Flüchtlinge ausbilden und beschäftigen -

Ausbildung gestatteter oder geduldeter Flüchtlinge 3+2: Nerven und Netzwerk gefragt

Wenn Handwerker Geflüchtete in Ausbildung nehmen, spielt für sie deren Asylstatus eine untergeordnete Rolle. Es zählen die Motivation und die Fähigkeiten des Kandidaten. Doch im Ausbildungsalltag bedeutet ein unsicherer Bleibestatus eine Zusatzbelastung. Wie Unternehmer damit umgehen.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Flüchtlinge ausbilden und beschäftigen

Fünf Jahre Unsicherheit schlagen aufs Gemüt. Naser Samadi stammt aus Afghanistan und ist Bäcker-Azubi im dritten Lehrjahr bei der Stadtbäckerei Schultheiß in Ostfildern. Schon 2013 kam der heute 29-Jährige nach Deutschland, seit 2015 arbeitet er in dem großen Familienbetrieb bei Stuttgart. "Er ist zuverlässig und fleißig. Aber ich weiß nie, wie lange er noch da ist. Seine Duldung wird immer nur für drei Monate verlängert. Für ihn ist das eine große seelische Belastung“, berichtet sein Chef Christian Schultheiß.

3+2-Regelung im Handwerk oft nötig

11.000 Azubis mit Fluchthintergrund gab es im Jahr 2017 im deutschen Handwerk. Längst nicht alle davon haben einen anerkannten Asylstatus. Viele beginnen wie Samadi noch während des laufenden Asylverfahrens eine Ausbildung. Wird ihr Asylantrag abgelehnt, greift § 60a Aufenthaltsgesetz: Der besagt, dass Geflüchtete für die Dauer ihrer Ausbildung und weitere zwei Jahre in Deutschland bleiben dürfen, sofern sie sich nichts zuschulden kommen lassen (3+2-Regelung).

Naser Samadis Fall würde dem genau entsprechen. Nachdem sein Asylantrag abgelehnt worden war, hatten er und sein Chef den Antrag auf Ausbildungsduldung gestellt und parallel alles in die Wege geleitet, um Passersatzpapiere aus Afghanistan zu erhalten. Doch als nach mehreren Monaten und vielen Behördengängen die Papiere eintrafen, waren sie fehlerhaft. Samadis Status: weiterhin unsicher.

Gute Kontakte für Flüchtlingsausbildung

Wer als Unternehmer einen Geflüchteten ausbildet, braucht gute Nerven und gute Kontakte: zu ehrenamtlichen Helfern, zu Netzwerken wie "Unternehmen integrieren Flüchtlinge“ oder dem "Senior Experten Service", aber auch zur Ausländerbehörde.


Webinar zur 3+2-Regelung

Das Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge (NUiF) stellt ab dem 23. November 2018 die Aufzeichnung eines Webinar zur 3+2-Regelung online.

Max Klasen, NUiF-Experte für die Ausbildungsduldung, gibt darin einen Überblick zu
• den rechtlichen Voraussetzungen
• die Anwendungspraktiken in den einzelnen Bundesländern
• hilfreiche Praxistipps, um den Antrag auf Ausbildungsduldung möglichst erfolgreich zu gestalten.

Hier geht es zu dem Webinar.

Jede Änderung von Ausländerbehörde genehmigen lassen

Jede Beschäftigung, jede Ausbildung und jede Änderung in der Beschäftigung von Geflüchteten müssen Unternehmer von der zuständigen Ausländerbehörde genehmigen lassen. "Wenn Sie unsicher sind, fragen Sie lieber einmal mehr bei Ihrer Handwerkskammer, dem Willkommenslotsen oder im Netzwerk nach“, empfiehlt Martina Wirth, Willkommenslotsin bei der Handwerkskammer für Schwaben.

Für Unternehmer ist das viel Zusatzarbeit: "Helfen, betreuen, zum Anwalt, zum Amt, herumtelefonieren, Nachhilfe organisieren“, zählt Schultheiß auf, was er für die insgesamt drei Geflüchteten unter seinen neun Azubis tut. "Aber es ist ja auch nicht gerade so, dass uns im Bäckerhandwerk die Tore eingerannt ­werden.“

Hilfe auf vielen Ebenen nötig

Die Geflüchteten brauchen auf vielen Ebenen mehr Hilfe als deutsche Azubis. Die Sprache, aber auch mangelnde Kenntisse in Mathematik und Naturwissenschaften bereiten regelmäßig Probleme. Schwierig ist auch die fehlende Infrastruktur: enger Wohnraum in lauten Gemeinschaftsunterkünften, wo Lernen und Schlafen kaum möglich sind; ein öffentlicher Nahverkehr, mit dem der Arbeitsplatz morgens nicht erreicht werden kann. Private Sorgen beeinträchtigen zusätzlich: Viele müssen ihre Familien in der Heimat finanziell unterstützen und leiden unter der Trennung von den Angehörigen; und nicht wenige haben Traumata durch Gewalterlebnisse erlitten. All das spielt in die Ausbildung mit hinein.

Christian Schultheiß hofft, dass er mit seinen Azubis alle Klippen umschiffen kann. Denn er sieht in den vielen Problemen auch eine Chance: "Bei deutschen Azubis läuft die Ausbildung auch mal zäh. Aber die Geflüchteten bei mir im Betrieb wollen sich durchbeißen. Letztlich ist es ihre einzige Chance auf eine Perspektive in Deutschland.“

Wer darf wann was arbeiten?

Wer wann welche Art der Beschäftigung aufnehmen darf, hat die Bundesagentur für Arbeit im Dokument "Praktika und betriebliche Tätigkeiten für Asylbewerber und geduldete Personen" zusammengefasst.

Hier geht es zum Wegweiser durch den Förderdschungel.

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