Institut Prognos Die acht Megatrends des Handwerks

Deutsche Handwerksbetriebe entwickeln sich zu Initiatoren und Impulsgebern neuer Technologien. Zu diesem Ergebnis kommt eine groß angelegte Studie des Instituts Prognos. Sie zeigt acht wichtige Trends, die die Zukunft des Handwerks mitbestimmen.

Burkhard Riering

Der Holzbau ist ein großer Trend mit Zukunft im Handwerk. Eine Studie zeigt, was die Zukunft noch für Innovationspotenzial bietet. - © Foto: Ingo Bartussek/Fotolia

"Zukunft kommt von Können" - das Leitmotto des Handwerks hat sich das Marktforschungsinstitut Prognos in einer breiten Studie vorgenommen. Herausgekommen sind acht große Trends, wie sich das Handwerk bis zum Jahr 2020 entwickeln wird.

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ein viel bemühtes Wort, zugegeben, doch im Handwerk trifft es zu. Damit Deutschland einmal einen klimaneutralen Gebäudebestand erreicht, müssen die zuständigen Gewerke ein rasantes Tempo vorlegen. Rund 30 Milliarden Euro, so die Studie, werden im Jahr 2020 in energetische Haussanierungen investiert doppelt so viel bis heute.

Maurer, Stuckateure, Installateure, Isolierer und viele Gewerke mehr sind dafür unverzichtbar. Durch die Sanierungen werden Energieverbrauch und Emissionen reduziert.

Nachhaltig ist das Handwerk auch, wenn es mit nachwachsenden Rohstoffen baut. Prognos: "Über 20 Prozent der neuen Wohngebäude werden im Jahr 2020 in Holzbauweise von Zimmerern fertiggestellt." Allerdings nimmt der Neubau gegenüber dem Bestandsbau künftig "angesichts stagnierender Bevölkerungszahlen und einer hinreichenden Wohnungsversorgung" ab.

Zudem modernisieren Handwerksbetriebe Heizungen, optimieren den Wasserverbrauch privater Haushalte und sie erhalten obendrein im Restauratorenhandwerk unser kulturelles Erbe. All das ist nachhaltig.

Zukunft der Energien

Ohne erneuerbare Energien geht es nicht mehr. Bis 2020 soll der Anteil auf 35 Prozent steigen. Im ersten Halbjahr 2012 waren es 25 Prozent. Und das Handwerk ist mittendrin bei der Beratung der Endkunden, der Installation und der Wartung.

Mindestens 1,5 Millionen Wärmepumpen werden zudem in Deutschland in den nächsten Jahren eingebaut. Damit sollen dann bis zum Jahr 2030 etwa vier Prozent aller Wohnungseinheiten mit Wärmepumpen beheizt werden.

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Die Technologie der Wärmegewinnung aus Abwasser ist in Zukunft noch ausbaufähig. Laut der Studie ist Abwasserwärme eine vielversprechende Alternative zur Wärmebereitstellung aus erneuerbaren Energien. Hier ist das Wissen der SHK- und elektrotechnische Gewerke gefragt.

Außerdem werden rund 100.000 Mini-Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen bis 2020 installiert. Für SHK-Handwerker ebenfalls eine große Chance.

Infrastruktur und Mobilität

600.000 E-Bikes sollen im Jahr 2020 mithilfe des Zweiradmechaniker-Handwerks verkauft werden. Schon die heutigen Verkaufszahlen belegen, dass Elektromobilität in Deutschland eine hohe Akzeptanz hat.

Noch keine Erfolgsstory ist hingegen das Elektroauto. Das soll sich nach Ansicht von Prognos aber ändern. Die Schätzung: "Knapp 950.000 Ladestationen installieren Handwerker bis zum Jahr 2020." Die Bundesregierung hatte 2007 das Ziel ausgegeben, dass bis 2020 eine Million E-Autos auf Deutschlands Straßen fahren sollen. Bislang sind es nicht mal 5.000.

Das Bauen von Straßen ist für eine funktionierende Infrastruktur unerlässlich. In den Jahren 2011 bis 2015 werden rund 25 Milliarden Euro in Bundesfernstraßen investiert. Straßenbauer sind dabei Allroundtalente: Neben dem Bau von Autobahnen, Landstraßen, Fahrrad- und Gehwegen führen sie Belagsarbeiten an Straßen, Brücken und Tunneln aus.

Innovative Branchen

Durch Patente und Gebrauchsmuster können Handwerker und Handwerksbetriebe ihre Erfindungen sichern lassen. Prognos schätzt, dass bis 2020 rund 18.000 Schutzrechte vom deutschen Handwerk angemeldet werden. Handwerksfirmen sind oft selbst Innovatoren und entwickeln neue Produkte und Verfahren.

