnert sich Christopher Rinn. Und es sollte rund sein, also mit wenig Mantelfläche, dafür viel Volumen. Bau es zum Drehen, habe ihn sein Vater aufgefordert. Gedanken um Nachhaltigkeit und Ökologie machte sich Heinrich Rinn schon seit der ersten Energiekrise in den 1970er-Jahren. Für ihn war Energie zu schade, um sie zum Heizen von Häusern zu verbrauchen. Christopher Rinn entwickelte aus der Idee seines Vaters 1997 sein erstes "DrehHaus", das auf dem Firmengelände von Rinn XI steht. "Elfie" ist sozusagen die Mutter der „DrehHäuser“ und nach Christopher Rinns Mutter Elfriede benannt. Nachdem sie mit ihrem Mann den Altersruhesitz bezogen hatte, ist von ihr der Satz überliefert: "Hier tragt ihr mich nur raus."

Licht für die Seele

Der Satz deutet an, was Christopher und Petra Rinn beim Bau ihres eigenen "DrehHauses" motivierte. Neben Ökologie und Nachhaltigkeit nämlich auch Wohn- und Lebensqualität. "Man kann es nicht beschreiben, sondern man muss es erleben, wie gut sich Licht und Belichtung hier auf die Seele auswirken", sagt Petra Rinn, die seit 1997 mit ihrem Mann die Zimmerei mit 25 Mitarbeitern leitet.

Fünf Jahre haben die beiden Zimmermeister mit zwei Architekten geplant und getüftelt. Das Ergebnis ist ein offener, 150 Quadratmeter großer Wohnbereich mit elf Metern Innendurchmesser. Durch rahmenlose Fenster, eine gebogene Glasscheibe von knapp vier Metern Länge und Einfallpunkte im Dach durchflutet den Raum zu jeder Tages- und Jahreszeit Licht.

"Kylie" haben sie ihr Haus genannt, weil dessen zylindrische Grundform von einem Bumerang (in Australien Kylie genannt) und einem Rüssel durchbrochen wird. Der Rüssel läuft als eine Linie durchs Haus, schiebt sich über die Terrasse hinaus. Vom Platz am riesigen quadratischen Fenster "schauen wir oft einfach nur der Natur zu", sagt Petra Rinn. Der Bumerang hingegen schmiegt sich wie das gebogene Wurfholz an die Außenseite. Seine Unterlinie ist gleichzeitig die Unterlinie der Fenster.

Liebe zum Detail

Auf diese Feinheiten haben sie geachtet. Wie auch in der Außenverkleidung die Latten aus Douglasie unterschiedlich breit und versetzt angebracht sind. Der Effekt ist, dass die Oberfläche glatt wirkt. Vor dem Badezimmerfenster wiederum fehlt jede zweite Lamelle. Weil das genau dem maximalen Augenabstand eines Menschen entspricht, können Christopher und Petra Rinn hinausschauen, aber von außen kann niemand hineinsehen. Auf diese Details mit großer Wirkung sind Christopher und Petra Rinn besonders stolz.

"Die Herausforderung war, Harmonie mit der Umgebung zu schaffen, so dass sich ein schönes Bild von innen und von außen ergibt", sagt Petra Rinn. Von außen, weil das Haus durch die Drehung immer ein anderes Gesicht zeigt. Und von innen, weil die Sicht nach draußen ständig variiert. Mal befindet sich das weite Feld, mal das Hoftor vor dem Schlafzimmerfenster. Hinzu kommt das viele, sich ändernde Licht. Selbst die Spiegelung des Schwimmteiches wirft durch die Glasflächen zuckende Muster auf Wände und Decke.

"Es ist klar, dass das nichts für jedermann ist. Man muss sich dieses Haus gönnen", sagt Petra Rinn. Einen Mitbewohner, der sich dieses Haus ebenfalls gönnt, haben die Rinns jedenfalls schon. Ein Eichhörnchen hat sich das "DrehHaus" als sein Zuhause ausgesucht. Sein Nest hat es sich hinter den Lamellen vor dem Badezimmerfenster gebaut. Nicht der schlechteste Platz, um die drehende Aussicht zu genießen.