Interview zum Wandel in der Trauerkultur Friedhofszwang: Über temporäre Ausnahmen nachdenken

Dirk Pörschmann, Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel, plädiert für eine gesellschaftliche Debatte, die die Finanzierung der Grabstätten einschließt.

Dirk Pörschmann, Experte für Trauerkultur
Der Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel, Kunsthistoriker Dirk Pörschmann, gilt als ausgewiesener Experte für Trauerkultur. - © Anja Köhne

Herr Pörschmann, immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. Welche Bedeutung hat diese Abkehr vom Glauben für die Trauerkultur?

Dirk Pörschmann: Wenn viele Menschen einer Religionsgemeinschaft angehören, entwickeln sich kollektive Rituale, die den Hinterbliebenen im Schock nach dem Tod eines Angehörigen eine Art Handlungsanweisung bieten. Ohne den Rahmen der Religion müssen die Betroffenen in dieser schwierigen Situation selbstverantwortlich handeln. Leider leugnet der Mensch ja gerne seine Sterblichkeit und ist oft nicht bereit, sich mit der Endlichkeit seiner Lebenszeit zu beschäftigen. Wer sich aber nicht mit dem Thema auseinandersetzt, ist schnell überfordert. Das birgt die Gefahr, dass es nicht gelingt, den Abschied so zu gestalten, dass er in einer heilsamen Weise die eigene Trauer begleitet. Nichts ist schlimmer, als wenn so ein Abschied missglückt oder gar nicht stattfindet. Dann kann die Trauer von Anfang an gestört sein. Eine Abkehr vom Glauben bedeutet gleichzeitig mehr Eigenverantwortung.

Durch die Corona-Pandemie durften Trauerfeiern und Beerdigungen nur unter sehr strengen Auflagen stattfinden. Abschied nur im engsten Familienkreis, Anteilnahme ohne Nähe. Welche Auswirkungen auf die Trauerkultur befürchten Sie angesichts dieser Erfahrungen?

Es gab ja schon vor Corona die Tendenz, Trauerfeiern nur im engsten Familienkreis abzuhalten, ohne Leichenschmaus oder Beileidsbekundungen am Grab. Aber in der Pandemie ist das viel klarer geworden, da es auf einmal durch Verordnungen von außen oktroyiert wurde.

Darauf gab es zwei Reaktionen: Die einen fanden es furchtbar, weil sie in einer körperlichen Herzlichkeit den Trauernden Trost zusprechen möchten oder dass möglichst viele Bekannte des Verstorbenen anwesend sind, um gemeinsam Abschied zu nehmen. Über das Vermissen dieser Möglichkeiten, setzte plötzlich das Bewusstsein dafür ein, wie wichtig solche Abschiedsrituale für die eigene Trauer sind. Den anderen war dies ganz recht, weil sie sich ohnehin unwohl fühlten, bei ihrer Trauer am Grab von so vielen Menschen umgeben zu sein. Ich glaube, dass da eine Polarisierung stattgefunden hat. Die einen realisieren, was sie vermisst haben und in Zukunft umso mehr wollen. Und den anderen ist klar geworden, dass ihnen das so immer schon lieber gewesen ist.

Eine Mehrheit der Deutschen sprach sich laut einer Umfrage von Aeternitas schon vor zehn Jahren gegen den Friedhofszwang aus. In Nachbarländern wie den Niederlanden, Tschechien oder der Schweiz gelten längst liberalere Regelungen. Wie stehen Sie dazu?

Grundsätzlich finde ich es gut, dass ein Beisetzungsort für eine Urne ein öffentlicher Ort ist. Wenn die Urne zuhause steht, grenzt man einen großen Personenkreis aus, der ein Grab besuchen möchte. Und was passiert zum Beispiel, wenn ein neuer Partner ins Leben tritt? Bleibt die Urne auf dem schönen Sims im Wohnzimmer oder wandert sie vielleicht doch in den Keller? Und wenn der Hinterbliebene auch verstirbt, taucht sie dann bei der Haushaltsauflösung wieder auf? Ich kann mir zum Beispiel gut vorstellen, dass man eine Urne für eine be­stimmte Zeit bei sich zuhause hat und sie dann auf einem Friedhof beisetzt. In Holland wird das von vielen Hinterbliebenen praktiziert. Man könnte also durchaus über temporäre Möglichkeiten nachdenken.

