In wirtschaftlich angespannten Zeiten müssen Unternehmer die Liquidität ihrer Kunden und Geschäftspartner im Blick haben. Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter Wirtschaftsforschung beim Verband der Vereine Creditreform, erläutert im Interview, wie es derzeit um die Zahlungsmoral bestellt ist und wie Handwerksunternehmer auch während der Pandemie an ihr Geld kommen.

Wie steht es derzeit um die Zahlungsmoral im Handwerk?
Das kommt auf die Branche an. Die Transport- und Logistik-Branche etwa hat es durch die Lieferkettenprobleme gerade schwer und davon ist auch das Bauhandwerk betroffen. Wir bekommen immer mehr mit, dass Unternehmen innerhalb bestimmter Branchen lange auf ihr Geld warten müssen. Diesbezüglich ist eine große Unsicherheit zu spüren. Das ist ein coronabedingtes Problem.
Wie schnell wollen Handwerker denn gerade an ihr Geld kommen, was sind ihre Zahlungsziele?
Wenn wir auf die letzten drei Jahre schauen, haben sich die Zahlungsziele kaum verändert. 2019 gaben Handwerker im Durchschnitt 30 Tage als Zahlungsziel an. Im Jahr 2020 sind sie auf die schwierige, neue Lage eingegangen und haben auf 32 Tage erhöht. Seit vergangenem Jahr ist diese Tendenz wieder rückläufig. Man hat gelernt, mit der Lage umzugehen und kann den Kunden wieder zumuten, schneller zu zahlen. Das Zahlungsziel beträgt im Durchschnitt nun 31 Tage.
Und wann wird vom Kunden tatsächlich gezahlt?
Die Außenstandsdauer, also die Zeit bis das Geld auf das Konto des Handwerksunternehmens kommt, betrug vor drei Jahren im Durchschnitt 41 Tage. Im ersten Pandemiejahr 2020 hat sich diese Dauer auf 44 Tage erhöht, was natürlich nachvollziehbar ist. Die Kunden haben die Zahlungsziele ausgereizt, um in der unsicheren und unvorhersehbaren Lage möglichst lange einen Liquiditätsspielraum zu haben. Seit vergangenem Jahr ist auch dieser Trend wieder rückläufig. Handwerksunternehmen müssen derzeit im Schnitt 43 Tage auf ihr Geld warten. Was nun die Differenz zwischen Zahlungsziel und tatsächlicher Zahlung betrifft, ist der Wert mit elf Tagen zwar relativ hoch, aber im Vergleich zu anderen Branchen steht das Handwerk diesbezüglich gut da.
Warum wird denn so spät gezahlt?
Dafür gibt es verschiedene Gründe. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Unternehmen untereinander die Zahlungsfrist ausreizen, um einen Liquiditätsspielraum zu haben. Das ist in den einzelnen Branchen auch sehr unterschiedlich. Je nach Branche kann es Ausreißer nach oben oder unten geben. Über alle Branchen hinweg haben wir aber beobachtet, dass die Unternehmen zu Beginn der Pandemie ihr Geld zusammengehalten haben. Liquidität ging vor, da bei der Dynamik der Lage niemand wusste, was noch auf ihn zukommt.
Warum lohnt es sich grundsätzlich, auf die Zahlungsmoral zu schauen?
Wenn man wissen will, wie es der Wirtschaft geht oder wohin sie sich entwickelt, schaut man auf die klassischen Indikatoren wie das Bruttoinlandsprodukt, die Insolvenzzahlen etc. In der Pandemie funktioniert das aber teilweise nicht mehr. Wie geht es einem Unternehmen wirklich, wenn es Hilfe vom Staat bekommt? Wir sehen nur, dass das Unternehmen nicht insolvent ist. Ob es strukturelle Probleme hat, lässt sich nicht so einfach ablesen. Deshalb ist das Zahlungsverhalten ein Frühwarnindikator.
Wieso?
Zahlt ein Kunde verspätet, ist das ein Zeichen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Das gilt auch für die Corona-Krise. Da ist sinnvoll, sich die Zahlungsmoral anzuschauen.
Inwiefern spielen Insolvenzen eine Rolle?
Die Unternehmensinsolvenzen sind auf einem historischen Tiefstand. Auf der anderen Seite befinden sich die Verbraucherinsolvenzen
auf einem Fünf-Jahres-Hoch. Das hängt nicht nur mit der verkürzten Restschuldbefreiung zusammen. Kleinunternehmer und Gewerbetreibende können unter bestimmten Umständen statt in die Unternehmens- in eine Verbraucherinsolvenz gehen. Und viele Gewerbetreibende aus dem Bereich Dienstleistung haben das gemacht. Das war schon auffällig.
Wann muss ein Unternehmer bei einem Kunden alarmiert sein?
Das kommt darauf an.
Worauf?
Pauschal kann man das nicht sagen, das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Jetzt in der Corona-Zeit sollte man sicherlich genau prüfen, mit wem man eine Geschäftsbeziehung eingeht. Sich erkundigen, mit wem man es zu tun hat? Wer hat den Auftrag vergeben? War er überhaupt dazu berechtigt? Das klingt banal, aber manchmal ist es gar nicht so offenkundig, wer genau der Vertragspartner ist. Wie ist seine Bonität? Ist er zahlungsfähig? Wenn das alles stimmt, kann man in der Regel davon ausgehen, dass nicht zu spät oder gar nicht gezahlt wird.
Was können Handwerker denn tun, um Zahlungsausfälle zu vermeiden?
Auf einer Rechnung sollte immer ein Fälligkeitsdatum stehen, bis wann gezahlt werden sollte. Das ist auch psychologisch sinnvoll. Es sollte auch sichergestellt sein, dass die Rechnung tatsächlich zugestellt wurde.
Und wenn der Kunde nicht zahlt?
Ganz viel lässt sich lösen, indem man zum Telefonhörer greift, den Kunden anruft und ihn auf den Zahlungsverzug hinweist. Da kommt es natürlich auch auf das Verhältnis zum Kunden an. Wenn das Zahlungsziel nicht erreicht wird und auch die gesetzliche 30-Tage-Frist für den Zahlungsverzug nach Eingang der Rechnung verstrichen ist, sollte der Kunde offiziell in Verzug gesetzt werden. Zum Beispiel indem das Unternehmen eine schriftliche Mahnung verschickt – am besten per Einschreiben oder bei persönlicher Übergabe mit einem Zeugen. Wenn die Mahnung nichts nutzt, sind 60 Tage die Schwelle, ab der man sagt, wer bis dahin nicht gezahlt hat, der zahlt nicht mehr. Spätestens dann sollten Unternehmer einen Inkassodienstleister einschalten, um noch an ihr Geld zu kommen.