Steinmetz- und Steinbildhauermeister Johannes Moser und Künstlerin Veronika Bianchi vereinen traditionelles Handwerk mit kreativer Bildhauerei. Für ihre riesigen, filigranen Skulpturen nutzen sie Marmorblöcke aus den Steinbrüchen, in denen schon Michelangelo sein Material fand.

Wie eine überdimensionale Visitenkarte überragt ein leuchtend weißer Engel die Grabmal-Ausstellung vor der Steinmetzwerkstatt Moser. Die knapp vier Meter hohe Skulptur aus Carrara-Marmor zeugt von der schöpferischen Kraft im Familienbetrieb. In Handarbeit individuell gestaltete Natursteine statt maschinell gefertigter Massenware. Steinmetz- und Steinbildhauermeister Johannes Moser und seine Partnerin Veronika Bianchi stehen als kreative Köpfe hinter dieser Philosophie.
Seit der Übernahme des Geschäfts vor vier Jahren verwandelt Johannes Moser die klassische Grabmal-Werkstatt seines Vaters in Heidenheim behutsam in ein künstlerisch ambitioniertes Bildhaueratelier mit einem Schwerpunkt auf individuell gestaltete Naturstein-Grabmale.
Im Schauraum empfängt eine weitere Skulptur von Veronica Bianchi die Besucher. Der lebensgroße weibliche Akt balanciert eine Kugel auf einem Seil. Equilibrium – Symbol für das Gleichgewicht in der Welt. Der schneeweiße Marmor der Figur hebt sich ab vom anthrazitfarbenen Calanca-Gneis dahinter. Die dunkle Steinwand zieren Vitrinen mit Bronzeskulpturen aus der Kunstgießerei Strassacker, die gelegentlich auf Entwürfe von Johannes Moser zurückgreift.
Zweite Lehre als Steinmetz an der Loire
Sein künstlerisches Talent hat der 41-jährige Steinmetz und Steinbildhauer schon kurz nach der Lehre als baden-württembergischer Landessieger im Wettbewerb "Die Gute Form" unter Beweis gestellt. Die Ausbildung zum Techniker und Meister in München beendete er als Jahrgangsbester in Bayern. Seine sehr guten Leistungen bescherten ihm mehrere Auslandsstipendien. Am stärksten inspiriert wurde er in der Pays de la Loire, jener für ihre Schlösser berühmten Region im Westen Frankreichs. "Ich war dort in der Denkmalpflege tätig, da wurde alles von Hand gemacht. Es war wie eine zweite Ausbildung", erinnert sich Moser an viele spannende Arbeiten. Für das klassizistische Rathaus von Angers, dem sogenannten Tor zum Loiretal, durfte er sogar die Parole der französischen Revolution in Stein meißeln: Liberté, Egalité, Fraternité.
Heute steckt Johannes Moser als Inhaber eines Handwerksbetriebs in einem Dilemma. Seine kreative Seite konkurriert mit der Verantwortung für eine zehnköpfige Belegschaft und den über viele Jahre aufgebauten Kundenstamm. Aufträge generieren, Baustellen koordinieren und Personal gewinnen rauben die Zeit für eigene Projekte. "Ich mache Entwürfe und sehe zu, wie sie umgesetzt werden", sagt Johannes Moser mit einem Hauch leichten Bedauerns, aber nicht unzufrieden. Im Austausch mit Veronika Bianchi bleibt der Firmenchef mit dem bildnerischen Kunsthandwerk verbunden.
Die slowakische Künstlerin hat ihren bürgerlichen Namen abgelegt. Mit Bianchi fasst sie ihre Leidenschaft in einem Wort zusammen: weißer Marmor aus Italien. Jedes Jahr verbringt sie mindestens einen Monat in Carrara. In den Steinbrüchen, in denen schon Michelangelo das Material für seine weltberühmte David-Statue fand, sucht auch sie nach geeigneten Marmorblöcken für ihre Skulpturen. In den Werkstätten der Region haut die zierliche Frau die tonnenschweren Quader grob in Form, damit sie vor dem aufwendigen Transport an Gewicht verlieren.
