Zinsniveau: Interview mit Renten-Experte Bert Rürup "Ich erwarte einen Schub für die Betriebsrente"

Renten-Experte Bert Rürup plädiert für mehr Transparenz bei Produkten der Altersvorsorge und preist die Vorteile der betrieblichen Altersversorgung.

Frank Muck

Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institute, sagt, dass das Argument schlechter Rendite nicht für alle Lebensversicherer gilt. - © Foto: Frank Beer

Die EZB senkt weiter den Leitzins. Mit Geldanlage ist derzeit kein Geld zu verdienen. Die Lebensversicherer können schon lange nicht mehr ihre versprochenen Überschusszahlungen einhalten. Bert Rürup, Renten-Experte und Initiator der Rürup-Rente (Basis-Rente), über Atlernativen und zukünftige Schwerpunkte bei der Altersvorsorge.

DHZ: Herr Professor Rürup, laut Ihrer Studie „Die Zukunft der Altersvorsorge“ sollten Selbstständige nicht automatisch in Alterssicherungssysteme einbezogen werden, obwohl die gesetzliche Rente eine gute Rendite hat und das System profitieren könnte.
Rürup: Ein gegenüber demographischen Veränderungen sensibles System wie die gesetzliche Rentenversicherung (GRV) wird nicht nachhaltiger, indem man den Kreis der Versicherten ausweitet. Wenn in der Zukunft die Rentenansprüche der "Neumitglieder" bedient werden, müssen die Beitragssätze angehoben und damit die Rentenanpassungen verringert werden.

DHZ: Jetzige Renditen machen kapitalgedeckte Vorsorge aber unattraktiv.
Rürup: Das Renditeargument ist derzeit im Kern richtig, gilt aber vor allem für Neuverträge und auch nicht für alle Versicherer. Zudem setzt es voraus, dass die Niedrigzinsphase ein Dauerzustand sein wird, was unwahrscheinlich ist. Die niedrigen Zinsen für Staatsanleihen schlagen besonders bei Versicherungen durch, die eigenkapitalschwach sind und damit zu wenig Kapital haben, um in renditestärkere Papiere wie Unternehmensanleihen oder Aktien zu investieren. Eine Reihe Lebensversicherer erwirtschaften immer noch Renditen von um die vier Prozent.

"Ich wünsche mir eine Transparenzoffensive."

DHZ: Kapitalgedeckte Vorsorge ist sehr unübersichtlich. Wie kann man das ändern?
Rürup: Ich würde mir eine Transparenzoffensive der Anbieter und ein verbindliches Produktinformationsblatt wünschen. Mit dem Entwurf eines Lebensversicherungsreformgesetzes vom 26. Mai hat die Politik diesen Prozess angestoßen. Der Gesetzgeber kommt den Versicherungen zwar mit einer weiteren Absenkung des Garantiezinses und einer Neuregelung der Ausschüttung von Bewertungsreserven entgegen. Sie müssen jedoch einige dicke Kröten schlucken, wie die höhere Beteiligung der Versicherten an den Risikogewinnen, das Verbot von Dividendenausschüttungen, wenn Zusagen an die Versicherten gefährdet sind, oder die Offenlegung der Provisionen, die zudem nicht mehr als bei 25 Promille statt der bisherigen 40 Promille der Vertragssumme liegen sollen.

Seite 2: Warum schlecht verdienende Selbstständige Mitglied der gesetzlichen Rentenvesicherung werden sollten.

DHZ: Welche Alternativen gibt es?  
Rürup: Die Politik wird am Ausbau der kapitalgedeckten Ergänzungsvorsorge festhalten. Sie wird versuchen, die Riester-Rente transparenter zu machen, im Übrigen aber verstärkt auf den Ausbau der Betriebsrenten setzen, was richtig ist. Kollektive Systeme der betrieblichen Altersversorgung sind durchweg effizienter und damit preiswerter als individuelle Vorsorgepläne, wie Beispiele aus der Schweiz oder den Niederlanden zeigen. Außerdem kann eine Betriebsrente ein kostengünstiges Instrument der Personalpolitik sein.

"Kaptitalmartkrisiken können über eine lange Laufzeit kompensiert werden."

DHZ: Was schlagen Sie für Betriebsinhaber vor?  
Rürup: Da es immer auf Faktoren wie Alter oder Familienstand ankommt, gibt es nicht das eine richtige Produkt. Staatlich gefördert bietet sich derzeit nur die Basis-Rente an. Da kommt es aber sehr aufs Alter an. Wenn man noch relativ jung ist, lohnt sich eine fondsgebundene Basis-Rente, weil Kapitalmarktrisiken über die längere Laufzeit des Ansparprozesses kompensiert werden können.

DHZ: Was ist bei geringem Verdienst?  
Rürup: Bei Selbstständigen, die bislang in keinem obligatorischen Alterssicherungssystem abgesichert sind, plädiere ich für eine Pflichtmitgliedschaft in der GRV – sofern sie nicht älter als 45 Jahre sind und bislang keine eigene Altersvorsorge aufgebaut haben. Für den Kreis schlecht verdienender Selbstständiger könnte dadurch das Risiko der Altersarmut merklich verringert werden.