Forschung im Handwerk Wie Sensoren den nächsten Brückeneinsturz verhindern sollen

Ein 1,5 Kilometer langes Glasfasernetz durchzieht die weltweit einzigartige Forschungsbrücke des Bautzener Baubetriebs Hentschke und registriert Risse ab 0,025 Millimeter in Echtzeit. Forschungsleiter Frank Jesse ist überzeugt: Mit dieser Technik wäre der Einsturz der Carolabrücke zu verhindern gewesen. Wie ein großer Handwerksbetrieb an der Zukunft des Bauens forscht – von intelligenter Sensorik bis zu zementfreien Baustoffen.

Füllbachtalbrücke
Beim Bau der rund 40 Meter hohen Füllbachtalbrücke südlich von Coburg setzte Hentschke eine Vorschubrüstung ein. - © Hentschke Bau

Die Reste der Carolabrücke sind aus der Elbe in Dresden verschwunden. Ihr spektakulärer Einsturz bleibt aber ein Menetekel. Bundesweit stehen Brücken seither unter verschärfter Beobachtung. Und ein ostsächsischer Baubetrieb erforscht im Verbund mit Wissenschaftlern, wie unsichtbare Schäden an Brücken künftig recht­zeitig erkannt werden können, damit sich eine Katastrophe wie im September 2024 nicht wiederholt.

Auf dem Gelände des Betonfertigteilwerks der Firma Hentschke Bau im Bautzener Ortsteil Teichnitz steht eine weltweit einzigartige Brücke. Nur 45 Meter lang und gerade hoch genug, dass Frank Jesse, ohne den Kopf einziehen zu müssen, unter ihr hindurchlaufen kann. Doch die Tücke steckt im Detail. Wie ein künstliches Nervensystem durchzieht ein 1,5 Kilometer langes Netz aus Glasfaserkabeln mit faseroptischen Sensoren das Bauwerk. "Bei Belastungstests registrieren sie in Echtzeit winzige Risse ab 0,025 Millimeter", erklärt Frank Jesse. Der Forschungsleiter bei Hentschke Bau glaubt: "Hätten wir diese Art der Bauwerksüberwachung an der Carola­brücke schon gehabt, wäre der Einsturz zu verhindern gewesen."

Sensoren spüren Schäden auf

Noch ist das Monitoring nicht ausgereift. An der Forschungsbrücke, die im Frühjahr 2025 vom damaligen Bundesverkehrsminister Volker Wissing eingeweiht und vom Bund mit 3,85 Millionen Euro gefördert wurde, sammeln 25 Partner Daten für das Projekt IDA-KI. Infrastrukturdatenauswertung mit künstlicher Intelligenz soll einmal dafür sorgen, dass Brückenschäden nicht verborgen bleiben wie bei der Carolabrücke. Die Erkenntnisse könnten jeder Brücke zugutekommen, denn die Sensorik lässt sich an bestehenden Bauwerken einfach nachrüsten.

Brücke über die Schwarze Elster bei Bad Liebenwerda.
Brücke über die Schwarze Elster bei Bad Liebenwerda. - © Hentschke Bau

Dass die Forschungsbrücke bei einem Handwerksbetrieb in Bautzen steht, kommt nicht von ungefähr. Mit der Deutschen Bahn als größtem Auftraggeber hat sich Hentschke Bau mit Großbrücken in verschiedenen Bauweisen einen hervorragenden Ruf erworben. Egal ob im Freivorbau wie bei der Straßenbrücke über die Schwarze Elster in Bad Liebenwerda, im Taktschiebeverfahren wie bei der 78 Meter hohen Massetalbrücke in Südthüringen oder mit Vorschub­rüstung wie bei der einen Kilometer langen Brücke über das Füllbachtal südlich von Coburg – Hentschke be­­herrscht das gesamte Spektrum des Brückenbaus.

Flexibel durch große Bandbreite

Trotzdem lässt sich das Unternehmen keineswegs auf seine Expertise im Brückenbau reduzieren. Wenn Thomas Alscher, einer der beiden Ge­schäftsführer, die Referenzen von Hentschke Revue passieren lässt, bleibt kaum ein Baubereich unerwähnt. Vom Sichtbeton für hohe gestalterische Ansprüche über funktionale Industriebauten und schlüsselfertige Einkaufsmärkte oder Seniorenheime bis hin zu mit Bleikugeln angereichertem Abschirm­beton für den Strahlenschutz in medizinischen Einrichtungen. So übersteht der Be­­trieb auch Flauten wie durch die aktuell fehlenden Ausschreibungen für den Bau von Großbrücken. "Durch unsere enorme Bandbreite können wir flexibel auf den Markt reagieren. Aber wir ruhen uns auf dem Er­­reichten nicht aus, sondern wir beschäftigen uns stetig mit der Zukunft des Bauens", sagt Thomas Alscher.

Die Vielfalt der Forschungs- und Entwicklungsarbeit bei Hentschke Bau lässt sich am besten im weitläufigen Betonfertigteilwerk begreifen, durch das Werkleiter Stefan Hörnig führt. Hinter der Forschungsbrücke steht das Technikum, eine Art Labor, in dem mit zementfreien Geopolymer­­baustoffen oder naturfaserbasierten Materialien wie Miscanthus experimentiert wird. Das Ziel ist klar: den CO2-Fußabdruck im Baugewerbe deutlich zu senken. Sieben bis acht Prozent des globalen CO2-Ausstoßes gehen allein auf die Produktion von Zement zurück.

