Bestattungskultur Das Trauerspiel um die Friedhöfe

Immer mehr Menschen suchen ihre letzte Ruhestätte außerhalb der traditionellen Friedhofsmauern. Bestatter und Steinmetze reagieren unterschiedlich auf den schleichenden, aber stetigen Wandel im Gedenken an die Verstorbenen.

Der Friedhof im Wandel der Trauerkultur
Durch den Wandel der Trauerkultur verliert der Friedhof an Bedeutung. - © Ulrich Steudel

Am Totensonntag gedenken die Gläubigen in den evangelischen Kirchen der Verstorbenen. An­schließend besuchen sie auf dem Friedhof das Grab ihrer Angehörigen. Aber diese Tradition verliert in dem Maße an Bedeutung, in dem die Trauerkultur sich verändert.

Seit vor 20 Jahren der erste Bestattungswald öffnete, schwindet die Bedeutung des klassischen Friedhofs. Immer mehr Menschen suchen ihre letzte Ruhestätte außerhalb des Gottesackers. Eine Entwicklung, die Bestatter wie Steinmetze spüren, auch wenn jedes Gewerk auf andere Weise betroffen ist. Während Steinmetze als Hersteller von Grabmalen stark vom Friedhof abhängig sind, zeigen sich Bestatter offen für Alternativen.

Feuerbestattung dominiert

"Die Abläufe einer Beerdigung im Bestattungswald sind ja die gleichen wie auf dem Friedhof. Nur die Entfernung ist größer", sagt Stephan Neuser. Der Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Bestatter (BDB) verfolgt wie alle der rund 3.200 Unternehmen der Branche, dass sich das Verhältnis zwischen Erd- und Feuerbestattung verschiebt. Über Jahrhunderte hinweg spielte die Feuerbestattung kaum eine Rolle. Inzwischen liegt ihr Anteil bei rund 72 Prozent, wie der BDB aus Befragungen von Mitgliedsunternehmen und Krematorien weiß.

Die Gründe dafür sind offenkundig: Viele Menschen wollen ihren Angehörigen die Grabpflege nicht aufbürden. Familien bleiben nicht mehr über Generationen hinweg beisammen. Jugendliche verlassen für Studium, Berufsausbildung oder Arbeitsstelle ihre Heimat. Gläubige kehren der Kirche den Rücken. Der Wandel von der Erd- zur Feuerbestattung vollzieht sich von Nord nach Süd, von Ost nach West und von der Stadt aufs Land. In ostdeutschen Großstädten werden inzwischen deutlich mehr als 90 Prozent der Leichname eingeäschert – eine Quote, die früher undenkbar gewesen wäre.

Naturbestattungen im Kommen

Das erste deutsche Krematorium wurde 1871 in Gotha eingeweiht, heute gibt es rund 160 bundesweit. Und seit der Eröffnung des ersten Friedwaldes bei Kassel im Jahr 2001 steigt die Nachfrage nach einer Bestattung in der Natur. Allein die Friedwald GmbH als Marktführer in diesem Segment unterhält inzwischen 76 Bestattungswälder mit einer Fläche von rund 3.700 Hektar. Mehr als 152.000 Verstorbene haben in einem der Friedwälder ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Noch gilt mit Ausnahme von Bremen in allen Bundesländern die Friedhofspflicht. Das heißt, die rund drei Kilogramm Asche, die bei der Kremation anfallen, müssen komplett auf einem Friedhof beigesetzt werden. Wobei die Bestattungswälder als Friedhöfe gelten, entsprechend gewidmet von den zuständigen Gemeinden. Doch die Nachfrage nach Alternativen steigt: So wollen Hinterbliebene aus der Asche ihrer verstorbenen Angehörigen einen Erinnerungsdiamanten fertigen lassen. Andere wünschen sich Alpen-, Fluss-, Ballon- oder sogar Weltraumbestattungen. "Dafür muss aber die Asche ins Ausland überführt werden. Dann gilt das dortige Recht", betont BDB-Generalsekretär Neuser. Und das ist zum Beispiel in den Niederlanden, in der Schweiz oder in Tschechien liberaler als in Deutschland.

