Microsoft bringt mit Windows 8 Apps auf den Desktop-PC. Doch bietet das neue Windows Handwerksbetrieben mehr als ein paar optische Neuerungen? Erste Praxiserfahrungen geben Aufschluss.
Steffen Guthardt und Lothar Lochmaier
Seit Anfang des Jahres war das neue Betriebssystem Windows 8 angekündigt worden. Schließlich möchte Microsoft die bunte neue Welt des mobilen Arbeitens nicht gänzlich den Rivalen Apple und Google überlassen. Die beiden Konzerne dominieren inzwischen mit Tablets und mobilen Endgeräten wie den iPhones und Nexus die IT-Szenerie. Um nicht weiter ins Hintertreffen zu geraten, haben die Entwickler von Microsoft nun konsequent neue Wege in Design und Organisation der Benutzeroberfläche von Windows beschritten.
Nicht immer geschieht eine solche Zäsur zum Wohle der Anwender. Die Navigation durch die ähnlich aufgebauten Menüs der älteren Windows-Versionen wurde von den Nutzern über Jahrzehnte gelernt. Nun richtet sich Windows ganz an der Optik und Bedienung von mobilen Trendgeräten aus.
Apps statt Menüleiste
Nutzer, die bereits mit der modernen Smartphone-Welt vertraut sind, werden sich auch schnell in Windows 8 zurechtfinden. Die auffälligste Neuerung springt sofort ins Auge. Es ist die so genannte Kachel-Optik, also kleine viereckige Symbole, auf die der Nutzer nun klickt, um die einzelnen Programme neben- und untereinander aufzurufen. Die Darstellung orientiert sich unübersehbar an den App-basierten Betriebssystemen von Apple und Google und setzt doch eigene Akzente.
Neben den bereits vorinstallierten Apps können neue Programme im virtuellen Shop von Windows heruntergeladen werden. Dabei gibt es nützliche Anwendungen wie eine Wikipedia-App oder das Grafikprogramm Fresh Paint, aber auch viele sinnfreie Programme. Insgesamt ist das Angebot ausbaufähig.
Trotzdem ist der Ansatz vielversprechend, weil das System dadurch offener für neue Programme von Entwicklern aus aller Welt wird, die ihre Apps anbieten können. Einige Applikationen auf dem Startbildschirm sind sogenannte Live Tiles, die sich ständig aktualisieren, sofern eine Netzwerkverbindung zur Verfügung steht. So hat der Nutzer immer das aktuelle Wetter im Blick, erhält eine Vorschau auf seinen E-Mail-Ordner und sieht, was seine Freunde gerade bei Facebook und Twitter treiben, ohne extra den Internetbrowser starten zu müssen.
Nutzer, die nicht mit Smartphones und Tablets vertraut sind, werden sich am Anfang allerdings schwertun mit der neuen Bedienung und diese als kompliziert empfinden. Es ist einfach ungewohnt, auf Apps über Maus und Tastatur zu klicken. Anwender, die sich davor scheuen oder auch nach mehrstündiger Einarbeitung kein Gefallen an einer solchen Darstellung finden, müssen aber nicht zwangsläufig auf Windows 8 verzichten. So ist es möglich, von der Kachel-Optik in eine Ansicht zu wechseln, die sich kaum vom Vorgänger Windows 7 unterscheidet.
Wenig Neues für den Betrieb
Allerdings ist es in diesem Fall fraglich, ob sich eine Umstellung auf Windows 8 überhaupt lohnt. Wirkliche Weiterentwicklungen für die Nutzung im Betrieb hält das System nämlich nicht bereit. Zwar wird es im Zuge der Umstellung auch eine neue Version von Office geben, doch auch hier hat Microsoft das Augenmerk vor allem auf optische Veränderungen gelegt.
Wer derzeit einen Computer mit Windows 7 hat, sollte den Wechsel nur in Betracht ziehen, wenn er seinen Desktop-Rechner möglichst ähnlich wie sein Smartphone bedienen will. Für diese Zielgruppe sind dann auch die neuen Windows-8-Phones und das Tablet Surface interessant.
Anwendern von älteren Versionen wie Windows XP ist von einem reinen Software-Update auf Windows 8 wegen der relativ hohen Systemanforderungen abzuraten. In diesem Fall lohnt sich eher der Komplett-Umstieg auf einen neuen Computer, der die Hardwareanforderungen erfüllt und bereits Windows 8 vorinstalliert hat.
