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Interview mit Lehrer-Verbandspräsident Josef Kraus "Wir brauchen eine Renaissance des Leistungsgedankens"

Lehrer-Verbandspräsident Josef Kraus fordert ein Ende der "Pseudoakademisierung" im deutschen Bildungssystem. Im DHZ-Interview erklärt er, warum konkretes Wissen und Können derzeit so wenig gelehrt wird und was die Politik dafür kann.

DHZ: Viele Handwerksbetriebe berichten, dass es Auszubildenden an elementaren Fähigkeiten mangelt. Mit Deutsch und Mathe tun sich Lehrlinge schwer. Werden unsere Kinder dümmer?

Kraus: Nein, aber die Schulpolitik will, dass die Schulen immer weniger verlangen. Üben und Auswendiglernen, Kopfrechnen und Orthographie scheinen überholt. Man will beste Abiturnoten und hohe Abiturquoten. Der Preis dafür ist eine Absenkung der Ansprüche.

DHZ: Das Handwerk leidet darunter, dass immer mehr Schüler Abitur machen und an die Hochschulen und Universitäten drängen statt eine Lehre zu machen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Kraus: Die Bildungspolitik steht Kopf. 330 Ausbildungsordnungen stehen 18.000 Studienordnungen gegenüber. Seit drei Jahren haben wir mehr Studienanfänger als junge Leute, die eine berufliche Bildung anpacken. Diese Pseudoakademisierung wird die Wachstumsbremse der Zukunft sein.

DHZ: Welchen Anteil hat die Politik an der Misere?

Kraus: Den größten, denn sie will Quote. Aber Quote und Qualität verhalten sich reziprok. Dass aus Zeugnissen der Studierbefähigung oft bloße Atteste der Studierberechtigung geworden sind, geht auf Rechnung der Politik, die überehrgeizigen Eltern gefällig sein möchte. Leider wird dabei vergessen, dass die Länder mit den niedrigsten Studierquoten in Europa, nämlich Deutschland, Österreich und die Schweiz, zugleich die besten Wirtschaftsdaten und die niedrigsten Quoten an arbeitslosen Jugendlichen haben.

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DHZ: Welche Rolle spielen die Lehrer?

Kraus: Lehrer können sich als Einzelpersonen kaum gegen den Trend zur Kuschelpädagogik wehren. Schnell werden sie sonst zur Zielscheibe von Helikoptereltern, aus deren Sicht Lehrer oft das einzige Hindernis auf dem Weg ihres Kindes zum Abitur sind. Ein Lehrerkollegium als Ganzes könnte sich dagegen verwahren. Allerdings wohl unter Inkaufnahme geringerer Anmeldezahlen.

DHZ: Trauern Sie der Hauptschule hinterher?

Kraus: Ja, denn mit der Abschaffung der Hauptschule ist der Schüler nicht abgeschafft, für den eine moderne Hauptschulbildung die richtige wäre. Die bei Schülereltern angekommene Diskreditierung der Hauptschule als angebliche Restschule war politisch gewollt. Und das bei Schüleranteilen von bis zu 40 Prozent! Das Etikett Restschule wurde der Hauptschule übrigens auch von Parteien verpasst, die hinsichtlich ihrer Wähleranteile nichts anderes als Restparteien wären.

DHZ: Wie steht es um die Qualität der Berufsschulen?

Kraus: Manchmal bin ich erstaunt, wie diese Schulen über die Runden kommen. Meinen Respekt haben sie. Diese Schulen haben – nicht zuletzt wegen der jungen Flüchtlinge - eine Heterogenität in der Schülerschaft wie keine andere Schule zu bewältigen. Und sie leiden unter Lehrermangel, insbesondere in den WiMINT-Fächern.

DHZ: Was müsste sich im Bildungssystem ändern?

Kraus: Vieles! Wir brauchen eine Renaissance des Leistungsgedankens. Wir müssen konkretes Wissen und Können wieder schätzen lernen. Wir brauchen wieder Zeugnisse, die keine ungedeckten Schecks sind. Und unsere Schulen brauchen Zeit zur Konsolidierung. Wenn eine Reform die nächst jagt, dann haben wir Chaos.