Jüngster Trend: Tree of Life

Den Umweg über das Ausland erfordert auch die Idee von Tree of Life. Dabei wird ein Teil der Asche mit einem Erdsubstrat vermischt und darin ein Baum aufgezogen. Indem er beim Wachsen die Asche aufnimmt, schließt sich für die Anhänger dieser Idee sinnbildlich der Kreislauf des Lebens. Nach einem halben Jahr kann der Baum nach Deutschland gebracht und in einem Erinnerungshain oder auch im eigenen Garten gepflanzt werden. „Das ist alles rechtskonform, da die Asche aus- aber nicht wieder eingeführt wird“, sagt Wolfgang Ruland, Obermeister der Bestatter-Innung Sachsen-Anhalt, in der das Unternehmen Tree of Life aus Seehausen in der Altmark Mitglied ist.

Allerdings bewege sich die Nachfrage nach solchen Bestattungen noch im Promille-Bereich, so Ruland. Der Anteil der klassischen Waldbestattungen liege landesweit zwischen zwei und drei Prozent, in seinem eigenen Unternehmen, dem Bestattungsinstitut Weinecker und Görsch in Bernburg, bei nur einem Prozent. „Aber die Nachfrage steigt, auch weil das Ursprungsbild der Familie durch Globalisierung, Mobilität und zunehmendem Atheismus längst aufgebrochen ist“, sagt Ruland.

Steinmetze setzen auf Qualität und Beratung

Anders als die Bestatter bleiben die Steinmetze und Steinbildhauer bei Beisetzungen außerhalb des Gottesackers außen vor. Zwar können sie sich zum Beispiel im Garten- und Landschaftsbau oder Denkmalschutz wieder mehr Geschäftsfelder suchen, aber Grabmale gibt es nur auf klassischen Friedhöfen. Doch auch dort vollzieht sich ein Wandel, wie Wolfgang Jakob betont. "Früher habe ich hauptsächlich Doppelsteine für Familiengräber hergestellt. Urnengräber waren die Ausnahme. Heute bearbeite ich noch ein bis zwei Doppelsteine im Jahr", sagt der Steinmetzmeister aus Gundelfingen.

Prämierte Urnenplatte
"Wie schön muss es erst im Himmel sein, wenn er von außen schon so schön aussieht" - Zitat von Astrid Lindgren auf einer prämierten Urnenplatte von Steinmetzmeister Wolfgang Jakob. - © privat

Sein Umsatz sei trotzdem nicht zurückgegangen, vor allem weil er strikt auf handwerkliche Qualität und ausführliche Beratung setzt. "Ich kann die Leute nicht ändern, aber ich kann die Hinterbliebenen begleiten. Auch kleine Grabplatten lassen sich individuell ansprechend gestalten. Dieser Herausforderung stelle ich mich gern", sagt Jakob, der noch einen weiteren Meister und einen Lehrling beschäftigt und sich als Obermeister der Innung Freiburg auch ehrenamtlich für seinen Berufsstand engagiert.

Eine seiner Urnenplatten wurde beim diesjährigen Gestaltungswettbewerb Grabzeichen prämiert. "Sie ist auf dem Friedhof in Freiburg-Hochdorf bodenbündig verlegt, sodass man mit dem Rasenmäher darüberfahren kann", erklärt Jakob, der 80 Prozent seines Umsatzes mit Grabmalen erzielt. "Der Friedhof ist mein Hauptstandbein."