Fundament für Forschung

Forschungsbrücke bei Hentschke Bau
Forschungsbrücke auf dem Gelände des Betonfertigteilwerks von Hentschke Bau. - © Ulrich Steudel

Um die Aktivitäten auf ein breiteres Fundament zu stellen, entsteht in Sichtweite des Technikums eine großindustrielle Forschungsanlage. Wenn alles nach Plan läuft, soll die Halle noch in diesem Jahr in Betrieb gehen. Zusammen mit der Stahlbau- und der Schalhalle entsteht auf dem Gelände eine Art Campus, an dem Forschung, Entwicklung und Fertigung eng miteinander verzahnt sind. "Wir haben für die Größe unseres Unternehmens eine außergewöhnlich erfolgreiche Forschungs- und Entwicklungsabteilung und extrem enge wissenschaftliche Kooperationen mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen", schwärmt Jörg Drews von der Innovationskraft bei Hentschke Bau.

Drews hat das 1857 gegründete Baugeschäft 1992 von der Familie Hentschke übernommen – zunächst gemeinsam mit einem Hamburger Investor. Nach dessen Rückzug baute er das Unternehmen kontinuierlich aus. 2018 summierten sich die Auftragseingänge erstmals auf mehr als 200 Millionen Euro. Aktuell beschäftigt das Unternehmen rund 700 Mitarbeiter aus zwölf Nationen, 500 davon im ge­­werblichen Bereich sowie rund 30 Auszubildende. Neben den klassischen Bauberufen gibt es auch eine Tischler- sowie eine Maler- und Lackiererwerkstatt.

Die Nachfrage nach Lehrstellen sei groß. "Wir haben das Glück, Be­­werber ablehnen zu können", sagt Thomas Alscher, der seit 2007 als Ge­schäftsführer und inzwischen auch als Mitgesellschafter an Bord ist. Allerdings sei das Interesse für Handwerksberufe geringer als das für Industriekaufleute. "Wir müssen die Vorzüge des Handwerks stärker hervorheben", sagt Alscher und verweist auf eine junge Frau, deren Opa schon bei Hentschke beschäftigt war. "Jetzt lernt sie bei uns das Zimmererhandwerk. Aber noch sind Frauen auf dem Bau unterrepräsentiert. Ich würde mich freuen, wenn bald eine Frau auf einer unserer Maschinen sitzt." Etwa auf einem der Zweiwegebagger, für dessen Bedienung der Lokführerschein nötig ist.

Handwerk mit Hightech

Handwerk – Hightech – Hentschke. Der Werbespruch passt zum Bautzener Baubetrieb wie angegossen. Der Einsatz von Building Information Modeling (BIM), digitaler Vermessungstechnik sowie eine KI-Strategie gehören zum Arbeitsalltag. Bei vielen Pilotprojekten in Sachsen mischt Hentschke mit.

Cube, das weltweit erste Gebäude in Carbonbeton.
Das weltweit erste Gebäude in Carbonbeton: der Cube auf dem Campus der TU Dresden. - © Stefan Gröschel/TU Dresden

So entstand auf dem Campus der TU Dresden das weltweit erste Ge­­bäude aus Carbonbeton. Wenn kohlenstofffaserverstärkte Kunststoffe statt Stahl als Bewehrung den Beton zusammenhalten, ermöglicht das nicht nur schlankere Konstruktionen. Es löst vor allem das Problem, unter dem Stahlbetonbrücken am stärksten leiden – Schäden durch Korrosion. Nachteil: der hohe Preis. "Brücken würden zirka 20 bis 30 Prozent teurer", schätzt Frank Jesse. Trotzdem kann es sich lohnen. Bei einer 180 Meter langen Fahrrad­brücke in Chemnitz ermöglichte der Einsatz von Carbonbeton für die Fahrbahn eine Gewichtseinsparung bei den Stahlträgern.

Zeigen, was möglich ist

Was beim Bau von Brücken mit kleineren bis mittleren Spannweiten "jenseits der Vorschriften" schon möglich ist, hat Hentschke Bau bei einem Pilotprojekt im sächsischen Freiberg in Zusammenarbeit mit zwei Hochschulen unter Beweis gestellt. Die Brücke mit Carbonbewehrung war innerhalb von fünf Stunden er­­richtet, wurde später vollständig demontiert und kann an anderer Stelle erneut zum Einsatz kommen. Der hohe Vorfertigungsgrad und die Wiederverwertbarkeit eines solchen modularen Systems bieten gleich mehrere Vorteile: mehr Tempo und geringere Kosten. Auch die Montagezeiten für die Mitarbeiter und die Sperrpausen für den Verkehr ließen sich so verringern.

Obwohl es im Moment an Ausschreibungen für Brücken mangelt, gibt es bei Hentschke viel zu tun. Gerade arbeitet das Unternehmen am größten Auftrag seiner Geschichte. In Schwarzheide in der Lausitz entsteht für 140 Millionen Euro ein großes Ausbildungszentrum. Trotzdem sei das Geschäft schwieriger geworden, beklagt Geschäftsführer Thomas Alscher. Die öffentliche Auftragsvergabe sei vor zehn Jahren deutlich verlässlicher gewesen. "Heute gleicht es eher einem Stochern im Nebel. Schwer zu sagen, was im nächsten Jahr ausgeschrieben wird." Sollte der Neubau der Carolabrücke dabei sein, wird Hentschke Bau auf jeden Fall ein Angebot abgeben. Schließlich will man das, was man abgerissen und aus der Elbe geborgen hat, auch wieder aufbauen.