TV-Kritik: Arte-Doku Wie zwei Aussteiger ein Haus aus Stroh und Lehm bauen wollen 

Immer mehr Vorschriften machen nachhaltiges Bauen zur schlichten Notwendigkeit. Doch es gibt Menschen, die gehen noch einen Schritt weiter – und bauen sich direkt ein Häuschen aus Stroh und Lehm. Der Sender Arte begleitete ein Paar aus Franken bei ihrem Umzug nach Österreich – und lieferte ein Stück zwischen etwas naiver Aussteiger-Doku und Inspiration.

Arbeiten an den Rundwänden des nachhaltigen Hauses, das komplett aus Stroh und Lehm gefertigt wird. - © Screenshot/ARTE/Re: Strom, Lehm, kein Abfall: Der Traum vom nachhaltigen Bauen

Das, was sie ein Haus nennen, ist nicht mal ans Abwassersystem angeschlossen. Es gebe ein System für das Grauwasser und eines für das Schwarzwasser, erklärt Carolin Volk aus Nürnberg. Sie besucht gerade das Bürgermeisterbüro ihres neuen Wohnortes im österreichischen Burgenland. Dort wollen sie und ihr Mann Holger eine neue Heimat schaffen. Und zwar in einem Haus ganz aus Stroh und Lehm. Die Arte-Doku "Re: Strom, Lehm, kein Abfall: Der Traum vom nachhaltigen Bauen" begleitete das Paar ein Jahr lang bei seinem Projekt. Dabei werden sie von spezialisierten Handwerkern unterstützt, bringen aber auch so einiges an Eigenleistung ein. Und so viel sei gesagt: so richtig glatt läuft das nicht.

Von einem "Trend" zum nachhaltigen Bauen spricht Arte schon in der Beschreibung zur Sendung. Ob das wirklich so ist, sei einmal dahingestellt. Harte Energiesparvorgaben des Staates sind sicherlich Realität, auch das Bauen mit Holz erlebt einen gewissen Boom. Aber eigentlich geht es hierzulande für viele darum, ob sie sich ein Eigenheim überhaupt noch leisten können. Wenn es noch nachhaltig geht gerne. Aber es ist meist eine überschaubare Personengruppe, die solche Prioritäten setzt. Und so sympathisch und ein wenig unsortiert die beiden Protagonisten in der Doku rüberkommen, so, gelinde gesagt, individuell dürfte auch ihr Hausbau sein.

"Lieber mit zehn Menschen als mit einer Maschine"

An manchen Stellen der Doku zeigt sich deutlich, dass hier nicht Kreti und Pleti bauen. "Jeder hat gelernt, mit dem Strohballen zu reden", sagt die Protagonistin. Sie meint damit, dass es eine bestimmte Kunst sei, das Stroh für die Wand zu verarbeiten. Denn dazu steckt man es in eine Art Gerüstaufbau. Nur so hält es und trägt stabil das Dach.

Interessant sind allerdings die Aussagen der Handwerker, die den beiden helfen. Sie haben sich auf solche Bauten spezialisiert. Eine Nische sicherlich, aber durchaus interessant. "Wenn ich die Wahl habe, etwas mit zehn Menschen zu machen, dann mache ich es mit zehn Menschen anstatt mit einer Maschine. Das ist aber nicht gängige Baupraxis", sagt einer der Strohbau-Experten. Es gehe auch um Arbeitsplätze und die Tatsache, dass "Maschinen keine Steuern zahlen". Und die Arbeiten an dem Haus gehen zunächst auch zügig voran. Wobei das Paar zunächst das "Gästehaus" baut, ehe es sich seinem eigenen Domizil widmen wird. Während der Arbeiten wohnen die beiden in einem Übergangsheim.

