Lebenswege -

Uwe Schulze: Vom Gesellen in die Führungsetage Ein Maler auf der Karriereleiter bei Heinrich Schmid

Mit der Wiedervereinigung eröffnen sich für die Ostdeutschen neue berufliche Perspektiven. Wie eine Karriere im Handwerk aussehen kann, zeigt das Beispiel von Uwe Schulze. Anfang 1990 noch Maler in Karl-Marx-Stadt - heute Chef von 550 Mitarbeitern im Familienunternehmen Heinrich Schmid.

Uwe Schulze, Malerbetrieb Heinrich Schmid
Weiterbildungstreppe: Stufe für Stufe ist Uwe Schulze den Weg gegangen, den das Malerunternehmen Heinrich Schmid seinen Mitarbeitern aufzeigt. -

Der entscheidende Tag muss irgendwann im April 1990 gewesen sein. In Limbach-Oberfrohna stellt der schwäbische Malerbetrieb Heinrich Schmid seine Pläne in Ostdeutschland vor. Zeitgleich will die Führungsriege des VEB Raumgestaltung und Vlieswerkstoffe im nahen Karl-Marx-Stadt über ihre Vorstellungen von der Zukunft informieren. Wie soll es weitergehen? Das fragen sich auch zwei Maler und Lackierer, die in dem volkseigenen Betrieb seit Jahren zusammenarbeiten.

„Wir haben uns aufgeteilt. Mein Kollege war bei Heinrich Schmid, ich auf unserer Betriebsversammlung. Am nächsten Tag haben wir über unsere berufliche Zukunft entschieden“, erinnert sich Uwe Schulze. Die Kündigung im VEB fiel den beiden angesichts der aufgezeigten Perspektiven nicht schwer, auch wenn sich damals noch viele Ostdeutsche an ihre Arbeitsplätze klammerten wie Nichtschwimmer an den Rettungsring.

Aufstieg zum Geschäftsbereichsleiter Mitteldeutschland

Heute gehört Uwe Schulze zur obersten Führungsebene des Familienunternehmens Heinrich Schmid, die unter Aufsicht der Gesellschafter alle operativen Entscheidungen trifft. Als Geschäftsbereichsleiter für Mitteldeutschland leitet er 15 Standorte mit rund 550 Mitarbeitern und verantwortet einen Jahresumsatz von 54 Millionen Euro. So geht Karriere im Handwerk – eine Karriere, wie sie erst seit einem Vierteljahrhundert allen Deutschen offensteht.

In der DDR, wo Uwe Schulze in den 60er und 70er Jahren nur einen Steinwurf entfernt von seinem heutigen Büro im Chemnitzer Norden seine Kindheit verlebte, war das keineswegs so. Als er sich 1987 entschied, die Meisterprüfung im Maler- und Lackiererhandwerk zu absolvieren, dachte er nicht an Karriere. „Ich stellte mir eher die Frage, ob ich mit 50 immer noch mit schweren Farb­eimern auf die Leiter steigen möchte“, sagt der 54-Jährige rückblickend. Der Ehrgeiz packte ihn erst später.

Heinrich Schmid

Mit 3.881 Beschäftigten an mehr als 100 Standorten in Deutschland, Österreich, der Schweiz sowie in Frankreich und Spanien gehört der Familienbetrieb Heinrich Schmid in Reutlingen zu den größten Unternehmen im deutschen Handwerk. Klassische Malerarbeiten, davon nur fünf Prozent bei Privatkunden, sind das Kerngeschäft des Unternehmens, das sich aber zum Komplett­ anbieter im Bereich Fassade, Innen­ausbau und Bauwerksanierung entwickelt hat. Der Umsatz lag 2014 bei 376,7 Millionen Euro.

Zwei Wochen nach der Bewerbung bei Heinrich Schmid flatterte den Malern in Karl-Marx-Stadt ein Telegramm ins Haus. „Freitags bekamen wir Bescheid, dass wir Montagmorgen in Reutlingen anfangen sollen. Die Mutter meines Kollegen hat uns dann mit dem Trabi zu Verwandten nach Ludwigsburg gefahren“, beschreibt Uwe Schulze seinen Einstieg in die neue Berufswelt.

Rund 40 Ostdeutsche machten sich im Frühjahr 1990 jeden Sonntagabend auf den Weg Richtung Westen, während in Limbach-Oberfrohna der erste Standort von Heinrich Schmid in den neuen Bundesländern aufgebaut wurde. Sechs bis zwölf Stunden dauerte die Reise auf die Schwäbische Alb, denn eine durchgängige Autobahn gab es noch nicht. Ab dem vogtländischen Pirk ging es im firmeneigenen VW-Bus über Kopfsteinpflaster durch den ehemaligen Grenzstreifen.

