Interview: Finanzierung über Kreditplattformen "Wir können helfen, weil wir einen anderen Ansatz haben"

Daniel Bartsch, Mitgründer der Kreditplattform Creditshelf, über notwendige Kontrollen, wie Fintechs mit traditionellen Kreditinstituten kooperieren und so zum Beispiel bei bestimmten Investitionen auch für kleinere Unternehmen interessant werden könnten.

Zahlreiche Kreditplattformen bieten auch in Zusammenarbeit mit etablierten Banken online Kreditfinanzieurngen an. - © Andrey Popov / stock.adobe.com

Herr Bartsch, bei den Affären rund um Wirecard und die Greensill Bank gerät derzeit auch die Fintech-Branche in Verruf. Wie sehr ärgern Sie solche Fälle?

Daniel Bartsch: Das ist kein fintechspezifisches Problem. Das hat man in neuen, aber auch gewachsenen Industrien immer mal wieder, dass es schwarze Schafe gibt. Für uns als junges Unternehmen aus dem Technologiebereich ist Vertrauen ein sehr wichtiger Faktor. Deswegen sind wir bewusst an die Börse und ins Prime Standard Segment gegangen, um nach außen transparent zu sein. In solchen Fällen wie mit Wirecard muss man im Zweifel erstmal ein paar Fragen mehr beantworten als üblich. Aber ich bleibe dabei: Das sind wenige Einzelfälle und ich sehe den Fintechstandort Deutschland als sehr seriös und intakt an.

Würden Sie sich wünschen, dass die Bankenaufsicht vor dem Hintergrund solcher Fälle auch Fintechs stärker auf die Finger schaute?

Es wäre sicher gut, wenn es an der ein oder anderen Stelle etwas mehr Regulierung gäbe. Ich denke dabei an die Bafin, wo es bereits Überlegungen gibt, dass man sich gewisse Fintech-Bereiche genauer anschaut. Nach unserer Auffassung sollte es mehr Spielregeln geben, die ein Mindestniveau sicherstellen. Es kommt letztlich allen zugute.

Wird Creditshelf kontrolliert?

Streng kontrolliert werden wir durch die Bafin im Rahmen des Börsenlistings. Hier geht es darum, transparent zu sein und Insiderhandel aktiv zu unterbinden. Was unser operatives Geschäft angeht: Wir haben keine Banklizenz und erbringen nach derzeitiger Rechtslage keine nach dem Kreditwesengesetz, Kapitalanlagegesetzbuch oder Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz erlaubnispflichtigen Geschäfte. Wir nutzen bei der Kreditvergabe eine voll lizensierte Bank für den gesamten regulatorischen Teil unserer Wertschöpfung. Das ist in Deutschland gesetzlich so vorgeschrieben. Generell denke ich aber, man könnte unser Geschäftsfeld einer Instanz wie der Bafin unterstellen.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Bank?

Alle Kredite, die wir über unsere Plattform arrangieren, werden über die Raisin-Bank ausgezahlt. Dadurch werden sämtliche Teile des Kreditwesengesetzes mit regulatorischen Anforderungen von der Raisin-Bank erfüllt. Konkret wird der Kredit durch diese Bank vergeben und in der Folge von unseren Investoren angekauft.

Daniel Bartsch Gründungspartner und Chief Operating Officer der Kreditplattform Creditshelf. - © Creditshelf

Könnten Projekte wie „BIRD“ (Banks Integrated Reporting Dictionary) – ein einheitliches, EU-weit vorgegebenes Datenmodell für die Meldung an europäische Aufsichtsbehörden – für mehr Sicherheit sorgen?

Es gibt auf EU-Ebene Bestrebungen, gewisse Dinge zu harmonisieren. Das ist aus unserer Sicht durchaus sinnvoll. Warum zum Beispiel muss ich in Deutschland eine Partnerbank nutzen und kann in anderen europäischen Ländern das Geschäft deutlich einfacher abwickeln? Ein gesamteuropäischer oder zumindest EU-weiter Rahmen für solche Regelungen wäre gut. Die Kreditfonds zum Beispiel sind ja mittlerweile in der Lage, Darlehensgeschäft ohne entsprechende Bank anzubieten. Das sorgt für mehr Wettbewerb, hilft so dem Standort und ist damit auch zum Vorteil des Kunden. Insofern wären wir Befürworter solcher Standardisierungen und setzen uns hierfür auch über den von uns ins Leben gerufenen Verband deutscher Kreditplattformen ein.

Auf EU-Ebene könnten Fintechs dann auch ohne eine Bank im Hintergrund Kreditgeschäfte abwickeln?!

Das ist das, was perspektivisch im Raum steht und was wir grundsätzlich begrüßen. Nochmal: Ich glaube es ist wichtig, dass man professionelle Mindeststandards hat und diese auch überwacht. Wenn man diese entsprechend definiert, bin ich überzeugt, dass man an anderen Stellen Marktbarrieren herausnehmen kann, um den Wettbewerb anzufachen und Lösungen zu ermöglichen, die den Kunden zugutekommen.

Fintechs bieten ja verschiedene Finanzdienstleistungen wie Factoring oder digitalisierte Zahlungsfunktionen. Bei welchem Geschäftsbereich sehen Sie die größten Wachstumschancen?

