Ein Jugendtraum, eine Netflix-Serie und die Entscheidung, mit Mitte 50 noch einmal von vorne anzufangen: Amin Werner hat einen Berufswechsel hinter sich, den die wenigsten in dieser Form wagen würden. Vom langjährigen Hauptgeschäftsführer im deutschen Bäckerhandwerk zum eigenen Zimmereibetrieb in Berlin. Heute beschäftigt er zwölf Personen – und steckt selbst noch im Meisterkurs.

Wenn Amin Werner heute auf einer Baustelle steht, hat er ein eingespieltes Verhältnis zu seinen eigenen Leuten: "Am liebsten hätten sie mich nicht auf der Baustelle. Der Chef stört nur." Er sagt das mit hörbarem Schmunzeln – und er fügt sich. Denn seine Altgesellen und sein Meister haben handwerklich Jahrzehnte Vorsprung. "Das muss man dann auch ganz demütig feststellen."
Es ist eine ungewöhnliche Konstellation: ein Firmenchef, der noch selbst lernt. Vor vier Jahren hatte Werner nichts mit Holz und Werkstatt zu tun. Heute führt er eine Zimmerei mit zwölf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sechs davon Auszubildende. Dazwischen liegt eine Geschichte, die mit einem 16-Jährigen beginnt, der eigentlich Zimmerer werden wollte.
Umweg über die Juristerei
Mit dem Handwerk in Berührung kam Werner früh: Seine Mutter war Konditorin. Nach dem mittleren Schulabschluss wollte er in die Lehre, tatsächlich sogar in einer Zimmerei – sein Vater überzeugte ihn jedoch vom Abitur. Es folgten Wehrdienst, Jurastudium ("mangels anderer Talente", wie Werner selbst sagt) und eine Karriere als Anwalt und Verbandsjurist. Zuletzt war er Hauptgeschäftsführer im deutschen Bäckerhandwerk und Generalsekretär im europäischen Bäcker- und Konditorenhandwerk. Schwerpunkt: Lebensmittelrecht.
Mit 50 zog er dann den Schlussstrich. Beendete seine juristische Karriere. Er beteiligte sich an Start-ups, reiste mit dem Motorrad durch die halbe Welt. Ein paar Jahre fand er das auch ganz schön. Was fehlte, kam dann aber mit der Pandemie.
Eine Netflix-Serie als Wendepunkt
"Die Bude war voll. Kinder, meine liebe Frau, die dann auch Homeoffice hatte." Aus Langeweile sah Werner eine Netflix-Serie über Tiny Houses. Ein lukratives Geschäft, wenn man so will. Sie ließen ihn nicht mehr los. Bei der Recherche, welche Ausbildung sich am besten für deren Bau eignet, stieß er erneut auf den Beruf, den er als Jugendlicher hatte ergreifen wollen. "Das hat bei mir sofort den Wunsch entfacht: Was du mit 16, 17 nicht gemacht hast, kannst du ja vielleicht jetzt machen."
Zeit hatte er, Geld auch, und Lust allemal. Er bewarb sich also bei mehreren Zimmereien in der Umgebung, arbeitete zwei Monate als Bauhelfer in einem Ein-Mann-Betrieb, dann in einer größeren Zimmerei – und begann dort offiziell seine Ausbildung. Wegen seines Alters durfte er auf zwei Jahre verkürzen.
Lehrling und Chef – gleichzeitig
Nach dem ersten Lehrjahr im Betrieb hatte Werner den Eindruck, nicht mehr genug Neues zu lernen. Statt zu bleiben, gründete er seinen eigenen Betrieb, stellte einen Meister und einen Gesellen ein – und schloss seine Lehre im eigenen Unternehmen ab.
Das hatte eine kuriose Folge: Mit dem Sozialversicherungsträger habe es eine, so Werner, "ganz spannende Diskussion" darüber gegeben, ob er Geschäftsführer einer juristischen Person oder Lehrling sei. Entschieden wurde nach einem halben Jahr zugunsten der Geschäftsführerrolle. Anfang 2024 schloss Werner die Gesellenprüfung ab. Derzeit absolviert er berufsbegleitend den Meisterkurs – online, weil ihm der Anfahrtsweg quer durch Berlin zu zeitraubend ist.
