Neue Finanzdienstleistungen Fintechs: Was fürs Handwerk möglich wäre

Sie werben mit günstigen Krediten – Schlagzeilen machten sie aber zuletzt weniger durch gute Angebote als durch den Fall Wirecard. Doch wie ist der Fintech-Markt in Deutschland eigentlich aufgestellt? Und profitiert das Handwerk von den neuen Finanzdienstleistern?

Kreditantrag, Banking oder Geldanlage: Online sind mithilfe von Fintechs inzwischen viele Finanzdienstleistungen möglich. - © Seventyfour - stock.adobe.com

Der Markt für Fintechfirmen ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Dennoch finden kleine Unternehmen und junge Finanzdienstleister oft nicht zusammen. Die Marktenwicklungen zeigen aber, dass sich gerade für technikaffine Firmen und Unternehmen, die zum Beispiel von Factoring oder Zwischenfinanzierungen profitieren, interessante Angebote eröffnen könnten.

Lars Hornuf, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Experte für Finanzdienstleistungen an der Universität Bremen, hat die Entwicklung am Fintech-Markt eingehend untersucht. In seiner Analyse "Der deutsche FinTech-Markt" bezifferte er den Bestand bis Ende 2020 mit insgesamt 921 Fintech-Unternehmen in Deutschland.

Schneller als Filialbanken

Fintechs bieten Bankdienstleistungen vor allem in digitalisierter Form an. Darunter fallen herkömmliche Angebote wie Anlageberatung oder Zahlungsverkehr, aber auch Services wie Kreditvermittlung, Factoring oder Bezahldienste. Die jungen Unternehmen agieren durch die fehlende Infrastruktur, die Automatisierung und die schlanke Administration oft schneller als großflächig tätige Filialbanken mit langen Entscheidungswegen. Zwar ist nach Einschätzung von Hornuf und seinem Co-Autor Gregor Dorfleitner das Geschäftsvolumen von Fintech-Unternehmen vergleichsweise klein, dennoch sei der deutsche Fintech-Markt in der Zeit von 2015 bis 2019 um runde 50 Milliarden Euro auf 52,3 Milliarden Euro gewachsen.

Wie sich der Markt entwickele, hänge von verschiedenen Faktoren ab. Eine entscheidende Rolle etwa spiele die zukünftige Regulierung der Finanztechnologien, die das Wachstum sowohl hemmen als auch beschleu­nigen könne, aber auch die Frage, ob sich europäische Fintechs gegenüber amerikanischen und asiatischen Konkurrenten behaupten könnten.

Beziehung zur Hausbank weiterhin sehr stabil

Im Handwerk sind Fintechs bisher wenig präsent. Nach Ansicht von Hartmut Drexel, Leiter der Betriebsberatung bei der Handwerks kammer für München und Oberbayern, liegt das vor allem an der guten Beziehung und der weiterhin vorhandenen Marktmacht der Regionalbanken. Gerade auch weil Handwerker aus Sicht von Sparkassen und Genossenschaftsbanken sehr gute Kunden sind, die es zu behalten gelte. Selbst Gründer und Nachfolger würden von den Regionalbanken umworben. Die Pandemie habe erst recht nichts daran geändert. Wer Geld brauchte, verließ sich lieber auf die Hausbank und damit das Bewährte.

Dass es nicht so viele Berührungspunkte gibt, bestätigt auch Franz Falk. Der Unternehmensberater und ehemalige Geschäftsführer Unternehmensservice der Handwerkskammer Region Stuttgart rechnet aber damit, dass vor allem jüngere Betriebsinhaber und technikaffine Branchen wie die Elektro- oder das Sanitär-, Heizungs-, Klimahandwerk offener für solche Angebote sind. Die Nachfrage werde aber auch steigen, wenn traditionelle Banken im Zuge der Rationalisierungs- und Fusionsbemühungen ihr Beratungsangebot weiter einschränken. Hausbanken könnten zudem Aufgaben an Fintechs auslagern.

Banken sichern sich die Technik der Fintechs

Fakt ist, Banken sichern sich mehr und mehr die technischen Möglichkeiten der Fintechs, indem sie mit ihnen zussammenarbeiten. Nach einer Analyse der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers sind Kooperationen mit Fintechs für Banken und Versicherungen attraktiv, um Kunden schnell innovative Produkte anzubieten oder kurzfristig die Kosten zu reduzieren. Zum dritten Quartal 2020 gab es demnach bereits 844 Kooperationen.

Dass das Handwerk das Angebot noch nicht entdeckt hat, ist vielleicht eine Generationenfrage. Bernd Oppold, Partner Financial Services bei der bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG, betont, dass gerade jungen Fintechs wie Penta oder Sumup mit der Ansprache im Handwerk erst am Anfang stehen. Auch die Angebote der Kreditvermittler sind zumeist noch nicht auf die Bedarfe des Handwerks abgestimmt. Ein Wechsel der Geschäftskonten hin zu rein digitalen Internetbanken kommt zudem für viele Handwerker gerade wegen der engen Hausbankbeziehung weniger infrage. Auch Terminals fürs mobile Bezahlen verdrängen bislang eher selten die etablierten Systeme, weil sie oft nicht kompatibel zu verwendeten Systemen sind.

