Europa kommt nach Deutschland: Die Zahl der Zuwanderer war 2012 so hoch wie seit 17 Jahren nicht mehr. Betriebe können davon profitieren. Doch im Handwerk gibt es deshalb auch Bedenken.
Mirabell Schmidt
Deutschland wird als Einwanderungsziel attraktiver: Im vergangenen Jahr sind so viele Menschen zugewandert wie zuletzt 1995. Insgesamt kamen 1,08 Millionen Personen und damit 13 Prozent mehr als 2011. Dies ist vor allem auf die konjunkturell schlechte Lage und die hohe Arbeitslosigkeit in Europa zurückführen.
So stieg die Zahl der Zuwanderer aus Spanien 2012 um 45 Prozent, aus Griechenland und Portugal um jeweils 43 Prozent. Nach wie vor kommen aber die meisten Zuzügler aus Polen. Aus Rumänien und Bulgarien, die auf den Plätzen zwei und drei der Herkunftsländer liegen, siedelten im vergangenen Jahr insgesamt knapp 176.000 Menschen nach Deutschland um.
Merkel: Wir tun gut daran, für Deutschland als offenes Land zu werben
Die Bundesregierung begrüßt die Entwicklung und sieht darin die Möglichkeit, dem Fachkräftemangel hierzulande entgegenzuwirken. "Der Zustrom ist ein Riesengewinn für alle Seiten, denn die neue Welle der Zuwanderer ist jünger und besser ausgebildet als der Schnitt der Bevölkerung", sagte Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) der „Frankfurter Allgemeinen“.
Bundeskanzlerin Angela Merkel plädierte auf dem Demografie-Gipfel Mitte Mai für mehr Mobilität innerhalb Europas. Sie rief dazu auf, "für Deutschland als offenes Land, das Fachkräfte sehr willkommen heißt, zu werben".
Gerade für Mittelständler eröffnet sich dadurch die Chance, Arbeitskräfte aus dem Ausland zu rekrutieren. Durch den Zuzug vor allem aus den südeuropäischen Ländern "können auch die in Deutschland ansässigen Unternehmen leichter Kontakte mit Zuwanderern knüpfen und diese beispielsweise durch Kurzpraktika auf ihre Eignung für die vakanten Stellen testen", sagt die Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung Friederike Welter.
Qualifikation der Zuwanderer ausschlaggebend
Auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) sieht die Zuwanderung zunächst als Chance. "Ausländische Fachkräfte stellen eine Bereicherung für jeden Betrieb dar", sagt Jan Dannenbring, Experte für Arbeitsmarkt und Arbeitsrecht beim ZDH. Die Zuwanderung sei dann sinnvoll, wenn sie sich eng an dem Bedarf der Unternehmen orientiere.
Ausschlaggebend dafür ist auch die Qualität der Zuwanderung, wie Herbert Brücker, Zuwanderungsexperte vom?Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), sagt. Zwischen 1999 und 2009 hatten 32 Prozent der Einwanderer eine berufliche Qualifikation und 28 Prozent einen Hochschulabschluss. Durch die größere Zahl an Zuwanderern aus Südeuropa habe sich die Qualifikationsstruktur in den letzten zwei Jahren insgesamt weiter verbessert.
Seite 2: Wie FDP-Chef Philipp Rösler das Problem mit Armutsflüchtlingen lösen will .>>>
Aus Rumänien und Bulgarien, wo die Bürger erst von 2014 an die uneingeschränkte Arbeitserlaubnis in Deutschland haben, wandern seit 2010 hingegen mehr gering Qualifizierte ein. Ein Thema, das daher viele, gerade im Handwerk, mit Zuwanderern aus den Ländern verbinden, ist Scheinselbstständigkeit.
Das Problem ist zwar laut Brücker nicht gravierend, die Tendenz gibt es aber. Schuld daran sei die Beschränkung der Arbeitsrechte. Das Problem ist also hausgemacht. Denn so werden die Zuwanderer in die Selbstständigkeit getrieben. "Mit der vollen Arbeitnehmerfreizügigkeit ab Januar 2014 wird sich das ändern und auch die Zahl der Scheinselbstständigen reduzieren." Bei Kroatien mache man nun aber denselben Fehler.
Brücker: Migrationsströme werden nach Deutschland umgeleitet
Es ist zu erwarten, dass 2014 erneut mehr Menschen nach Deutschland kommen als 2013. "Aufgrund der schlechten konjunkturellen Lage der europäischen Staaten werden die Migrationsströme nach Deutschland umgeleitet", erläutert Brücker. Es sei allerdings davon auszugehen, dass auch die Qualifikation der Zuwanderer weiter steigen wird.
Dennoch schürt mehr Zuwanderung aus Ost- und Südosteuropa bei vielen Betrieben im Handwerk Angst vor steigendem Preisdruck. Diesbezüglich gibt Brücker Entwarnung: Das habe nichts mit Zuwanderung zu tun, sondern falle in den Bereich der Dienstleistungsfreiheit in der EU. Die Zahl der entsendeten Arbeitskräfte sei außerdem sehr überschaubar.
Das Problem mit Armutsflüchtlingen in den größeren Städten will FDP-Chef und Wirtschaftsminister Philipp Rösler durch die Qualifizierung von Armutszuwanderern zu Facharbeitern lösen. Rösler sieht jegliche Form der Zuwanderung wegen des wachsenden Fachkräftemangels als "einen Gewinn für unser Land".