Eröffnung der Internationalen Handwerksmesse 2022 Habeck: "Fridays for Future führt direkt ins Handwerk"

Die Internationale Handwerksmesse findet dieses Jahr unter besonders schwierigen Vorzeichen statt. Im Schatten des Angriffs auf die Ukraine und einem Bündel an Problemen wie explodierenden Materialkosten, Lieferengpässen und hunderttausenden fehlenden Fachkräften hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck die Leistungsschau des Handwerks in München eröffnet.

Hans-Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Robert Habeck, Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, und Markus Söder, Ministerpräsident von Bayern, diskutierten bei der Eröffnung der Internationalen Handwerksmesse über die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher BIldung. - © picture alliance/dpa | Sven Hoppe

Bei der Eröffnungsfeier der Internationalen Handwerksmesse machte Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer deutlich, dass es dringende Unterstützung aus der Politik benötige, um die aktuellen Herausforderungen im Handwerk zu meistern. "Anfang des Jahres war die Hoffnung groß, dass es vorangeht, doch dann kam der 24. Februar", der Beginn des Angriffskriegs von Russland auf die Ukraine. Man befinde sich deshalb nicht nur weiter im Krisenmodus, sondern die Probleme seien noch viel größer geworden.

Neben der Frage der Energiesicherheit und den Problemen rund um Lieferschwierigkeiten sei es insbesondere der Fachkräftemangel, der sich im Handwerk immer weiter zuspitze. Wollseifer sprach mit Blick auf Wertschätzung und Förderung von akademischer und beruflicher Bildung von einer "Zweiklassengesellschaft".

Bildungswende fürs Handwerk nötig

Deshalb brauche Deutschland eine Bildungswende. Dazu gehört nach Ansicht des Präsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks ein Gleichwertigkeitsgesetz der beiden Bildungswege. Konkret könnte sich dies zum Beispiel in einer gleichwertigen Ausstattung von Bildungszentren und Universitäten widerspiegeln.

Auch bei den Berufsschulen seien dringend mehr Investitionen erforderlich. Mit Blick auf die Ausstattung "befindet sich manche Berufsschule in erbärmlichen Zustand", was die Verkehrssicherheit oder die Hygienezustände betrifft, so Wollseifer. Auch den akuten Lehrermangel an den Berufsschulen gelte es zu begegnen.

Die Mobilität und Wohnungssituation für Auszubildende im Handwerk sei im Vergleich zur Lage bei den Akademikern ebenso unbefriedigend. Azubis-Tickets und Wohnheime für Azubis seien dabei ein wichtiger Baustein. "Warum könnten Azubis nicht gemeinsam mit Studenten in einem Wohnheim wohnen, wenn wir von einer gleichwertigen Ausbildung sprechen wollen?", fragte Wollseifer in die Runde.

Nachholbedarf sieht Wollseifer auch bei der Begabtenförderung im Handwerk. Es brauche eine finanziell unterstützte Exzellenzinitiative. Die akademische Ausbildung würde hier etwa mit 300 Millionen Euro gefördert mit vergleichsweise geschätzten 50 Millionen Euro für das Handwerk.

Wollseifer betonte, welche Innovationskraft vom Handwerk für die Wirtschaft ausginge. So entstünden im Handwerk vielleicht sogar die meisten Startups. Und die meisten dieser Betriebe seien nach mehreren Jahren immer noch erfolgreich am Markt.

Habeck: Mehr Flüchtlinge ins Handwerk

Wirtschaftsminister Robert Habeck machte sich auf der Bühne der Eröffnungsveranstaltung ein paar Notizen zu den Aussagen Wollseifers, um sie vielleicht mit nach Berlin zu nehmen. Um den Fachkräftemangel zu bekämpfen, sei es unter anderem wichtig, mehr Flüchtlinge ins Handwerk zu bringen. Der Staat habe seit fünf Jahren in diese Leute investiert, man müsse ihr Potenzial für das Handwerk besser nutzen. Habeck verwies auch auf die unbefriedigende Situation, dass zehn Prozent die Schule ohne einen berufsqualifizierenden Abschluss verlassen würden.

Niederschwellig ließe sich schon mit vielen kleinen Maßnahmen etwas fürs Handwerk bewirken. So könnte es zum Beispiel kein Zustand sein, dass sich Handwerksbetriebe auf manchen Ausbildungsmessen der Gymnasien nicht präsentieren dürften, wie er es gehört habe. Auf Erheiterung, aber auch Zustimmung stieß Habeck mit seiner Aussage, gewandt an einen Handwerksunternehmer, dass man doch die förmliche Anrede mit Doktor-Titel weglassen sollte, wenn man von einer Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung sprechen wolle.

Handwerk als Macher der Energiewende in den Fokus rücken

Mit Blick auf die Fridays-for-Future-Bewegung sagte Habeck, dass der Weg dieser jungen Leute direkt ins Handwerk führen könnte. Es sei schlau aus Sicht des Handwerks sich als Macher der Energiewende in den Mittelpunkt zu rücken und auf die sinnstiftenden Tätigkeiten im Handwerk zu verweisen. "Demonstrieren ist gut, installieren ist besser", sagte dazu ZDH-Präsident Wollseifer und erklärte, dass man sich in einem konstruktiven Austausch mit den Machern der Fridays-for-Future-Initiative befinde.

Ihm pflichtete Franz Xaver Peteranderl, Präsident des Bayerischen Handwerkstags, bei. Jeder, der für Fridays for Future auf die Straße geht, solle einen Ausbildungsvertrag im Handwerk unterschreiben. Die Vorurteile, dass Handwerk schmutzig sei und mit schwerer körperlicher verbunden ist, würden längst nicht mehr der Wirklichkeit entsprechen. Er warb auch dafür, mehr Frauen fürs Handwerk zu begeistern, in dem etwa mehr Flexibilität ins Arbeitszeitgesetz gebracht würde, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern.

Ministerpräsident Söder: Aufklärungsarbeit beginnt bei den Eltern

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder betonte, dass sein Land mehr denn je in die Bildungszentren und Berufsschulen investieren werde. Um die Fachkräfteproblematik zu bekämpfen, sei aber insbesondere Aufklärungsarbeit gefragt. Dies ginge schon bei den Gesprächen mit den Eltern los. Man müsse klar machen, welche Chancen das Handwerk biete.

Allerdings wies Habeck hinsichtlich des Fachkräftemangels auch darauf hin, dass Fachkräfte in allen Wirtschaftsbereichen fehlen würden. Kämen die Leute ins Handwerk, würden sie dafür an anderen Ecken und Enden fehlen.

In seiner Eröffnungsrede betonte Habeck abschließend, dass sich die fehlende Wertschätzung für das Handwerk auch in der politischen Repräsentanz widerspiegele. "Handwerker muss man in den Parlamenten mit der Lupe suchen." Eine Bürde für das Handwerk sei zudem, dass die industrielle Produktion bis heute in den Augen vieler für den wirtschaftlichen Fortschritt stehen würde. Die "Just-in-Time-Produktion", die heute von vielen als selbstverständlich betrachtet würde, schaffe uns in der aktuellen weltwirtschaftlichen Situation jedoch große Probleme, so Habeck.