Interview "Wir fühlen uns genauso gegängelt wie der Mittelstand"

Sparkassenpräsident Ulrich Reuter über die schwächelnde Wirtschaft, die gelähmte Bundesregierung und lästige Nachhaltigkeitsfragebögen.

Ulrich Reuter ist seit Jahresbeginn Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands. Von 2002 bis 2020 war er Landrat des Landkreises Aschaffenburg, von 2021 bis 2023 Präsident des Sparkassenverbandes Bayern. Sparkassen und Genossenschaftsbanken sind die Hauptfinanziers kleiner Handwerksbetriebe. - © Marc Darchinger

DHZ: Herr Reuter, kann sich Deutschland in der aktuellen wirtschaftlichen Lage einen mehrmonatigen politischen Stillstand leisten?

Ulrich Reuter: Nein, eigentlich nicht. Aber in jeder Demokratie sind die Monate um die Wahl immer Zeiten eines gewissen Stillstands. Wichtig ist, diesen Zeitraum so kurz wie möglich zu halten. Wir brauchen möglichst bald wieder eine handlungsfähige Regierung. Deswegen ist es gut, dass sich die Zeit der Lähmung nicht bis zum ursprünglichen Wahltermin in den September zieht, sondern die Politik sich jetzt im Februar dem Votum der Wähler stellt.

Die kommende Bundesregierung wird nur über sehr begrenzte finanzielle Spielräume verfügen, was hat Priorität?

Das Land steht vor großen Herausforderungen. Wir müssen die Gesellschaft modernisieren, in unsere Verteidigung investieren und die Wirtschaft wieder auf einen nachhaltigen Wachstumspfad bringen. Die neue Regierung sollte sich deshalb zuerst die Ausgabenseite anschauen und prüfen, ob das Geld noch richtig ausgegeben wird. Das Problem liegt nicht auf der Einnahmenseite. Wir haben in Deutschland sehr hohe Steuereinnahmen. Aber Deutschland investiert seit Jahren zu wenig. Dies gilt sowohl für den öffentlichen wie den privaten Sektor, für die Bundeswehr genauso wie für die digitale und analoge Infrastruktur, sprich für Breitbandausbau, Brücken, Schienen, Straßen. Wir müssen jetzt dringend die Investitionen ankurbeln.

Sehen Sie Spielraum, die Unternehmenssteuern zu senken?

Wir wissen alle, dass Deutschland zu den Ländern mit den höchsten Unternehmenssteuern in Europa und der Welt gehört. Insofern wäre es wünschenswert, dass wir auch durch niedrigere Unternehmenssteuern für mehr wirtschaftliche Impulse sorgen. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, dass der Staat weiter genügend einnimmt, um seine Aufgaben zu erfüllen. Hier brauchen wir eine saubere Ausbalancierung.

Dem Staat fehlt Geld, Unternehmen halten sich zurück. Könnten private Anleger dazu motiviert werden, in Infrastruktur zu investieren?

Ich denke schon. Dafür bedarf es einer gemeinsamen Anstrengung. Auf der einen Seite haben wir immer noch Bankkunden, die einen hohen Anteil ihrer finanziellen Mittel in niedrig verzinste Anlagen investieren. Gerade mit Blick auf die Altersvorsorge sollten sie aber auch dort investieren, wo höhere Renditen möglich sind, in reale Werte. Das können Unternehmensanteile oder Fonds, aber auch Infrastrukturprojekte wie Stromnetze oder Großanlagen für erneuerbare Energien sein.

Und wo müsste sich der Staat bewegen?

Wer Geld in eine bestimmte Richtung lenken will, muss dafür die passenden Anreize setzen. Das heißt zum einen: Die Anlagen müssen sicher sein. Insofern sollte man aus meiner Sicht, die Zeit bis beispielsweise ein neues Fernwärmenetz Geld einbringt, mit staatlichen Garantien überbrücken. Und natürlich braucht man auch eine angemessene Verzinsung. Diese Kombination müssen wir versuchen, gemeinsam herzustellen. Im Export unterstützen wir das Geschäft auch mit staatlichen Garantien.

Das heißt?