Doch Oppold sieht das Potenzial längst nicht ausgeschöpft. Bei Bezahlsystemen etwa gebe es zwar ein Kompatibilitätsproblem, doch ein Vergleich neuerer Angebote könne sich aus Kostengesichtspunkten durchaus lohnen. In den letzten Monaten hätten sich – verstärkt durch die Pandemie – mehr Handwerksunternehmer dafür interessiert. Auch im Finanzierungsmarkt ergeben sich einerseits neue Optionen für zum Beispiel das Factoring (Verkauf von Forderungen), das Finetrading (Zwischenfinanzierung von zum Beispiel Wareneinkäufen) oder einfach die Vermittlung kleinerer Kreditsummen zur Vorfinanzierung von Aufträgen. Finanzierungsvermittler wie Creditshelf, Compeon oder Iwoca sind in diesen Bereich bereits vorgestoßen.

KMU-Kredite oft nicht profitabel

Peter Barkow erkennt einen weiteren Aspekt, der den Markt weiter öffnen könnte. Die Kredite an KMU sind für traditionelle Banken oft nicht profitabel genug, sagt der Chef des auf die Finanzbranche spezialisierten Analysehauses Barkow Consulting. Der Prüfungsaufwand sei im Vergleich zu Krediten mit hohen Darlehensbeträgen nur unwesentlich geringer – die Kosten also vergleichsweise hoch.

Einer Studie von Barkow Consulting und der Solarisbank aus dem Jahr 2019 zufolge steige zwar der Anteil von KMU-Krediten jährlich um 6,9 Prozent. Weil jedoch die Margen seit Mitte 2016 um 12 Prozent zurückgehen und die Banken mit KMU-Krediten nur noch knapp 75 Prozent ihrer Eigenkapitalkosten erwirtschafteten, sei dieses Kreditgeschäft wertvernichtend. Um Kosten zu sparen, müsse die Effizienz des Prozesses gesteigert werden. Das bedeutet Digitalisierung: Automatisierung des Kreditprozesses oder Kreditangebot über Plattformen. Die Studie prognostiziert einen Marktanteil an digitalen KMU-Krediten von 7,1 Prozent für 2023 (2018: 1,9 Prozent). Egal wie hoch der Anteil ausfalle, die Kunden könnten in jedem Fall profitieren: durch schnellere Bearbeitung mit weniger Bürokratieaufwand und bessere Konditionen.

Fintech-Segmente

  • Finanzierung: Darunter fallen neuere Finanzierungsformen unter dem Oberbegriff Crowdfunding sowie Kredite und Factoring. Unterschieden wird nach der Art der Bereitstellung. Crowdfunding wird unterteilt in spendenbasiertes und gegenleistungsbasiertes Crowdfunding. Kapitalgeber erhalten für die finanzielle Unterstützung eine nicht-monetäre Gegenleistung von den Projektinitiatoren, zum Beispiel ein Produkt oder eine namentliche Nennung. Beim Crowdinvesting erhalten private oder institutionelle Investoren meist eine eigenkapital­ähnliche Beteiligung. Sie werden finanziell an der Entwicklung des Unternehmens beteiligt. Beim Crowdlending erhalten die Kapitalgeber als Gegenleistung für die Überlassung finanzieller Mittel sofort nach der Finanzierung vorab definierte Annuitätenzahlungen. Kredite und Factoring dienen als Onlinealternative zur Bankfinanzierung. Über eine Plattform bieten Fintechs über die Kooperation mit einer Bank Finanzierungen für Privatpersonen und Unternehmen an. Es gibt klassische Kredite wie Online-, Raten-, Expresskredite oder Kredite zur Wareneinkaufsfinanzierung sowie das kreditähnliche Factoring, bei dem Selbstständige einen Teil ihrer Rechnungen an institutionelle Investoren oder kooperierende Banken verkaufen.
  • Vermögensverwaltung: Fintechs stellen über Internetplattformen Handelsplätze für die Geldanlage in Wertpapieren zur Verfügung und kombinieren Eigenschaften sozialer Netzwerke mit der Entwicklung neuer Anlagestrategien, setzen somit auf eine „kollektive Intelligenz“.
  • Robo-Advice: Plattformbasiert wird eine weitgehend automatisierte Vermögensverwaltung angeboten. Ein Algorithmus nutzt Anlageziele, Risikopräferenzen und persönliche Einkommenshöhe der Anleger.
  • Anlage und Banking: Hierunter sind Fintechs zu fassen, die Vermögensverwaltung und -beratung zwar digital anbieten, aber nicht unter Social Trading oder Robo-Advice fallen. Dazu zählen Einlagenvermittler und Neo-Banken. Eigenlagenvermittler vermittteln meist Tages- oder Festgelder ins EU-Ausland und bieten die Kontoeröffnung und -führung auf deutschen Internetseiten und in deutscher Sprache an. Neo-Banken bieten klassische Bankprodukte über eine Smartphone-App an.
  • Zahlungsverkehr: Das Segment umfasst Fintechs, die alternative Bezahlverfahren anbieten. Darunter fallen Kredit- oder Girokarten, Kryptowährungen und Blockchains sowie Zahlungsdienstleister wie Paypal oder Paydirekt.

Quelle: Dorfleitner, Hornuf, Wannemacher: Der deutsche Fintech-Markt im Jahr 2020