Tiny House: Der Plan, der sich verschoben hat
Ursprünglich sollte sich der Betrieb auf Tiny Houses spezialisieren. Heute laufen davon nur noch zwei Aufträge. Der Grund: Werner versteht darunter kein abgestelltes Wohnwagenmodell, sondern ein vollwertig bewohnbares Gebäude inklusive Gebäudeenergiegesetz, Statik, Bauantrag und Bodengutachten. "Sie haben genauso einen hohen bürokratischen Aufwand für ein kleines Tiny House, als würden Sie ein Einfamilienhaus bauen wollen." Die Folge: hohe Preise, kleine Zielgruppe. Heute macht der Betrieb das volle Spektrum klassischer Zimmerei.
Bürokratie: Vor allem ein Problem für junge Betriebe
Auf die Frage, wie die Bürokratie im Handwerk auch ihn und seinen Betrieb treffen würden, erzählt Werner: Gründung, Handwerkskammer, SOKA-Bau und Berufsgenossenschaft funktionieren – aber nur mit Steuerberater und externer Lohnbuchhaltung. Wirklich kritisch sieht Werner die Hürden für öffentliche Aufträge. In Berlin müssen Betriebe in der ULV-Liste gelistet sein und dafür mehrere Bilanzen vorlegen. Ein ULV ist das Unternehmer- und Lieferantenverzeichnis. Es ist quasi eine offizielle "Positivliste" von Handwerkern und Firmen, die von Behörden als besonders zuverlässig, fachkundig und gesetzestreu eingestuft wurden. "Sie können das schon mal knicken", sagt Werner über die Chancen junger Unternehmen. Frisch auf dem Markt habe keiner stabile schwarze Zahlen zu präsentieren. Ein Punkt, der nach seiner Einschätzung viele junge Meisterbetriebe im Bau betrifft.
Ausbildung: Gut gemeint, schwierig umgesetzt
Werner konnte innerhalb weniger Jahre beide Seiten erleben – die des Azubis und die des Chefs. Gerade über die Ausbildung konnte er sich so ein klares Bild machen: Berufsschule und Lehrbauhof beschreibt Werner grundsätzlich als gut. Schwieriger sei jedoch die Struktur: zunehmender Blockunterricht in Berlin, zusätzlich Pflichtunterricht in Sport, Mathe und Deutsch im zweiten und dritten Lehrjahr. "Wir haben teilweise Lehrlinge, die vier bis sechs Wochen nicht im Betrieb sind." Viele erleben so keinen kompletten Bauablauf vom Abbinden bis zum Richten. "Man meint, man ist in einem dualen System, aber man kann die Lehrlinge gar nicht vernünftig praktisch ausbilden."
Fachkräftemangel? Werner macht eigene Erfahrungen
Über Fachkräftemangel kann er sich trotzdem nicht beschweren. Werners Team ist auf zwölf Personen gewachsen, darunter sechs Auszubildende. Den ersten Meister lernte er noch während seiner Bauhelferzeit kennen; ein weiterer Geselle kam mit Wunsch nach 4-Tage-Woche dazu – als alleinerziehender Vater. Werner ging darauf ein. "Das funktioniert sehr gut."
Beim Thema Nachwuchs hat er andere Erfahrungen gemacht, als oft berichtet wird: Eine einzige Anzeige bei Handwerkskammer und Agentur für Arbeit führte zu so vielen Bewerbungen, dass er das Inserat nach einer Woche zurückzog – er kam mit den Absagen nicht hinterher. Aus seiner Sicht zahlen sich Sichtbarkeit über Website und Instagram, das Thema Tiny Houses und die intensive Vorbereitung der Lehrlinge im Betrieb aus. Letztere üben dort erste Ausarbeitungen, bevor sie auf den Lehrbauhof gehen. "Das spricht sich auch rum."
Werner schätzt zudem, dass von den 191 in der Handwerkskammer Berlin gelisteten Holzbaubetrieben tatsächlich nur etwa ein Dutzend bis 15 ausbilden – die meisten seien Ein- bis Zwei-Mann-Betriebe oder hätten schlechte Erfahrungen gemacht. Wer aufnimmt, bekommt entsprechend viele Anfragen.
Aktuell hat er drei Auszubildende im dritten Lehrjahr, eine Architektin mit Masterabschluss im zweiten und je eine Frau und einen Mann im ersten Lehrjahr.