Wenn ein Unternehmen aus Deutschland beispielsweise eine große Industrieanlage für den Export baut und das Geld erst viel später - und möglicherweise auch gar nicht - zurückfließt, wird es diese Investitionen nicht tätigen, wenn es nicht bei einem vertretbaren Risiko von staatlicher Seite abgesichert wäre.

"Der Zins ist sicher ein wichtiger psychologischer Faktor. Er ist aber nur ein Teil jeder Investitionsentscheidung."

Ulrich Reuter über Hemmnisse der wirtschaftlichen Entwicklung

In jüngster Zeit haben die Zinsen wieder nachgegeben. Inwiefern hilft dies aus dem wirtschaftlichen Tief?

Der Zins ist sicher ein wichtiger psychologischer Faktor. Er ist aber nur ein Teil jeder Investitionsentscheidung. Ein Unternehmer im Handwerk wird seinen Betrieb nicht wegen 0,5 Prozentpunkten mehr oder weniger Zins auf den Investitionskredit bei seiner Bank erweitern. Viel entscheidender sind die mittelfristige Auftragslage und der Kunden- und Mitarbeiterstamm. Aber klar, für den Bürger kann der Zinsrückgang ein wichtiges Signal sein, um wieder in eine Immobilie zu investieren. Insofern ist auch da ein kleiner Impuls gesetzt. Das Hauptproblem ist im Immobilienbereich jedoch das Angebot. Und hier ist auch der Staat gefordert.

Das heißt?

Wir brauchen mehr Bauland und weniger Anforderungen an die Baustandards. Hilfreich wäre auch eine niedrigere Grunderwerbsteuer - etwa für die erste eigene Immobilie. Würde all das beherzigt, würde auch mehr gebaut. Damit würden mehr Lebensträume wahr, die Altersvorsorge vieler Menschen verbessert und nicht zuletzt der Mietmarkt entlastet. Wir haben seit Jahrzehnten mit etwa 40 Prozent die geringste Wohneigentumsquote in der Europäischen Union.

Rechnen Sie in den kommenden Monaten mit einer weiter sinkenden Inflation und sinkenden Zinsen?

Die hohe Inflation war in den vergangenen zwei Jahren hauptsächlich durch den russischen Angriffskrieg und die stark steigenden Energiepreise verursacht. Mit schnellen und massiven Zinssteigerungen, die viele schmerzhaft zu spüren bekamen, konnte die Inflation schon erfolgreich bekämpft werden. Ihr langfristiges Inflationsziel hat die Europäische Zentralbank aber noch nicht ganz erreicht. Insofern erwarten wir hier noch einige Zinssenkungen bis Ende 2025. Dann würden wir nach unserer Einschätzung das Inflationsziel von etwa 2 Prozent erreichen. Das wäre gut für die Investitionsbereitschaft.

"Natürlich beobachten wir die generelle wirtschaftliche Entwicklung mit Sorge."

Ulrich Reuter über die lahmende Konjunktur

Die schlechten Nachrichten aus der Wirtschaft mehren sich. Erwarten Sie mehr Kreditausfälle und Unternehmensinsolvenzen?

Natürlich beobachten wir die generelle wirtschaftliche Entwicklung mit Sorge. Im Kreditgeschäft treffen wir entsprechende Vorsorge. Aber wir hoffen, diese nicht in Anspruch nehmen zu müssen. Es gibt immer Einzelfälle, aber eine breite Welle an Problemfällen sehen wir nicht. Die deutsche Wirtschaft ist in der Breite sehr gut finanziert. Sie verfügt über eine hohe Eigenkapitalbasis. Das gilt insbesondere für familiengeführte Unternehmen.

Schauen die Sparkassen bei der Bonität der Kunden genauer hin?

Entscheidend ist, dass wir in kritischen Zeiten wie diesen bereit und in der Lage sind, Kredite auszureichen, wenn dem ein guter und vernünftiger "Business case" zugrunde liegt. Sprich, wenn sich die Investition rechnet. Sparkassen kennen ihre Kundschaft und können die Situation gemeinsam mit den Unternehmen gut einschätzen. Für den Bus oder das Gerüst des Malermeisters um die Ecke, wird es morgen wie heute von uns ein Darlehen geben.

