Stagnation statt Wachstum, 60.000 Jobs weniger bis 2026, verschobene Investitionen – die Zwischenbilanz des Handwerks fällt ernüchternd aus. Beim Wirtschaftspressegespräch im Vorfeld des Kongresses "Zukunft Handwerk" benennt ZDH-Generalsekretär Schwannecke, was jetzt passieren muss.
Knapp 300 Tage nach Amtsantritt der schwarz-roten Koalition fällt die Bewertung aus Sicht des Handwerks durchwachsen aus. Das machte Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), in München deutlich. Zwar seien einzelne Maßnahmen wie verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten für Investitionen, das Entlastungskabinett und die Modernisierungsagenda auf den Weg gebracht worden. Doch in den Betrieben herrsche Ernüchterung, teils auch Frust. "Die Betriebe spüren von diesen beschlossenen Maßnahmen noch viel zu wenig in ihrem Betriebsalltag", sagte Schwannecke. Der Druck durch Bürokratie, Steuern, Sozialabgaben und Energiepreise überwiege nach wie vor und drücke massiv auf die Stimmung.
Stagnation 2025, Jobabbau 2026
Die wirtschaftliche Lage des Handwerks untermauert den Frust: Hatte der ZDH für 2025 ursprünglich noch ein leichtes Wachstum von einem Prozent erwartet, geht der Verband laut er Nachrichtenagentur dpa inzwischen nur noch von Stagnation oder allenfalls einem geringfügigen nominalen Plus aus. Für 2026 rechnet der ZDH zwar mit einem Umsatzwachstum von einem Prozent – doch die Beschäftigung werde in einer Größenordnung von rund 60.000 Personen sinken, vor allem weil Beschäftigte altersbedingt ausscheiden.
Schwannecke kritisierte, dass grundlegende Strukturreformen – etwa bei den Sozialversicherungssystemen und im Steuerrecht – ausstünden. Viele Koalitionsbeschlüsse seien schlicht noch nicht umgesetzt. "Verkündet war der Herbst der Reformen, nur dieser Herbst der Reformen ist ausgefallen", so der ZDH-Generalsekretär. Die Enttäuschung darüber sei vielerorts groß.
Auch das für 2026 prognostizierte Wirtschaftswachstum sieht Schwannecke skeptisch: "Das für 2026 prognostizierte Wachstum basiert überwiegend auf Schulden und ist alles andere gegenwärtig jedenfalls als selbsttragend." Die strukturellen Schwächen am Standort Deutschland seien zu gravierend, als dass die bisherigen Regierungsbeschlüsse eine nachhaltige wirtschaftliche Dynamik hätten auslösen können.
Branchen unter Druck
Der ZDH-Konjunkturbericht für das vierte Quartal 2025 bestätigt laut Schwannecke das differenzierte Bild: Die Umsätze im Handwerk stagnierten, Investitionen würden verschoben, die Beschäftigung sinke leicht. Während sich einzelne Bereiche wie Gebäudetechnik, Energieeffizienz und Klimaanpassung stabil entwickelten, stünden energieintensive Betriebe, das Bauhauptgewerbe und die Lebensmittelhandwerke durch hohe Kosten und lange Genehmigungsverfahren unter erheblichem Druck.
Klare Forderungen an Berlin
Scharf ging Schwannecke mit den Auseinandersetzungen innerhalb der Koalition ins Gericht. Die Bundesregierung dürfe sich nicht in Debatten über Themen wie Teilzeitrechtsanspruch oder Erbschaftsteuer verlieren. "Solche Streitereien verzögern dringend notwendige Reformen", sagte er. Auch Diskussionen über Steuererhöhungen wirkten in der aktuellen Lage kontraproduktiv.
Seine Forderungen formulierte Schwannecke unmissverständlich: "Entscheidend sind jetzt Entlastung, Tempo, klare Prioritätensetzung, Bürokratieabbau, spürbare Entlastung bei Sozialabgaben und Steuern, verlässliche Energiepreise und Reform der Sozialversicherungssysteme." Nur auf dieser Grundlage entstehe der nötige Spielraum für Investitionen, unternehmerische Initiative und sichere Arbeitsplätze.
Viel Potenzial trotz schwieriger Lage
Schwannecke betonte, dass im Handwerk nach wie vor großes Potenzial stecke. Klimaschutz, Energiewende, Wohnungsbau, Infrastruktur und die tägliche Versorgung der Bevölkerung seien nur mit einem leistungsfähigen Handwerk möglich. Wenn die Regierung die notwendigen Reformen entschlossen angehe und die Standortbedingungen verbessere, könne neue wirtschaftliche Dynamik entstehen.
Wie viel Leistungsfähigkeit und Anpassungsbereitschaft in der Branche steckt, soll der Kongress "Zukunft Handwerk" am 4. und 5. März 2026 im ICM München zeigen – parallel zur Internationalen Handwerksmesse (IHM), die vom 4. bis 8. März stattfindet. Im Fokus stehen dort KI-Anwendungen im Betriebsalltag, Nachhaltigkeit, Betriebsnachfolge und Fachkräftesicherung. Traditionell nutzt auch Politikprominenz die Messe – in diesem Jahr wird unter anderem Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche als Schirmherrin erwartet. Für das Handwerk eine Gelegenheit, seine Forderungen direkt an die Regierung zu adressieren.
Franz Xaver Peteranderl, Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern und des Bayerischen Handwerkstages, verwies auf positive Signale bei der Nachwuchsgewinnung: Bis Ende 2025 seien im bayerischen Handwerk über 29.000 neue Ausbildungsverträge geschlossen worden – ein Plus von 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Tobias Gröber, neuer Geschäftsführer der GHM Gesellschaft für Handwerksmessen, positioniert die Messe und den Kongress als Plattform, auf der das Handwerk Zukunft nicht nur diskutiere, sondern aktiv gestalte. str/mit dpa