Wir denken, dass Kredite ein wesentlicher Baustein in der Beziehung zu mittelständischen Unternehmen sind und wir hier unsere Kernkompetenz haben. Die Banken erfüllen nach unserer Auffassung im Moment nicht im vollen Umfang ihre originäre Aufgabe, auch unter Inkaufnahme von Risiken die Wirtschaft mit Kapital zu versorgen. Zudem bleibt das Umfeld anspruchsvoll, weil viele Kredite ausfallgefährdet sind und die Jahresabschlüsse 2020 in vielen Branchen schlecht ausgefallen sind. Umso wichtiger ist eine moderne Risikoanalyse wie wir sie betreiben, die zum Beispiel auch aktuelle Kontodaten mit einfließen lässt.

"Die Bank hat die Beziehung zum Kunden und sein Vertrauen und das Fintech hat die Möglichkeit, mit moderner Daten- und ­Riskoanlayse ­Entscheidungen zu treffen.“

Daniel Bartsch, Gründungspartner und Chief Operating Officer der Kreditplattform Creditshelf.

Zwar ist der Fintech-Markt in den vergangenen Jahren stetig gewachsen, dennoch spielen speziell Unternehmen aus dem Handwerkssektor eine eher kleine Rolle. Wie erklären Sie sich das?

Unser Fokus liegt auf Unternehmen ab einer Million Euro Umsatz. Im Wesentlichen bedienen wir also kleine bis mittlere Mittelständler, auch aus dem Handwerk. Wir beobachten, dass die Hausbanken sehr nah an den Kunden dran sind. Wir können nicht erwarten, dass wir den Markt direkt an der Kundenschnittstelle aufrollen. In den letzten Jahren haben wir andere Wege etabliert. Wir haben eine Kooperation mit der Commerzbank, die uns Kunden immer dann zuführt, wenn sie selbst nicht oder nicht vollständig helfen kann mit Kredit. Mit der Sparkasse Bremen starten wir eine ähnliche Kooperation. Wir bündeln also Kräfte und gute Lösungen. Die Bank hat die Beziehung zum Kunden und sein Vertrauen und das Fintech hat die Möglichkeit, mit moderner Daten- und Risikoanalyse Entscheidungen zu treffen und damit Kapital zusätzlich zu mobilisieren.

Wo sehen Sie Schnittstellen, wo die Bank das Fintech braucht?

Wir sprechen dabei über die mittleren bis guten Bonitäten. Während der Pandemie hatten wir viele Situationen, wo zum Beispiel klassische Mittelständler ihre Warenlager füllen wollten, aber keine Sicherheiten hatten. Dabei dann schnell eine Entscheidung von der Bank zu bekommen, ist eine Herausforderung. Wir können in solchen Situationen unbesichert finanzieren, schnell ein Feedback geben und dem Kunden zusätzliche Flexibilität ermöglichen.

Für Handwerksbetriebe mit soliden Eigenkapitaldecken spielen Kredite derzeit eine untergeordnete Rolle. Wichtiger sind andere Finanzdienstleistungen wie etwa Leasing. Eigentlich doch eine gute Gelegenheit, den Kleinbetrieben gute Angebote zu machen.

Leasing ist ein spannendes Geschäftsfeld. Es ist eine Finanzierungsform, die typischerweise von vergleichsweise niedrigen Finanzierungskonditionen geprägt ist und oft über Refinanzierungskanäle läuft, wo Banken eine gewisse Funktion haben. Insofern entspricht das von der angepeilten Grundverzinsung her nicht ganz dem Investorenkapital, das wir derzeit mobilisieren. Wir werden diesen Markt auf jeden Fall weiter beobachten.

Die Pandemie hat gezeigt, dass es gerade mit der Digitalisierung in vielen Bereichen hakt. Ist das mehr Vorteil oder Nachteil für Fintechs?

Es ist für uns ein Vorteil, weil unser Geschäftsmodell auf Digitalisierung basiert. Einige Unternehmen haben festgestellt, dass es unter Umständen schwierig ist, Kontakt mit Banken aufzunehmen, weil diese selbst nicht über die nötige Infrastruktur verfügen. Gleichzeitig investieren Kunden derzeit viel in ihre Digitalisierung, etwa für eine Cloudlösung oder vernetzte Fuhrparks. Alle diese Investitionen sind weniger tangibel und damit schwerer zu bewerten für die Banken. Wir beobachten tatsächlich viel Nachfrage von Kunden, die gerade Dinge finanzieren wollen, die nicht in das Raster einer Bank passen. Wir können helfen, weil wir einen anderen Ansatz haben. Dieser Investitionsbedarf kann auch unser Geschäft antreiben.

Wie viel Bewegung war denn pandemiebedingt im Markt?

Gerade vor einem Jahr, in der ersten Phase der Pandemie, gab es sehr viel Nachfrage nach Kredit. Durch die recht breite Versorgung über die KfW-Programme haben sich die Anfragen dann wieder normalisiert. Aber es gibt auch Unternehmen, die bei der KfW durchs Raster fallen, gerade auch jüngere Unternehmen mit spannenden Geschäftsmodellen und die auch bewiesen haben, dass sie wachsen und funktionieren. Für die ist es trotzdem schwierig, zu finanzieren. Gerade denen haben wir wesentlich helfen können.