"Irgendwann soll es auch mal ein Bad geben"

Geht der Bau der runden Wand mithilfe der Handwerker noch gut vonstatten, so erweist sich das Dach als knifflige Angelegenheit. Ein Spengler ließ die beiden Bauherren sitzen, ein anderer war zu teuer. Jetzt müssen sie eine Abrutschsicherung fürs Gründach selbst bauen, heißt es aus dem Off. Rund um die gebrauchte Haustür musste Putz korrigiert werden. Und wenn es mal regnet, ist es schwierig, das Dach für weitere Arbeiten trocken zu kriegen.

In solchen Momenten sieht alles nach dem aus, was es wohl letzten Endes ist: ein Projekt zweier Aussteiger, die naturnah und ökologisch leben wollen. Wenn dann die Rede davon ist, es solle "auch irgendwann einmal ein Bad geben", wird dieser Eindruck verstärkt. Und so wird nach den anstrengenden Wochen des Gästehausbaus eine Pause eingelegt. Es habe die beiden viel Kraft gekostet, alles zu organisieren und zu kommunizieren. Darum sei die Entscheidung getroffen worden, den Bau des Haupthauses auf nächstes Jahr zu verschieben.

Nichts für die Masse

Nein, für die Masse ist diese Art des Bauens nichts. Die Dokumentation vermittelt aber auch zu keiner Zeit diesen Eindruck. Es geht darum, zwei Menschen bei ihrem speziellen Projekt zu begleiten. Das tun die Journalisten wohlwollend, aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger dem Zuschauer gegenüber. Natürlich klingt manchmal an, dass ein nachhaltigeres Bauen generell wünschenswert wäre. Aber es kommt nie zu generalisierenden Aussagen.

Denn es ist augenfällig, dass mit derartigen Baumethoden nicht die 400.000 Wohnungen errichtet werden könnten, die es laut Bundesregierung braucht, um die Wohnungsnot zu beenden. Eine Zahl im Übrigen, die jüngst offiziell verfehlt wurde, wie Bauministerin Klara Geywitz eingestand. Die akuten Probleme liegen vielmehr in hohen Kosten beim Neubau. Sie hängen neben gestiegenen Preisen bei Roh- und Baustoffen auch mit den strengen Vorgaben zum energetisch optimierten Bauen zusammen. Bauherren und ausführende Handwerker können ein Lied davon singen, wie die Preise im Verlauf des Jahres 2022 explodiert sind. Und weil die Zinsen ebenfalls stark gestiegen sind, geht es auf dem Markt für Neubauten gerade darum, die Wohnungen und Häuser überhaupt zu verkaufen. Wer mit Maklern und Baufinanzierern spricht, hört nicht selten, dass das Neubaugeschäft derzeit "tot" sei. Ob Strohhäuser eine Lösung dieser Probleme sind, sei dahingestellt. Wahrscheinlich sind sie das aber nicht.

Anregung und Inspiration

Vielmehr muss man solche Dokumentationen als Inspiration sehen, dass es noch Möglichkeiten gibt, anders zu bauen. Und die Bilder, in denen die Handwerker an dem Strohhaus arbeiten und die Wand und das Dach errichten, sind durchaus interessant und schön anzusehen. Da werden ausgefallene Gewerke gezeigt, die normalerweise keinen Platz im Fernsehen finden. Aus Handwerkssicht ist das zu begrüßen. Denn es zeigt, wie umfangreich das Können in der Branche ist.

Keine Zeit mehr für Nebensächlichkeiten

In einem zweiten Strang begleiteten die Arte-Redakteure einen slowenischen Handwerker, der im Bestand baut und so wenig Abfall wie möglich produzieren möchte. Zero-Waste-Bauen nennt sich das Prinzip. Und auch hier gilt: alles gut und schön – aber gerade die energetische Sanierung im Bestand ist eine Herausforderung, die überhaupt gestemmt werden muss. Sie sollte Vorrang haben, bevor man auf Dinge wie das Zero-Waste-Bauen setzt. Zumal die Zeiten, in denen man sich auf interessante, aber teure und aufwändige Nebensächlichkeiten konzentrieren kann, auch aufgrund der wirtschaftlichen Umstände vorbei sind.

>>> Hier geht's zur vollständigen Sendung in der ARTE Mediathek.