Recycling von Baustoffen Zirkuläres Bauen: Ziegel aus Abfall, Fliesen aus Bauschutt

Wo gebaut, saniert oder abgerissen wird, entsteht Abfall. Der Gebäudesektor verbraucht Unmengen an Material- und Energieressourcen. Verbessern könnte diese Bilanz vor allem eines: mehr Wiederverwendung und Recycling von Baumaterial. Und das steckt im zirkulären Bauen. Ein Experte erklärt, was hinter dem Begriff steckt und warum es so stark an Bedeutung gewinnt.

Baumaterial fürs Recycling: Bauarbeiter kippt Schutt aus
Damit Baumaterial fürs Recycling geeignet ist, ist eine Trennung der einzelnen Abfallfraktionen wichtig. - © GDM photo and video - stock.adobe.com

Erst kürzlich ging die Meldung durch die Online-Medienlandschaft, dass Forscher und Designer aus Belgien und England einen nachhaltigen Ziegelstein aus regionalem Abfall entwickelt haben. Hergestellt ist er zu 63 Prozent aus zerkleinertem Beton, Weißglas und Kalk. Diese Stoffe, die bereits anderweitig im Einsatz waren, wurden gesammelt und unter großem Druck in die Form von Ziegelsteinen gebracht. Da die Ziegel nicht gebrannt sind, wird nach Aussage der Forscher im Vergleich zu herkömmlichen Ziegeln nur ein Drittel des CO2 verursacht.

Baumaterialien aus Abfällen gibt es aber nicht nur im Rahmen von Forschungsvorhaben, sondern auch bereits – in kleinen Mengen – in der Praxis. So hat die Produktdesignerin Lea Schücking aus Kassel eine Produktion von Fliesen aus Bauschutt auf die Beine gestellt und das Label "Shards" geschaffen. Diese Fliesen sind bereits auf dem Markt, verbaut und Lea Schücking ist dabei die Herstellung auszubauen.

Was ist nachhaltiges Baumaterial? Was ist besser – neue, innovative Produkte oder Recycling?

In solchen Projekten liegt nach Ansicht von Bauexperten die Zukunft. Noch bedienen sie aber Nischen und die Firmen dahinter sind Einzelkämpfer. "Das Interesse an solchen Baustoffen steigt aber. Viele Baustoffindustrien sind dabei an Alternativen zu forschen – auch, weil jeder spürt, dass Ressourcen knapp werden und Verfügbarkeiten schwinden", sagt auch Johannes Kreißig von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Er ist Experte, wenn es um das sogenannte zirkuläre Bauen geht, das Bauen in direktem Zusammenhang mit der Kreislaufwirtschaft und dem Einsatz von Recyclingbaustoffen. Denn diese haben es in der Praxis immer noch schwer.

Zwar verändert sich auch der Markt für Baumaterial ständig und so kommen immer mehr innovative neue Produkte in den Handel, die Nachhaltigkeit versprechen und zum Teil aus nachwachsenden Materialien hergestellt sind. Doch im Sinne des Klimaschutzes sollte man aus Sicht von Johannes Kreißig, erst einmal schauen, ob vorhandene Ressourcen wiederverwendet werden können, anstatt neue zu nutzen. "In der Regel ist es besser, ein Sekundär- anstatt eines Primärprodukts zu verwenden", erklärt Johannes Kreißig.

Was ist "graue Energie"? Und was steckt hinter dem Begriff der "grauen Emissionen"?

Wichtig sei dabei insbesondere, die sogenannten grauen Emissionen zu berücksichtigen und korrekt zu bilanzieren. Die graue Energie ist die Energie, die man für die Herstellung des Gebäudes benötigt – inklusive der Herstellung des benötigten Baumaterials und seines Transports zum Ort der Verwendung. Im Gegensatz zur Energie, die das Gebäude später im Betrieb verbraucht, sind die graue Energie und damit auch die grauen Emissionen, die diese erzeugt, meist wenig berücksichtigt. Doch sie gehört ebenfalls dazu, wenn man den CO2-Fußabdruck eines Gebäudes ganzheitlich betrachten möchte. "Je effizienter wir im Betrieb von Gebäuden werden – wir können ja heute schon Gebäude mit klimapositivem Betrieb errichten – desto mehr fallen die grauen Emissionen der Herstellung ins Gewicht", sagt Kreißig. In der Bilanzierung wirke sich ein Baustoff, der wiederverwendet wird, natürlich besser auf die CO2-Bilanz aus, als ein Baustoff, der mit viel Energieaufwand neu hergestellt werden muss.

Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen steht für einen ganzheitlichen Nachhaltigkeitsansatz. Und so gilt auch beim Recycling für Kreißig, dieses nicht um jeden Preis durchzuführen. Als Beispiel nennt er Transportwege, die berücksichtigt sein müssen und auch eventuell vorhandene Schadstoffe in den Altmaterialien. "Es bringt der Umwelt gar nichts, wenn wir Bauschutt plötzlich quer durch die ganze Republik fahren, um ihn weiter zu nutzen. Genauso ist es nicht Sinn der Sache, wenn wir Schadstoffe weiter im Kreislauf behalten", so der Experte.