Ein Engel für Irland
So war es auch bei ihrer aktuellen Arbeit, einem Engel für die Seraph-Foundation, einer Stiftung der irischen Schriftstellerin Lorna Byrne. Von dem sechs Tonnen schweren Marmorblock für die 2,30 Meter hohe Figur hat Veronika Bianchi in Carrara die Hälfte abgetragen, bevor er an die Ostalb gebracht wurde. Hier modellierte sie in den vergangenen Wochen aus der groben Kontur den Engel. Filigrane Details wie die Finger will sie Ende des Jahres vor Ort in Irland formen. "Ich möchte mich mit jedem meiner Werke in der realistischen Darstellung verbessern", sagt Bianchi, die an der Akademie der Bildenden Künste in Prag und an der Akademie der Schönen Künste in Carrara studiert hat.

Nach Heidenheim fand die Künstlerin über eine Facebook-Gruppe, zu der sich weltweit rund 30.000 Steinbildhauer zusammengeschlossen haben. Johannes Moser nutzt das Netzwerk, um Handwerker für projektbezogene Aufträge zu finden. Im Falle von Veronika Bianchi sollte es nicht bei einem lebensgroßen liegenden Engel für ein Grabmal bleiben.
In anderen Fällen hat Moser über seine internationalen Kontakte wertvolle Mitarbeiter für seinen Betrieb gefunden. Zur Belegschaft gehören neben waschechten Schwaben und Bayern, wie der Firmenchef betont, auch Russlanddeutsche, Polen, Tschechen oder ein ukrainischer Flüchtling. "Ich habe sehr gute Erfahrungen mit Handwerkern aus Osteuropa gemacht. Dort gibt es eine große bildhauerische Tradition", weiß Moser von seinen Reisen durch die ehemaligen Ostblockstaaten, inklusive aller einstigen Sowjetrepubliken.
Harmonisches Verhältnis in der Belegschaft
Anfänglich kämpfte Johannes Moser bei seiner offenen Personalpolitik mit relativ hoher Fluktuation. Inzwischen habe sich die Mannschaft eingespielt. Für die ausländischen Mitarbeiter hat er einen Bauernhof gekauft, auf dem bis zu acht Leute günstig wohnen können. "Es muss vor allem menschlich passen", sagt Moser, der jeden Bewerber für eine Woche "Probeschaffen" lässt. "Tugenden wie eine schnelle Auffassungsgabe, mitdenken, hinterfragen und Eigeninitiative zeigen sind mir wichtiger als ein anerkannter Berufsabschluss." Moser achtet auf ein harmonisches Verhältnis in der Belegschaft, baut auf erfahrene Kollegen wie den 74-jährigen Kaminofenbaumeister Georg Simon genauso wie auf den Kfz-Lehrling, der sich nebenbei im Steinmetzbetrieb um den Fuhr- und Maschinenpark kümmert. "Auch wenn das keine Vollzeitkräfte oder ausgebildete Steinmetze sind, halten sie doch den Betrieb am Laufen", sagt Moser, der das Handwerksunternehmen in fünfter Generation führt.
Der Stolz des Seniorchefs im Steinmetzbetrieb
Gegründet wurde der Betrieb 1890, wenige Jahre nach der Blütezeit des Oolith-Abbaus in den nahe gelegenen Schnaitheimer Steinbrüchen. Der Kalkstein, der heute noch als Steinmehl in der chemischen und pharmazeutischen Industrie sowie in den Filteranlagen von Kohlekraftwerken zum Einsatz kommt, wurde unter anderem beim Bau des Wiener Rathauses verwendet. Wenn Seniorchef Karl Moser auf die Geschichte des Familienbetriebs zurückblickt, erfüllt ihn das mit Stolz. Genauso stolz ist er aber auch auf das, was sein Sohn nach der Betriebsübergabe aufgebaut hat. "Ich hoffe nur, dass er sich nicht übernimmt und auch an sein Privatleben denkt", sagt Karl Moser.
Zumindest hat Johannes eine Partnerin gefunden, mit der er seine Leidenschaft für figürliche Bildhauerei teilt. Die bislang größte Skulptur von Veronika Bianchi soll zu einer Art Aushängeschild der Firma Moser werden. Als Engel der Hoffnung symbolisiert sie den Wunsch des Inhabers, den Fokus seines Betriebes noch stärker auf die bildhauerische Gestaltung von Unikaten zu legen.