Ist der Friedhofszwang denn überhaupt noch zeitgemäß?

Der Friedhofszwang hat ja auch etwas Seltsames. Einerseits müssen wir unsere Verstorbenen an ausgewiesenen Orten beisetzen. Gleichzeitig kostet das Geld. Darin sehe ich eine Diskrepanz. Es wäre wichtig, gesellschaftlich darüber nachzudenken, ob es bei einem Friedhofszwang nicht konsequenter wäre, wenn niemand für seine letzte Heimat bezahlen muss. Mit dem Wegfall des gesetzlichen Sterbegeldes vor vielen Jahren hat ja auch ein ökonomisches Betrachten der Sepulkralkultur eingesetzt. Was empfinden Hinterbliebene, die bei der Bestattung aufs Geld schauen müssen? Wir sollten den Friedhofszwang gesellschaftlich diskutieren, aber dabei unbedingt das Thema der Finanzierung der Grabstätten mit einbeziehen.

Bestattungsinstitute werden immer öfter mit dem Wunsch nach alternativen Bestattungsformen konfrontiert. Kann der Weg der Asche der Verstorbenen über das Ausland eine dauerhafte Lösung sein?

Natürlich nicht. Aber die Leute finden nun mal Möglichkeiten, sich einen Erinnerungs­diamanten in der Schweiz herstellen zu lassen oder die Urne zu reimportieren, auch weil es keine Strafverfolgung gibt. Ich halte es nicht für sinnvoll, wenn wir als Gesellschaft Regeln aufstellen und gleichzeitig die Augen zudrücken, wenn sie nicht eingehalten werden. Deshalb brauchen wir einen öffentlichen Diskurs über diese Regeln und die Konsequenzen einer möglichen Änderung. Und das in 16 Bundesländern, denn wir sprechen hier nicht über Bundesrecht.

Grabmale sind ein wichtiges Standbein für Steinmetze. Wie wird sich dieser Geschäftszweig durch die sich wandelnde Trauerkultur entwickeln?

Die Zeiten des Friedhofs als Monopol sind vorbei. Wenn Steinmetze ihre handwerklichen Fähigkeiten dazu nutzen, um im Dialog mit den Hinterbliebenen ein persönliches Grabmal zu entwickeln, kann das schon ein wichtiger Teil der Trauerarbeit sein. Und am Grab steht dann keine Stangenware, also die berühmte Seelenrutsche mit einem Stein aus Asien, sondern ein individuell gestaltetes Zeichen der Erinnerung. Aber das hat seinen Preis. Deshalb sollte es auch gutes Design aus Stangenware für Gemeinschaftsgräber geben. Wir kennen das von Ikea. Das hat zwar nichts mehr mit klassischem Handwerk zu tun, wird aber vom Steinmetz produziert. Damit kann ein Mindestmaß an Grabgestaltung der Tendenz zu anonymen oder halbanonymen Bestattungen entgegengesetzt werden.

Wie reagiert das Museum für Sepulkralkultur auf den Wandel in der Trauerkultur?

Wir sind ja quasi Profiteur dieser Veränderungen. In einer Ge­sellschaft, in der Sepulkralkultur allgegenwärtig ist, da muss sie ja nicht ins Museum. Früher war das Thema Vergänglichkeit in jedem Gottesdienst präsent und die Leute haben anschließend die Toten auf dem Friedhof besucht. Wenn das nicht mehr stattfindet, wandert dieses Thema in die kulturelle Bildung, ins Museum. Wir widmen uns solchen Fragen, wie wir mit dem Leben, Sterben und Tod so umgehen, dass wir daran nicht verzweifeln und Umgangsformen finden, die keine Verleugnung unserer Endlichkeit zulassen. Demnächst steht eine grundlegende Sanierung des Museums an, die wir auch für eine Aktualisierung der Dauerausstellung nutzen, wo wir Themen wie Suizid oder Organspende aufnehmen werden. Außerdem soll die pädagogische Arbeit weiter gestärkt werden. Immerhin sind 40 Prozent unserer Besucher Kinder und Jugendliche.