Schneller Wechsel günstig
Kleine Handwerksbetriebe werden sich aber kaum mit der bloßen Optik zufrieden geben oder sich mit den technischen Details beim Umstieg befassen. Das Gros der Anwender wird deshalb abwarten, bis sich das neue Betriebssystem etabliert hat.
Zumindest für jene Unternehmen, die sich ohnehin bereits mit dem Gedanken einer Neuanschaffung befassen, lohnt sich das Nachdenken. Denn Microsoft will den Verkauf durch Tiefpreise ankurbeln.
Unabhängig von dem Erfolg von Windows 8 dürfte sich eine App-basierte Lösung langfristig auch auf den Computern in deutschen Handwerksbetrieben etablieren. Denn das Geschäft mit mobilen Endgeräten brummt auch in Deutschland. Mehr als drei Millionen Tablets sollen allein in diesem Jahr laut IT-Branchenverband Bitkom verkauft werden. Manche Experten sprechen gar vom Ende des Personal Computers. Das scheint übertrieben. Weit wahrscheinlicher ist eine friedliche Koexistenz zwischen mobiler und stationärer PC-Welt.
Technik für unterwegs
Im Zuge der Einführung des neuen Betriebssystems von Microsoft kommt auch eine Reihe neuer mobiler Computer auf den Markt. Die spannendsten Geräte im Überblick:
ideapadBeim IdeaPad Yoga von Lenovo kann der Nutzer auswählen, ob er gerade ein Tablet oder Notebook benötigt. Der Bildschirm lässt sich im 90-Grad-Winkel drehen oder komplett um die eigene Achse klappen. Das Yoga ist wegen seiner Größe von 13 Zoll und seinem Gewicht von 1,5 Kilogramm allerdings weniger handlich als übliche Tablets und eignet sich eher für Anwender, die hauptsächlich ein Notebook suchen und nur ab und zu die Vorteile der Touchscreen-Bedienung nutzen wollen. Mit einem Einführungspreis von rund 1.300 Euro ist das Yoga kein Schnäppchen.
surfaceDas Surface ist ein Tablet direkt aus dem Hause Microsoft. Installiert ist die Windows8-Variante RT, bei der einige Programme wie Office, Excel und PowerPoint speziell für die Bedienung per Finger optimiert wurden. Am interessantesten am Surface ist allerdings das Zubehör. So bietet Microsoft eine magnetische Schutzhülle für das Display an, in der eine vollständige QWERTZ-Tastatur integriert ist. Erst wenn der Anwender die Schutzhülle vom Bildschirm nimmt, werden die Tasten sichtbar. Mit nur fünf Millimetern Dicke handelt es sich um die dünnste Tastatur auf dem Markt. Das Tablet kostet in der 64-Gigabyte-Variante rund 750 Euro und ist damit in etwa auf iPad-Niveau.
htcDas HTC Windows Phone 8X ist das erste Smartphone mit dem neuen Betriebssystem, das in Deutschland verfügbar war. Vor allem Multimedia-Freunde kommen hier auf ihre Kosten. Das Smartphone verfügt über eine sehr gute Kamera mit acht Megapixeln und eignet sich dank der Beats-Audio-Technologie als Ersatz für einen MP3-Player. Die unverbindliche Preisempfehlung liegt bei 550 Euro. Einen ausführlichen Praxischeck des 8X finden Sie unter deutsche-handwerks-zeitung.de/htc.
nokiaDer einstige Marktführer Nokia hat auf dem Smartphone-Markt in den vergangenen Jahren den Anschluss verloren. Durch die Kooperation mit Microsoft und das neue Windows 8 wollen die Finnen nun wieder in die Erfolgsspur. Das Nokia Lumia 920 besticht durch seine hochwertige Verarbeitung. Die 8,7-Megapixel-Kamera ist die erste in einem Smartphone, die einen echten optischen Bildstabilisator aufbieten kann. Weiteres Highlight ist der Akku, der sich ohne Kabel aufladen lässt. Mit Abmessungen von 130 × 71 × 12 Millimetern ist das Lumia aber nicht ideal für die Bedienung mit einer Hand geeignet. Kostenpunkt: rund 600 Euro.




