Die Zahlungsmoral in Europa sinkt: Europäische Unternehmen sind 2012 auf offenen Rechnungen im Wert von 350 Milliarden Euro sitzengeblieben – so viel wie noch nie. Doch im Vergleich zu Firmen in vielen anderen europäischen Staaten haben Betriebe hierzulande mit Zahlungsausfällen weniger Probleme.

Auf rund 350 Milliarden Euro an Zahlungsforderungen sind europäische Unternehmen 2012 sitzengeblieben. Damit mussten die Firmen durchschnittlich drei Prozent ihrer Forderungen abschreiben. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht das einem Anstieg um sieben Prozent. Das ergab die jährliche Umfrage des schwedischen Inkassodienstleisters Intrum Justita, an der sich 9.800 Unternehmen aus 29 europäischen Ländern beteiligten.
Vor allem finanzielle Schwierigkeiten der Schuldner, aber auch absichtliche Zahlungsverzögerungen sind laut der Befragten daran schuld. Die allgemeine Entwicklung führen Unternehmen hingegen insbesondere auf die anhaltende Rezession in Europa zurück. Die sinkende Zahlungsmoral führt bei vielen Betrieben zu Liquiditätsproblemen und einem Rückgang der Investitionstätigkeit (durchschnittlich 48 Prozent).
Deutsche Firmen können mit Zahlung rechnen
Doch die Lage gestaltet sich in Europa sehr unterschiedlich: Während Betriebe in südeuropäischen Ländern deutlich häufiger lange oder vergeblich auf Zahlungen warten, ist dies in den nördlichen Ländern seltener der Fall. So meldeten bei der Umfrage griechische Unternehmen 9,9 Prozent der Zahlungsforderungen als uneinbringlich. In Deutschland waren es dagegen nur 2 Prozent.
Seite 2: Zahlungsverzugs-Richtlinie der EU nützt wenig
Auch was die Auswirkungen der Zahlungsverzögerungen auf die Investitionstätigkeit angeht, steht Deutschland im Vergleich zu vielen anderen europäischen Staaten gut da. Rund 25 Prozent der Befragten gaben an, dass sie wegen nicht beglichenen Rechnungen ihre Investitionen zurückgefahren haben. Im Vorjahr waren es noch 31 Prozent.
Auch zeigen sich deutsche Unternehmen im Gegensatz zu vielen anderen Firmen in Europa zuversichtlich, dass ihre Bank sie bei Bedarf unterstützen würde. Der Zahlungsindex Deutschlands hat sich seit 2009 ebenfalls kontinuierlich verbessert. Die Autoren der Studie schreiben Deutschland daher eine stabile Situation zu, ebenso wie eine gute Zahlungsbilanz. Dennoch rechnen mit knapp 30 Prozent mehr der hiesigen Unternehmen als im Vorjahr (21 Prozent) damit, dass das Risiko des Zahlungsverzugs künftig zunehmen wird.
EU-Richtlinie gegen Zahlungsverzögerung nützt wenig
Allgemeine Unzufriedenheit äußerten die Unternehmen allerdings, was Unterstützung durch die jeweilige Regierung angeht: 70 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, dass die Regierungen nicht genug tun, damit sich Unternehmen ausreichend vor Zahlungsverzug oder -ausfall schützen können.
Dementsprechend wird auch der Nutzen der EU-Richtlinie gegen Zahlungsverzug im Geschäftsverkehr von 2011 mehrheitlich gering eingestuft. Unter anderem Slowenien, Spanien und Schweden sind dahingehend besonders pessimistisch.
In Deutschland liegt der Gesetzesentwurf zur Umsetzung der Richtlinie seit Ende September 2012 dem Rechtsausschuss vor. Derzeit muss ein Zahlungsaufschub von mehr als 30 Tagen bei Geschäftsbeziehungen besonders erklärt werden. Bei öffentlichen Auftraggebern gilt eine Höchstfrist für die Zahlung von 30 Tagen. Privatkunden sind von der Richtlinie nicht betroffen. sch