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Bauboom, Fachkräftemangel und lange Wartezeiten Steigende Preise im Handwerk: Was hinter den Berichten steckt

Das Bau- und Ausbauhandwerk boomt – sogar so stark, dass Handwerkskunden lange darauf warten müssen, bis sie einen Termin bekommen. Angeblich nutzen Betriebe nun die hohe Nachfrage, um Preise zu erhöhen. Doch die Probleme liegen an anderer Stelle.

2016 war ein Rekordjahr fürs deutsche Handwerk; über 90 Prozent der Betriebe beendeten das Jahr mit einer guten oder zufriedenstellenden Bilanz. Auch jetzt sind die Auftragsbücher noch voller denn je. Doch was so positiv klingt, wird dann zum Problem, wenn Medien plötzlich verstärkt über steigende Preise und lange Wartezeiten für Handwerkskunden berichten.

Fakt ist: Die Wartezeiten sind mit bis zu zehn Wochen im bundesweiten Schnitt lang. Auch regional zeigt sich dieser Trend. So haben die Baubetriebe beispielsweise in Oberbayern derzeit einen Auftragsbestand von etwa 9,5 die Ausbaubetriebe von 8,5 Wochen. Dies ist nach Angaben der Handwerkskammer für München und Oberbayern der höchste Wert am Ende eines Winters seit Anfang der 90er Jahre. "Das sind jedoch Durchschnittswerte und die sagen nicht unbedingt etwas darüber aus, wie lange ein Kunde auf die Erledigung seines Auftrages warten muss", sagt Kammersprecher Rudolf Baier. Neubauten oder Renovierungen seien Vorhaben, die man von längerer Hand plant. Da seien Wartezeiten ganz normal. Notfalleinsätze seien von den Wartezeiten nicht betroffen.

Ähnliches berichten auch die Handwerkskammer Wiesbaden und der Baden-Württembergische Handwerkstag (BWHT). "Die hohe Nachfrage wirkt sich auf die Vorlaufzeiten bei Aufträgen aus. Im Bau- und Ausbaugewerbe liegen die Wartezeiten inzwischen im Schnitt bei neuneinhalb Wochen", sagt Rainer Reichhold, Präsident des BWHT. Er ergänzt jedoch, dass der Fachkräfteengpass weiteres Wachstum ausbremse. "Die Betriebe engagieren sich enorm, aber es ist klar, dass sie diese Herausforderung kaum alleine stemmen können."

Wartezeiten für Kunden – Nachwuchsmangel im Handwerk

Gründe für die langen Wartezeiten liegen vor allem am starken Bauboom und dass immer mehr Menschen in die eigenen vier Wände investieren und dabei meist individuelle Lösungen suchen, die das Handwerk bieten kann. Die Kreditzinsen sind niedrig, die Nachfrage nach neuem Wohnraum stark. Viel wird derzeit in den Bau neuer Wohnungen und auch in Sanierungen von Bestandsbauten investiert. "Ich sehe für 2017 eine Fortsetzung dieser Entwicklung", sagte ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke dem TV-Sender RTL .

Besonders stark ist demnach die Auftragslage in den Bau- und Ausbaugewerken wie etwa bei im SHK-Handwerk, bei den Fensterbauern und Elektrikern. Doch genau diese Gewerke leiden auch sehr stark unter dem Fachkräfte- und Nachwuchsmangel. Sie können offene Stellen nicht besetzen und so auch nur weniger Aufträge erfüllen als es die Kunden gerne hätten. Rund 14.000 Lehrstellen sind im Ausbildungsjahr 2016/2017 im Handwerk freigeblieben.

Über diese Fakten berichteten in den vergangen Tagen auch zahlreiche Medien – ob im Fernsehen, im Internet oder in den Zeitungen. Doch im Zentrum der Berichte steht nicht nur die gute Auftragslage im Handwerk, sondern auch die Tatsache, dass nun voraussichtlich die Preise in vielen Handwerksbranchen steigen, weil sich die Handwerker die Kunden aussuchen könnten und nicht umgekehrt eine große Konkurrenz herrsche. Damit wird das Handwerk jedoch pauschal in ein schlechtes Licht gerückt, denn trotz der derzeitigen Entwicklung geraten die Betriebe selbst durch verschiedene Faktoren unter Preisdruck.

Preise und Kosten steigen

"Ja, die Preise steigen, da auch die Kosten für die Betriebe durch höhere Rohstoffpreise zum Beispiel für Metalle, und Lohnerhöhungen angewachsen sind", sagt dazu Rudolf Baier. Er rechnet damit, dass die Preise im Bayerischen Baugewerbe durchschnittlich um knapp zwei und im Ausbaugewerbe um ca. 2,5 Prozent angehoben werden. Hauptkostentreiber seien zudem gesteigerte Anforderungen durch technische Normen beispielsweise fürs Energiesparen.

"Die Stundenverrechnungssätze für Handwerkerleistungen sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen, besonders im Bauhaupt- und Baunebengewerbe", gibt die Betriebsberatung der Handwerkskammer Wiesbaden an. Das sei marktwirtschaftlich aufgrund der großen Nachfragen nachvollziehbar.

Der BWHT weist auf eine Umfrage des Verbandes der Wirtschaftsforscher von Creditreform hin, die ergeben hat, dass tendenziell Preiserhöhungen durchgesetzt werden könnten. Reiner Reichhold geht davon aus, dass dies für Baden-Württemberg genauso gilt. "Ich denke, es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei: Die Kunden vor allem im Baubereich müssen sich auf höhere Kosten und längere Wartezeiten einstellen. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Da brauchen Sie sich bloß den Immobilienmarkt anzuschauen."

Spekulationen in den Medien, dass Handwerker ist derzeitige Lage nutzen, um die Preise selbst in die Höhe zu treiben, kamen durch Aussagen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zustande. Der ZDH konnte dies nicht bestätigen. Anfang Mai gibt es den neuen   Konjunkturbericht des ZDH. Dieser wird Details der Preisentwicklung enthalten. jtw

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