Viele Freiflächen auf Friedhöfen

Das geht vielen seiner Kollegen so. Deshalb sorgt man sich auch beim Bundesinnungsverband (BIV) um die Friedhöfe. Zwar gehört die Friedhofskultur in Deutschland seit März 2020 offiziell zum Immateriellen Kulturerbe der Unesco, doch gerettet ist sie damit keineswegs. „Durch die vielen Alternativen entstehen auf den Friedhöfen viele Freiflächen, die gepflegt werden müssen. Leider versuchen viele Kommunen, den zusätzlichen Aufwand über höhere Gebühren zu finanzieren. Das beschleunigt die Abwärtsspirale, weil die Gräber zu teuer werden“, fürchtet BIV-Geschäftsführerin Sybille Trawinski. 

Viele gestalterisch orientierte Steinmetze versuchen derweil mit ihren Arbeiten, dem Trend zur Verödung der Friedhöfe durch anonyme oder halbanonyme Grabstellen entgegenzuwirken. Mustergräber auf den Bundes- und Landesgartenschauen zeugen davon. Zur diesjährigen Bundesgartenschau in Erfurt stellte der BIV mit "Cubo Begegnungen" zudem ein Konzept vor, das Menschen in einen öffentlichen und doch geschützen Raum zum Innehalten und Nachdenken einladen soll – und das nicht nur auf dem Friedhof.

Ruhe-Inseln für den öffentlichen Raum

Mit dem Projekt "Cubo Begegnungen" reagiert der Bundesverband Deutscher Steinmetze (BIV) auf den Wandel in der Trauerkultur. "Wir wollten ein räumliches Gestaltungskonzept für einen Ort der Besinnung entwerfen, das auch außerhalb des Friedhofs funktioniert", sagt Steinmetzmeister Detlef Kleineidam, einer der Initiatoren des Projektes.

Entwickelt wurde "Cubo Begegnungen" von Mitgliedern des Arbeitskreises "Friedhof und Grabmal" im BIV bei einem Workshop im Kompetenzzentrum für das Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk in Wunsiedel. Umschlossen von einer quadratischen Stahlrahmenkonstruktion von 3 × 3 m und 2,5 m Höhe entstand ein Kubus mit Stelen aus verschiedenen Natursteinen mit integrierten Symbolen. Für einen weiteren Kubus verwendeten die Gestalter ausschließlich Ste­len aus Jurakalkstein, die über einen durchlaufenden Spruch und einer Wellenlinie zur Einheit werden.

"Cubo Begegnungen" - das neue Gestaltungskonzept des Steinmetzhandwerks
"Cubo Begegnungen": Das neue Gestaltungskonzept des Steinmetzhandwerks soll nicht nur auf Friedhöfen einen Rückzugsort zur Kontemplation bieten. - © Bundesverband Deutscher Steinmetze

Gedacht sind die begehbaren und mit Sitzgelegenheiten ausgestatteten Kuben als Ruhe-Inseln, in denen Be­sucher ihre Ge­danken fließen lassen und Kraft schöpfen können. Hier sollen sie trauern können oder auch nur abschalten vom Alltag. "Cubo Begegnungen" biete einen geschützten Raum, um sich zu erinnern, Pläne zu schmieden, mit anderen oder mit sich selbst ins Gespräch zu kommen, kurz: ein Ort für Begegnung, aber auch für das Alleinsein.

"Cubo Begegnungen" ist eine eingetragene Marke des Bundesverbandes Deutscher Steinmetze, der Lizenzen dafür ausschließlich an Innungsbetriebe vergibt. Erstmals öffentlich präsentiert wurden die beiden Kuben auf der Bundesgartenschau (Buga) in Erfurt. Die Idee eines Raumkonzepts, das nicht nur auf dem Friedhof seine Berechtigung hat, scheint aufzugehen. So plant ein Garten- und Landschaftsarchitekt, eine Wohnanlage im hessischen Bischofsheim mit zwei Cubo auszustatten.

Derweil plant Detlef Kleineidam schon den nächsten Cubo. "Zusammen mit den Kollegen vom Gestaltungskreis ,Kurpfalzgilde‘ werden wir einen Cubo aus recyceltem Material entwerfen, der 2023 zur Buga in Mannheim zu sehen sein wird", sagt der Steinmetzmeister aus dem nahegelegenen Ilvesheim.