Um den Ansatz des zirkulären Bauens stärker in der Bauwirtschaft zu verankern und stärker in die Praxis zu bringen, bedürfe es standardisierter Prozesse schon beim Rückbau von Gebäuden und der Wertstofftrennung. In den meisten Fällen ist die sortenreine Trennung die Voraussetzung für qualitativ hochwertige Baustoffe. Eine der größten Hürden für den Einsatz von Recyclingbaustoffen ist aus Sicht von Kreißig die fehlende Leistungserklärung für rückgebaute Materialien oder Produkte. "Um Baustoffe verbauen zu können, müssen Planende wissen, was die Materialien können." Er meint damit zum Beispiel Anforderungen für Statik, Wärmeschutz oder Luftdichtigkeit.

Doch woher weiß ich, welchen Wärmedurchgangskoeffizient ein alter Dämmstoff hat, den ich ausbaue? Die Lösung für dieses Problem liegt aus Sicht des Experten in den Händen der Hersteller. Sie sollten das Produkt wieder aufnehmen und eine entsprechende Leistungserklärung abgeben. "Hersteller müssen hier die Verantwortung übernehmen, weil es sonst eigentlich keiner kann", sagt Kreißig und stellt gesetzliche Vorgaben für eine Art Rücknahmepflicht der Hersteller zur Diskussion, um bei diesem Thema voranzukommen.  

Baumaterial im Vergleich: Wo Recycling schon gut möglich ist und wo es noch hapert

Er nennt einzelne Materialien als Beispiele. Denn nicht alle Materialien sind gleich gut recycelbar. Am weitesten vorangeschritten ist das Recycling von Metallen, weil es ökonomisch Sinn macht. Oft gesprochen wird auch über Recyclingbeton. Wissen sollte man laut Kreißig aber, dass man damit zwar Ressourcen schonen kann, aber beim Klimaschutz nicht wirklich vorankommt. Denn für die Herstellung von Recyclingbeton benötige man genauso Zement wie bei der Herstellung von herkömmlichem Beton und gerade der Zement erzeuge einen großen CO2-Fußabdruck, zeigt der Bauexperte ein noch nicht gelöstes Problem auf.

Der stärkeren Nutzung von Recyclingbeton würden außerdem deutsche Richtlinien noch im Wege stehen. Denn diese erlauben bisher nur einen Teil an RC-Zuschlag im Gesamtprodukt. Technologisch möglich sind deutlich höhere Anteile, das zeigen andere Länder wie die Schweiz. "Im Hochbau hierzulande ist es noch nicht angekommen, dass man auch RC-Beton nutzen kann", stellt Kreißig fest. Noch gebe es auch zu wenige Anlagen für die Herstellung von Recyclingzuschlägen. "Wenn man diese über weite Strecken transportieren muss, hat das mit ganzheitlicher Nachhaltigkeit nichts mehr zu tun", erklärt er. Analysen zeigen zudem, dass wir mit dem vorhandenen Bauschutt die Bedarfe nicht decken können. Ein Schlüssel liegt laut Kreißig deshalb darin, die Bedarfe selbst zu reduzieren. Das Stichwort lautet hier Suffizienz.

Zirkuläres Bauen: Einsatz der Ressourcen so klein wie möglich halten

Ein weiteres vielgenutztes Material der Baubranche sind Kunststoffe. Da gibt es Bodenbeläge und Dachabdichtungen, Rohre und Kabel aus verschiedenen Kunststoffen, PVC-Fenster und Dämmstoffe wie EPS, XPS oder PUR/PIR. Beim Recycling von Kunststoffen gibt es zwei Themen, die herausfordernd sind. Zum einen bedarf es der Sortenreinheit, um Produkte mit hoher Qualität herzustellen. Zum anderen hat man es häufig mit Schad- und Risikostoffen zu tun. In vergangenen Zeiten wurden oft Additive eingesetzt, die heute als gesundheitsschädlich eingestuft werden. Das Problem sei, dass man den Produkten nicht ansieht, was genau beigemischt ist "Wenn beispielsweise ein altes Fenster zur Sammelstelle gebracht wird, kann nicht erkannt werden, welche Additive darin sind. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass mit Cadmium oder Blei stabilisiert wurde", erklärt Kreißig. Wird der Kunststoff recycelt, werden also Schad- und Risikostoffe ins neue Produkt eingeschleppt. Das ist ein ungelöstes Problem.

Diese beispielhaften Ausführungen geben einen sehr kleinen Einblick in verschiedene Stoffströme und Problematiken. Diese gilt es zu bearbeiten, wenn man mehr Nachhaltigkeit ins Bauen bekommen möchte. Der Ansatz des zirkulären Bauens verfolgt konsequent die Idee, den Einsatz neuer Ressourcen so klein wie möglich zu halten. Denn vieles Vorhandene kann weiter im Kreislauf bleiben – eventuell an anderer Stelle oder in Kombination mit Neuem. Infos zum Thema gibt es bei der DGNB auch hier.>>>