Wirtschafswachstum Wirtschaftliche Erholung dauert länger

Führende Wirtschaftsinstitute sehen kräftigen Aufschwung erst im kommenden Jahr. Warum sie ihre Prognosen für das Wirtschafswachstum 2021 reduzieren, warum sie sie für das kommende Jahr erhöhen und wann sie das Vorkrisenniveau wieder erreicht sehen.

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"Auch im Handwerk drohen die aus dem Takt geratenen Lieferketten die Erholung abzuschwächen und teils sogar auszubremsen", betont Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer. - © Photo Gallery - stock.adobe.com

Noch machen die Folgen der Corona-Pandemie der Wirtschaft zu schaffen. Lieferengpässe im verarbeitenden Gewerbe und Beeinträchtigungen bei kontaktintensiven Dienstleistungen prägen noch immer das wirtschaftliche Geschehen. Das berichtet Oliver Holtemöller vom Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle am Donnerstag in Berlin. "Das bedeutet, dass sich die deutsche Wirtschaft erst allmählich mit der Überwindung dieser Probleme wieder normalisiert", fügt er hinzu. Die Wirtschaftsforscher sagen deshalb für Deutschland in diesem Jahr nur noch ein Wachstum von 2,4 Prozent voraus. Im Frühjahr waren sie noch von einem Plus von 3,7 Prozent ausgegangen. Für 2022 rechnen sie dafür mit einem Anstieg der Wirtschaftstätigkeit um 4,8 (bisher: 3,9) Prozent.

Handwerk ebenfalls von Lieferengpässen betroffen

Nach den Worten von Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer weisen die Wirtschaftsforschungsinstitute zu Recht darauf hin, dass die konjunkturelle Erholung nach Corona alles andere als ein Selbstläufer sei. "Auch im Handwerk drohen die aus dem Takt geratenen Lieferketten die Erholung abzuschwächen und teils sogar auszubremsen", betont er. Rohstoffe, Vorprodukte und Waren fehlten in allen Handwerksbereichen, wodurch sich auch die Fertigstellung von Bauten verzögere oder Werkzeuge für die Industrieproduktion immer häufiger fehlten. Auch Privatkunden spürten dies etwa bei der Reparatur ihres Autos verstärkt. Den Betrieben entgingen so dringend notwendige Umsätze. Von einer neuen Regierungskoalition erwarteten die Handwerksbetriebe deshalb keine weiteren Belastungen.

Forscher: Privater Konsum sorgt 2022 für Erholung

Nach Einschätzung der Wirtschaftsforscher werden die internationalen Lieferschwierigkeiten noch etwas andauern. "Wir nehmen an, dass sich die Lieferengpässe erst im Laufe des nächsten Jahres legen werden", erläutert Holtemöller. "Das Vorkrisenniveau sehen wir im ersten Quartal 2022 wieder erreicht", ergänzt Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Der maßgebliche Treiber der Erholung 2022 wird nach Einschätzung der Wirtschaftsforscher der private Konsum sein, der von einem sich erholenden Arbeitsmarkt getragen werden soll. "Etwa im Sommer des nächsten Jahres dürfte die deutsche Wirtschaft wieder die Normalauslastung erreichten", fügt Holtemöller hinzu.

Hohe Inflation hängt auch mit Sondereffekten zusammen

Die Verbraucherpreise werden nach Einschätzung der Wirtschaftsforscher weiter anziehen. Das hänge mit verzögerten Effekten bei den Rohstoffpreisen und den Lieferengpässen zusammen. Insgesamt rechnen sie mit einem Anstieg der Verbraucherpreise in diesem Jahr auf 3,0 Prozent. Im kommenden Jahr erwarten die Forscher eine Teuerungsrate von 2,6 Prozent und ab 2023 wieder eine "normalen" Inflationsrate von 1,7 Prozent. Die derzeitige Inflation von 4,1 Prozent im September 2021 hängt nach den Worten von Timo Wollmershäuser vom Ifo-Institut auch mit den niedrigen Preisen (inklusive Energie) im Vorjahr zusammen. Auch die temporäre Mehrwertsteuersenkung im zweiten Halbjahr 2020 spiele eine Rolle. Rechne man diese Effekte heraus, liege die Inflation anderthalb Prozentpunkte niedriger.

Forscher: Nachhaltigkeit nicht nur für Klimaschutz relevant

Mit Blick auf die Aufgaben einer neuen Regierung betonen die Wirtschaftsforscher das Thema Nachhaltigkeit. Wichtig sei der Umbau des Rentensystems, ein höheres Tempo beim Klimaschutz und mehr Investitionen für Digitalisierung, sagt Holtemöller. Dabei geht der Ökonom davon aus, dass auch eine künftige Regierung nicht an der in der Verfassung festgeschriebene Schuldenbremse rütteln wird. Vielmehr müssten Prioritäten gesetzt werden, betont er. 

Reform der gesetzlichen Rente gefordert

Das jetzige Rentensystem sei nicht nachhaltig, sagt Holtemöller mit Blick auf die schrumpfende Erwerbsbevölkerung. In keinem Fall dürften Rentenleistungen ausgeweitet werden, vielmehr sollte das System stabilisiert werden. Dies könne man durch eine Senkung des Rentenniveaus, eine Erhöhung des Renteneintrittsalters, durch höhere Bundeszuschüsse, höhere Beiträge oder durch Kapitaldeckung erreichen. Wahrscheinlich werde es eine sinnvolle Kombination verschiedener Instrumente sein müssen.

Mit Blick auf die Digitalisierung müsse die Infrastruktur weiter verbessert werden. Sowohl bei der Digitalisierung wie beim Klimaschutz sind nach Ansicht der Forscher hohe Investitionen nötig. Zusätzliche Anreize wie bessere Abschreibungsmöglichkeiten für private Investitionen seien sinnvoll, betont Martin Gornig vom DIW. Angesichts der Klimaschutzziele der Bundesregierung sind nach Ansicht der Forscher zusätzliche Maßnahmen notwendig. So sollten die frei verkäuflichen CO2-Zertifkate weiter reduziert und der Preisanstieg zugelassen werden. Nur so könnte die Lenkungswirkung erreicht werden. Gleichzeitig sollten aber soziale Härten abgefedert werden.

Wollseifer warnt vor zu hohen Kostenbelastungen

Handwerkspräsident Wollseifer warnt indessen vor zu stark steigenden Preisen. "Die Kostenbelastungen durch Klimaschutz und Energiewende dürfen nicht aus dem Ruder laufen und die Leistungsfähigkeit kleiner und mittlerer Betriebe nicht überfordern", mahnt er. Schließlich würden diese Betriebe dringend gebraucht, um den Klimaschutz umzusetzen. Nötig sind seiner Ansicht nach Investitionen in die digitale Infrastruktur. Längst überfällig seien außerdem steuerliche Entlastungen etwa durch verbesserte Abschreibungsbedingungen.