Übergabe in Sicht
Werner wird in diesem Jahr 60 und plant, bis 70 im Betrieb zu arbeiten. Sein Ziel: Die Mitarbeiter sollen den Betrieb übernehmen und werden schrittweise an der Gesellschaft beteiligt. Wer ausscheidet, dessen Anteile fallen an die Firma zurück, sodass der nächste loyale Mitarbeiter nachrücken kann. "Wir sind ja keine Sekte", sagt er. "Junge Leute wollen ja auch andere Betriebe kennenlernen. Man muss sie auch gehen lassen im Guten und sich freuen, wenn sie wiederkommen."
Warum sich der Wechsel für ihn gelohnt hat
Als Verbandsgeschäftsführer, sagt Werner, habe er an Verordnungs- und Gesetzestexten mitgewirkt, die bei der nächsten Reform oft wieder hinfällig waren. "Das interessiert hinterher keinen Menschen." Im Handwerk ist das anders: "Wenn ich einen Dachstuhl baue, sehe ich den Dachstuhl. Und wenn es gut läuft, sehe ich den auch viele Jahrzehnte."
Er erinnert sich an eine Fahrt durch Berlin-Mitte mit einem Altgesellen aus seinem Ausbildungsbetrieb, der noch in der DDR gelernt hatte und im Prenzlauer Berg auf zahlreiche Dachstühle zeigen konnte, an denen er mitgearbeitet hatte. "Das ist doch schön zu hören und zu sehen, das ist etwas Bleibendes."
Für andere Umsteiger hat Werner einen klaren Rat. Mit 60 oder 70 sei ein Wechsel eher Hobby. "Aber wenn man im Bereich 40, 50 Jahre ist, dann hat man ja noch ein paar Berufsjahre vor sich." Die größte Hürde sei in den meisten Gesprächen, die er geführt habe, nicht die Lust, sondern das Geld: laufende Verpflichtungen, Familie, Kinder in Ausbildung. "Klar, das muss man immer abwägen, wie weit man das machen kann."
Sein Fazit fällt trotzdem klar aus: "Es ist nie zu spät, noch mal umzusatteln."
Beispiel Berlin – 3 Wege in den Zimmererberuf
Strukturierte Weiterbildungsangebote für Quereinsteiger sind im Handwerk insgesamt rar. Einarbeitung erfolgt häufig „on the job“, was viele Betriebe neben dem Tagesgeschäft kaum stemmen können. Quereinsteiger landen daher oft im Helferbereich. Wer einen klaren Berufsabschluss anstrebt, kommt um eine reguläre Ausbildung oder Umschulung in der Regel nicht herum.
Für den Beruf des Zimmerers gibt es in Berlin drei Wege – vergleichbare Angebote existieren auch in anderen Bundesländern:
- Klassische duale Ausbildung in einer Zimmerei. Eine Verkürzung auf zwei Jahre ist möglich. Wichtig: Mit der Neufassung der Ausbildungsverordnung für das Bauhauptgewerbe müssen laut aktueller Auskunft des Lehrbauhofs Berlin bei Ausbildungsverhältnissen ab dem 1. August 2026 die 13 Wochen Pflicht-ÜLU des 1. Ausbildungsjahres in den verbliebenen zwei Jahren zusätzlich absolviert werden. Auszubildende fehlen damit weitere 13 Wochen im Betrieb – ob Betriebe unter diesen Bedingungen noch verkürzen, ist fraglich.
- Knobelsdorff-Schule OSZ für Bautechnik (knobelsdorff-schule.de) – eine staatliche Schule, an der eine schulische Ausbildung zum Zimmerer und in weiteren Bauberufen möglich ist.
- GFBM (gfbm.de/umschulung/zimmerer_in) – eine gemeinnützige Einrichtung, die Umschulungen zum Zimmerer anbietet. Die Ausbildung dauert rund anderthalb Jahre. Praktische Phasen werden in Betrieben absolviert; die Prüfungen entsprechen denen der regulären Ausbildung.
Knobelsdorff-Schule und GFBM werden über staatliche Zuschüsse finanziert; für die Umschulung übernimmt die Agentur für Arbeit die Kosten der Schule. Für den Lebensunterhalt müssen ggf. weitere Leistungen der Agentur in Anspruch genommen werden.