17 Westmark vor der Währungsunion

Bei ihren Einsätzen auf den Baustellen in Baden-Württemberg sollten die Ostdeutschen die neuen Arbeitsmethoden und -materialien kennenlernen, mit denen sie künftig zu tun haben würden. „Wir waren keine Billigarbeiter, sondern sind sehr fair behandelt worden“, stellt Uwe Schulze klar. Obwohl die Währungsunion noch ausstand, bekamen die neuen Kollegen aus dem Osten einen Stundenlohn von 17 D-Mark, viel Geld für einen frisch verheirateten jungen Mann wie Uwe Schulze, der noch nicht einmal einen Führerschein besaß. So nutzte er die Abende unter der Woche, die er im Gasthof Lamm in Ödenwaldstetten verbrachte, auch für die Fahrschule.

Richtig ins Schwärmen kommt Uwe Schulze, wenn er an die Aufbruchstimmung denkt, die 1990 alle mitgerissen hat. Besonders gern erzählt er von seinem Einsatz in Afrika, wo der Handwerksbetrieb Heinrich Schmid einen Auftrag beim Bau der neuen Hauptstadt von Nigeria hatte. „Das Landratsamt in Reutlingen hatte mir einen bundesdeutschen Reisepass ausgestellt, obwohl ich ja noch den Personalausweis der DDR besaß.“ Mit den Dokumenten beider deutscher Staaten in der Tasche arbeitete Schulze acht Wochen lang in Abuja.

Zurück in die alte Heimat Sachsen

Doch trotz aller Abenteuer zog es den Sachsen zurück in die Heimat. Ende 1990 wechselte er nach Limbach-Oberfrohna, wo die erste Heinrich-Schmid-Niederlassung in Ostdeutschland inzwischen auf rund 100 Mitarbeiter angewachsen war. Zwar gab es hier nur einen Stundenlohn von zwölf D-Mark, „aber bei uns muss ja auch was passieren“, sagte sich der Rückkehrer. Arbeit gab es jedenfalls in Hülle und Fülle.

Und Uwe Schulze klemmt sich dahinter, beginnt nach Feierabend Angebote zu schreiben, Kalkulationen zu rechnen. „Manchmal habe ich in den Mittagspausen Aufträge aquiriert.“ Das bleibt in einem Unternehmen, das seinen Mitarbeitern seit jeher Aufstiegschancen bietet, nicht unbemerkt. Hans Schühle, altgedienter Regional- und Gebietsleiter bei Heinrich Schmid, wird zum Mentor des jungen Malermeisters.

Heute sitzt Uwe Schulze im Konferenzraum neben seinem Büro unter einem Plakat mit der Überschrift Weiterbildungstreppe. Vom Lehrling bis zum Geschäftsbereichsleiter sind alle Karrierestufen bei Heinrich Schmid abgebildet. Uwe Schulze hat sie alle durchlaufen.

1993 eröffnete er die erste Niederlassung von Heinrich Schmid in Chemnitz. Weitere Standorte unter seiner Regie folgten in Cottbus (1997), Suhl (1998), Weimar (2003) und Pirna (2012). „Mich hatte der Ehrgeiz gepackt. So bin ich in meine Aufgaben hineingewachsen“, blickt Uwe Schulze zurück. Dabei hat er alle seine Entscheidungen mit seiner Frau Kerstin abgestimmt. „Aber unsere große Tochter hatte wenig von mir. Oft hat sie mich nur an den Wochenenden gesehen. Später beim Sohn war es besser“, gesteht Schulze. Aber er hatte immer das Vertrauen seiner Familie – und das seines Arbeitgebers.

"Vertrauen ist unser wichtigster Baustoff"

„Vertrauen ist unser wichtigster Baustoff“, sagt Uwe Schulze. Auch er lebt diese Heinrich-Schmid-Philosophie und fördert seine Mitarbeiter. Sein erster Lehrling Enrico Vogel, den er bei Heinrich Schmid ausgebildet hat, leitet heute die Maler- und Bodenabteilung am Standort Dresden. Momentan arbeitet das Unternehmen daran, die Ausbildung vor allem qualitativ weiter zu verbessern. Dafür betreut ein Ausbildungsleiter die rund 40 Lehrlinge der mitteldeutschen Standorte. Außerdem hat Uwe Schulze eine Personalentwicklerin eingestellt, die sich um die Rekrutierung von Fachkräften und deren Karriereplanung kümmert. „Es ist ein Pilotprojekt, von dem das gesamte Unternehmen profitieren kann“, sagt Uwe Schulze.

Anfang Oktober wird er in der Firmenzentrale in Reutlingen den Zukunftstag von Heinrich Schmid moderieren. 150 Führungskräfte kommen dort zusammen, um die Ziele des Unternehmens bis 2019 zu definieren. Sein persönliches Berufsziel hat Uwe Schulze frühzeitig umgesetzt – als er 50 war, musste er schon lange nicht mehr mit Farbeimern auf die Leiter klettern.

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