Von der Migrantin ohne Deutschkenntnisse zur erfolgreichen Unternehmerin: Aynur Boldaz, Geschäftsführerin des Gebäudereinigungsbetriebs Forever Clean, hat es geschafft. Und sie ist nur eines der zahlreichen Beispiele für aufstrebende Frauen im Handwerk. Im Interview verrät sie ihr Erfolgsrezept.
Ihr Karriereweg ist außergewöhnlich: Sie kamen als junge Frau ohne Deutschkenntnisse aus der Türkei nach Berlin, stiegen als Reinigungskraft schnell zur Vorarbeiterin auf und sind heute eine erfolgreiche Unternehmerin mit mehr als 250 Angestellten. Wie kam es zu dieser beeindruckenden Laufbahn?
Aynur Boldaz: Ich habe in Berlin Freiheit kennen- und liebengelernt. Zunächst lernte ich Deutsch und machte meinen Führerschein. Als ich schließlich zu arbeiten begann, war ich unglaublich froh über meine Unabhängigkeit. Ich war daher sehr motiviert in meinem Job, und hatte Glück, dass meine Freude und mein Einsatz auch von meinen Vorgesetzten erkannt wurden. So wurde ich schnell Vorarbeiterin. Da ich die Aufgaben und die Verantwortung genoss, wagte ich den Schritt in die Selbstständigkeit.
Das Führen eines großen Unternehmens – noch dazu in zwei Ländern – ist sicher mit vielen Herausforderungen verbunden. Sind Sie dennoch glücklich über Ihren Schritt in die Selbstständigkeit?
Aynur Boldaz: Oh ja. Die Firma verlangt zwar wirklich viel Engagement – selbst die deutschen Feiertage verbringe ich zum Arbeiten in der Türkei und die türkischen in Berlin – dennoch habe ich die Firmengründung nie bereut. Ich genieße die Freiheit, die ich als Selbstständige habe, und bin glücklich, Arbeitsplätze für so viele Menschen zu schaffen.
Forever Clean beschäftigt im Rahmen eines Integrationsprojektes schwerbehinderte Menschen. Wie kam es dazu?
Boldaz: Ab 2003 erhielten wir immer wieder Bewerbungen von Schwerbehinderten. Da es mir wichtig ist, für andere da zu sein, habe ich mich dafür entschieden, 2004 acht schwerbehinderte Menschen einzustellen. Mittlerweile beschäftigen wir 25 Frauen und Männer mit Handicap, einige davon bereits seit zehn Jahren. Sie haben denselben Arbeitsvertrag wie meine anderen Mitarbeiter, brauchen aber natürlich teilweise mehr Einarbeitungszeit oder mehr Betreuung. Dieses Projekt ist mein ganzer Stolz, und ich habe viele positive Erfahrungen damit gemacht.
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Sie sagen, es mache Sie glücklich, Arbeitsplätze zu schaffen. Nach welchen Grundsätzen führen Sie Ihre Mitarbeiter?
Boldaz: Das ist ganz einfach: So wie ich als Arbeitnehmerin behandelt werden möchte, behandle ich auch meine Mitarbeiter. Ich spreche meine Entscheidungen mit ihnen ab und bezahle sie selbstverständlich nach Tarif, denn wer gute Arbeit leistet, soll auch entsprechend verdienen.
Sie lieben die Freiheit, die Sie als Chefin genießen und sind stolz auf Ihre unternehmerischen wie auch sozialen Leistungen. Warum folgen dennoch so wenige Frauen Vorbildern wie Ihnen?
Boldaz: Leider wird Frauen oft weniger zugetraut als Männern. Auch für mich war es ein harter Weg. Man darf sich aber trotzdem nicht bremsen lassen und vor allem nicht ans Scheitern denken. Ich möchte Frauen die Chance geben, beruflich voranzukommen und ein eigenes Unternehmen zu gründen, daher ist es mir besonders wichtig, sie im Gebäudereiniger-Handwerk oder als Kauffrauen auszubilden.
Worauf führen Sie Ihren Erfolg zurück?
Boldaz: Ich bin mit viel Freude und Leidenschaft dabei. Zudem bin ich in vielen Netzwerken aktiv, wodurch ich von den Erfahrungen anderer lernen konnte und Kontakte aufgebaut habe. Und mein persönliches Erfolgsgeheimnis lautet: Man muss immer das Gegenteil dessen tun, was die Konkurrenz macht. Zum Beispiel habe ich mich als Frau in einer Männerbranche selbstständig gemacht und als Migrantin in erster Linie Deutsche eingestellt.
Sie sind bei der Handwerkskammer Berlin aktiv. Was sind für Sie die wichtigsten Punkte bei Ihrem Engagement im Handwerk?
Boldaz: Ein besonderes Anliegen ist es mir, das Gebäudereiniger-Handwerk mit seinen Aufstiegsmöglichkeiten bei Migranten und Frauen noch bekannter zu machen. Ich freue mich über jeden Migranten, der den Meistertitel erwirbt. Deswegen besuche ich Schulen und spreche über meine Arbeit, denn Jugendliche brauchen Vorbilder, die ihnen zeigen, dass sie im Handwerk erfolgreich sein können.