Ein Reizthema für Handwerker sind derzeit die verschiedenen Fragebögen von Banken und anderen, die sie ausfüllen sollen. Hätte man nicht noch etwas warten können, bis ein einheitlicher freiwilliger Nachhaltigkeitsberichtsstandard kommt?

Wenn die Botschaft an die Politik gerichtet ist, stimme ich der Kritik uneingeschränkt zu. Das hätte man auch anders regeln können und müssen. Als Banken sind wir durch aufsichtsrechtliche Regelungen jetzt dazu gezwungen, unsere Kunden mit Datenabfragen zu belästigen, die wir oft selbst nicht brauchen, sondern nur weiterleiten. Um es klar zu sagen: Wir fühlen uns da genauso gegängelt wie der Mittelstand selbst.

Bürokratie pur, also?

So ist es. Es ist ein Beispiel für eine überbordende Bürokratie, die lähmt. Hier brauchen wir unbedingt eine deutliche Reduzierung. Das ist meiner Ansicht nach sogar noch wichtiger als niedrigere Steuern. Denn bei der Bürokratie sitzt der Frust noch tiefer. Nach meinem Eindruck ist in der Politik in Berlin und Brüssel jetzt aber angekommen, dass man die Menschen nicht überfordern darf, wenn man sie an der Seite haben will. Und ja, auch in der Bankenbranche gibt es mitunter unterschiedliche Fragebögen.

"Es ist ein Beispiel für überbordende Bürokratie."

Ulrich Reuter über Nachhaltigkeitsberichte

Die Europäischen Banken wollen mit Wero eine Alternative zu Paypal, Mastercard und Visa aufbauen? Sind Sie nicht zu spät dran?

Nein. Mittlerweile machen bei der sogenannten European Payment Initiative (EPI) 14 Geldhäuser aus fünf europäischen Ländern und zwei Zahlungsfirmen mit. Auch iDeal aus den Niederlanden wird Teil von Wero. In dieser Breite waren wir bisher nicht unterwegs. Deshalb glaube ich, dass es ein Erfolg sein wird. Unsere Kunden können zudem ihre bisherige Banking-App weiter nutzen. Wero ist die einzige Lösung, die nahtlos ins europäische Bankensysteme integriert wird. Zahlungen in Echtzeit von Handy zu Handy sind kein Problem mehr.

Sparkassenpräsident Reuter beim Interview in Berlin. - © Marc Darchinger

Vor welchen anderen Herausforderungen stehen Sparkassen, Stichworte: Fachkräftemangel, FinTech-Konkurrenz?

Unsere Blickrichtung geht in erster Linie zu den Kunden und den Mitarbeitenden. Bei den Fachkräften stehen wir in den nächsten Jahren vor einer enorm großen Herausforderung. Der Sparkassen-Sektor beschäftigt rund 190.000 Mitarbeitende. Davon werden wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren zigtausende verlieren, da die geburtenstarken Jahrgänge langsam das Rentenalter erreichen. Da wir nicht alle eins zu eins werden ersetzen können, müssen wir deshalb unsere Prozesse verschlanken. Gleichzeitig müssen wir alles dafür tun, um als Arbeitgeber möglichst attraktiv zu bleiben. Als Arbeitgeber, der als Finanzdienstleister sowohl bei online-Angeboten wie in der Filiale vor Ort gut aufgestellt ist.

Wie sieht es mit den FinTechs aus, den jungen Wettbewerbern?

Den Wettbewerb nehmen wir ernst. Wenn FinTechs ein paar Cent attraktiver sind, dann muss man immer bedenken, dass sie nicht 21.000 Geldautomaten und 11.000 Filialen betreiben. Wir haben gute Produkte und eine gute Infrastruktur - das kostet Geld. Gleichzeitig sind wir einer der größten Arbeitgeber und Ausbilder in den Regionen. Wer so breit aufgestellt ist wie wir, der kann nicht das günstigste Angebot haben – Sparkassen sind Qualitätsanbieter! Unser öffentlicher Auftrag besteht darin, den Menschen in Deutschland Zugang zu Finanzdienstleistungen zu vernünftigen Preisen zu verschaffen und in der Region für wirtschaftliche Entwicklung zu sorgen. Und zwar in der Breite. Gerade diese Aufgabe erfüllen Nischenanbieter nicht.