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Kommentare

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Susanne Michalik

Herr Kraus spricht mir aus der Seele!

Der Leistungsgedanke ist schon seit viel zu langer Zeit abhanden gekommen und nur noch rudimentär vorhanden. "Hauptsache, es macht Spaß" scheint der Leitgedanke zu sein. Versucht ein Lehrer, den Leistungsanspruch hoch zu halten und sacken die Noten rapide nach unten, weil die Schüler sich eben nicht genügend hinsetzen und einfach mal lernen, kommt sofort der Lehrer ins Visier. Natürlich ist er schuld, anstatt vielleicht mal zu sehen, daß die lieben Schüler einfach nicht genug getan haben oder eben nicht genügend Kapazitäten haben. Es hat nicht jeder in allem und für alles die gleichen Kapazitäten. Auf sportlichem Gebiet wird das nicht bezweifelt, warum aber sollte es mit geistigen Tätigkeiten anders sein? Weist man selbst als Elternteil darauf hin, daß das eigene Kind leider ebenfalls eine erbärmliche Note erzielt hat, diese aufgrund Faulheit aber zu Recht, drehen sich alle anderen Eltern entsetzt zu einem um. Ich weiß, wovon ich spreche. Mein Sohn hat letztes Jahr auf einem Gymnasium das Abitur gemacht (mit der schönen Note von 1,4), ohne daß er sich besonders viel Mühe dabei geben musste. Im heutigen Schulsystem kommen alle zu kurz - die wirklich intelligenten sowieso, denn gefördert werden die Schwachen, nivelliert wird nach unten. Die Schwachen kommen aber letztlich auch zu kurz und man wird Ihnen nicht gerecht, wenn sie sich im Gymnasium permanent überfordert fühlen und unter Stress stehen. Im Endeffekt ist keinem damit gedient. Wo sollen die Studenten alle hin und woher sollen Handwerksbetriebe ihren so wichtigen Nachwuchs rekrutieren?

Hämmelmann

Das wirtschaftlichste Angebot ist Grundlage der Ausbildung!

Es muss jetzt aus mir heraus!
Da ist man ein Handwerksunternehmer, hat sich durch manch sehr dunkle Täler schleppen müssen mit der Feststellung, daß dies die meisten tun!
Ich aber habe jetzt einen aufrechten Gang angeeignet. Und zwar gegenüber mir selber und dem Kunden.
Ich lasse mich nicht länger definieren im Wettbewerb auf das niedrigste, Entschuldigung, wirtschaftlichste Angebot.
Ich habe ein Bauwerk mir als Vorbild genommen: Die Elbphilharmonie - Eine tolle Entstehungsgeschichte und die Zahlen, totale wirtschaftlichkeit und ALLE sind begeistert. Jetzt mal schaun, nach Berlin....
Das Handwerk hat in Deutschland einen extrem wertvollen Schatz im Handwerk: Können, Wissen, Erfahrung, Handfertigkeit und den Drang sich auf allen Gebieten weiter zu entwickeln. Jedoch muss ich feststellen, dass ein Handwerksbetrieb heutzutage geknebelt wird und für Wasser und Brot arbeitet, auch unter den eigenen Reihen...... keine gute Grundlage für den "goldenen Boden"
Dies ist auch keine gute Grundlage jahrhunderte altes erprobtes Wissen und Können weiterzugeben. Aber das Handwerk braucht die Weitergabe von Können und Wissen, von Meister, Gesellen und Lehrern, dies muss honoriert werden, sonst sind bald nur noch die Alternativen aus der Industrie verfügbar..

Robert Hämmelmann

von Saldern

Gegenwart vergessen

Herr Kraus weiß offenbar nicht, welcher Leistungsdruck derzeit in den Schulen herrscht. Da ist nichts mit Kuschelpädagogik. Er ist wie aus der Zeit gefallen. Weiß Herr Kraus eigentlich, dass der Handwerkskammertag in Baden-Württemberg die Schule für alle wollte? Und dass keiner der Wirtschaftsverbände im Haus der Wirtschaft in Berlin noch die Hauptschule verteidigt? Es liest sich wie eine Satire - aber die darf ja alles.