Wie das Handwerk Innovationen durchdrückt, dafür hat Prognos auch Beispiele: Wie die bayerischen Bootsbauer, die mit einem Hochgeschwindigkeitssegelboot den Rekord von 51,36 Knoten brechen wollen. Oder wie die Seiler, die die Seile für das größte Kreuzfahrtschiff der Welt, der "Allure of the Seas", hergestellt haben. Oder wie die kleinen handwerklichen Brauereien, die sich trotz des sinkenden Bierabsatzes mit lokalen, individuellen Produkten behaupten.

Gesundheit und Medizin

Die spektakulären "Paralympics" in London haben einen regelrechten Boom im Behindertensport entfacht. Dass beinamputierte Athleten so erfolgreich sein können, ist auch das Verdienst der Orthopädietechnik. Der Beruf des Orthopädietechnikers erfordert handwerkliches Geschick und Kreativität. Für junge Leute ein
Beruf mit Zukunft, denn die Branche macht ohne Unterlass große technologische Fortschritte. Vor allem in Deutschland ist die Branche traditionell stark.

Handwerk und Technologie das trifft sich auch beim Thema chirurgische Instrumente. Diese Präzisionsarbeit des Handwerks rettet Leben. "Mit 442 Millionen Euro Umsatz (2008) ist das Chirurgenmechanik-Handwerk eine kleine, hochspezialisierte Nische in der vorrangig industriell geprägten Medizintechnik", schreibt Prognos.

Apropos Gesundheit: Das Lebensmittelhandwerk leistet einen großen Beitrag zu gesunder Ernährung. Bäckereien und Fleischer, denen die Kunden vertrauen, erfahren gerade in Zeiten von Lebnsmittelskandalen noch mehr Zuspruch.

Gesellschaftliches Engagement

Handwerksorganisationen sind in der internationalen Entwicklungsarbeit weltweit gefragt. Seit dem Jahr 2000 haben die Marktforscher 83 Projekte unter Beteiligung der deutschen Handwerksorganisationen gezählt.

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Die duale Ausbildung in Deutschland genießt weltweit einen guten Ruf. Deutsche Institutionen helfen im Ausland mit, dieses System aus beruflicher und schulischer Ausbildung zu etablieren und so Jugendarbeitslosigkeit einzudämmen. Gerade vor dem Hintergrund der Staatsschuldenkrise in der EU gewinnt dies an Bedeutung.

Das Handwerk trägt ohnehin soziale Verantwortung. Prognos: "Über 60 Prozent der jungen Menschen, die an einer Einstiegsqualifizierung teilgenommen haben, sind ein halbes Jahr später in eine duale Berufsausbildung übergegangen." Zudem ist das Handwerk Rettungsanker für junge Menschen ohne Schulabschluss.

Ausbildung und Qualifizierung

Der fortschreitende technologische Wandel sowie kurzlebige Innovationszyklen erfordern immer bessere Kenntnisse. Jeder dritte Ausbildungsplatz wird laut Prognos bereits in einem MINT-Beruf (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) angeboten.

Gleichzeitig muss sich Deutschland dem zunehmenden Fachkräftemangel erwehren. Eine hohe Dynamik hin zu mehr Ausbildungsplätzen verzeichnet unter anderem der Elektrobereich, etwa das Berufsfeld des Elektronikers für die Automatisierungstechnik. Doch die Auszubildenden sind auch in vielen anderen innovativen Bereichen tätig.

Ein weiterer Trend sind Frauen in Führungspositionen und als Unternehmerinnen. Jede vierte Meisterprüfung wird schon jetzt von einer Frau absolviert der Anteil wird wachsen.

Moderne Geschäftsprozesse

Das Handwerk ist ein Ort für Wissensmanager. "Rund 28.000 Wissensmanager werden bis zum Jahr 2020 zusätzlich in deutschen Handwerksbetrieben aktiv sein", prognostiziert Prognos.

Auch die Handwerksorganisationen tragen diesem Trend Rechnung. Die Kammern integrieren Wissensmanagement in die handwerkliche Aus-, Fort- und Weiterbildung. Hierfür eignen sich besonders betriebswirtschaftliche Seminare und Weiterbildungen.

Auch der Generationswechsel in zigtausenden Betrieben wird moderne Geschäftsprozesse befördern. 104.000 Handwerksunternehmen sollen im Zeitraum 2013 bis 2020 von Nachfolger übernommen werden.

Die 164 Seiten starke Studie ist erhältlich unter info@marketinghandwerk.de zum Preis von 4,50 Euro.