TV-Kritik: MDR - „Exakt - die Story“ über Kurzarbeit Wie Kurzarbeit Unternehmer und Angestellte belastet

Sie ist in der Corona-Pandemie zu einer Konstante geworden: die Kurzarbeit. Millionen Deutsche arbeiten weniger als normalerweise und erhalten dafür vom Staat anteiligen Lohnersatz. Was das für die Betroffenen bedeutet, wird selten im Detail klar. Umso verdienstvoller, dass sich der MDR in der Reihe „Exakt - die Story“ dieser Schicksale abseits der täglichen Inzidenzzahlen angenommen hat.

Millionen Menschen wurden vor einem Jahr in die Kurzarbeit geschickt - in der Hoffnung auf baldige Normalität. Monate später ist noch immer keine Änderung in Sicht. - © Tobias Arhelger - stock.adobe.com

Von Markus Riedl

Der Messebau dürfte zu den am stärksten von den Lockdowns betroffenen Branchen zählen. Er ist ein Lehrbeispiel dafür, wie eine gut laufende Branche durch die Entscheidungen der Politik im Zuge der Corona-Pandemie immer mehr unter die Räder kam. So erging es auch Regine Feistel, Prokuristin bei M3 Messebau in Magdeburg. Es sei so gewesen, als ob man auf der Autobahn bei Tempo 180 eine Vollbremsung mache, sagt sie in der MDR-Dokumentation „Land in Kurzarbeit“. Arbeit war genug da, soll das heißen, bis der erste Lockdown im März 2020 kam. Seither ist der Fall im Messebau klar: Keine Messen, kein Geschäft.

Der Messebau: Die „Dellen“ wieder ausgleichen

In ihrer Not haben Regine Feistel und der Geschäftsführende Gesellschafter Frank Baumann zumindest in Teilen umgesattelt. Die hauseigene Schreinerei baut keine Messestände, sondern Spuckschutz-Abtrennungen aus Plexiglas für Ladentheken. Es herrscht natürlich angesichts der großen Ausfälle überall Kurzarbeit, und dennoch ist die Stimmung in der Firma gut, man tut eben, was man kann. Einige Experten halten Corona sogar für eine große Chance, dazuzulernen und neue Geschäftsfelder zu erschließen, so wie es M3 etwa mit den Abtrennwänden getan hat.

Baumann sagt, dass auch nach Corona „Dellen“, wie er es formuliert, bleiben werden. Seine Aufgabe als Geschäftsführer sei es nun, diese Dellen auszugleichen, etwa durch den Bereich Tischlerei, Ladenausbau, Innenausbau. „Da haben wir uns ganz gut profiliert“, sagt Baumann. Dennoch, die Auftragslage, sie bleibt sehr bescheiden.

Die Kurzarbeit - sie ist eigentlich ein bewährtes Instrument. Im Zuge der Finanzkrise war sie vielfach als probates Mittel gelobt worden, wie der MDR richtig feststellt - ja, Deutschland wurde weltweit darum beneidet. Damals jedoch war man sich einig, dass es sich um eine Übergangslösung handeln würde - in der Corona-Krise ist das zwar dem Grunde nach auch so, doch manchmal ist man nicht so sicher, ob das auch überall - bei der Politik, aber auch bei so manchem Unternehmen - so angekommen ist.

Die Behörden: Die Antragsflut bewältigen

Bei den Behörden jedenfalls kam die sich zuspitzende Situation schon im Frühjahr und Sommer 2020 an. Die Antragszahlen in Sachsen-Anhalt hätte sich verfünfundsechzigfacht, erläutert Simone Meißner von der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen der Bundesagentur für Arbeit. Dort seien alle Kapazitäten zusammengezogen und binnen weniger Tage Schulungen abgehalten worden, um die Antragsflut beim Kurzarbeitergeld bearbeiten zu können. Doch nicht nur das Auszahlen des Geldes sei eine wichtige Aufgabe, sondern auch, die Arbeitgeber auf mögliche Fortbildungen im Rahmen der verringerten Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter hinzuweisen. Dieses Angebot werde aber nur wenig wahrgenommen. Sechs Prozent der Arbeitgeber würden hier aktiv, blendet der MDR ein.

Der Hotelier: „Die Angst ist da“

Viel häufiger kommt es hingegen vor, dass die Kurzarbeiter beruflich umorientieren oder zumindest nach einem anderen Job umsehen. Das trifft vor allem die Branchen hart, die ohnehin keine besonders hohen Löhne zahlen und in denen die Angestellten mit dem Kurzarbeitergeld nur noch schwerlich über die Runden kommen.

Hotelier Daniel Winkelmann aus Aschersleben in Sachsen-Anhalt etwa berichtet, dass zwei seiner Mitarbeiterinnen bereits Nebenjobs begonnen hätten - eine davon im örtlichen Supermarkt, wo er sie auch schon mal persönlich treffe. Doch auch Winkelmann selbst ist in Kurzarbeit. „Die Angst ist schon da, dass jemand sagt, ich verlasse die Branche, denn das ist mir zu unsicher“, sagt er.

Der angestellte Koch: „Man wird einfach faul“

Während Winkelmann die Zeit für Renovierungen in Hotel und Küche nutzt, hat sein Küchenchef Ronny Ochsendorf in Kurzarbeit noch andere Probleme. Er kocht zu Hause mit Hingabe, kann es aber kaum erwarten, wieder in der Hotelküche zu stehen. Er will dem Hotel die Treue halten, aber er gibt auch zu: „Man wird einfach faul. Man liegt auf dem Sofa, zappt was weiß ich durch, geht mal mit dem Hund raus, aber einen wirklichen Plan habe ich nicht.“ Es fühle sich letztlich an wie Arbeitslosigkeit. Die Stimme aus dem Off sekundiert, er fühle sich durch die Kurzarbeit in seiner Wohnung gefangen.

Selten gezeigte Perspektiven abseits der Inzidenzzahlen

Die MDR-Journalisten fangen in diesem Moment der Doku gekonnt die Perspektive von zahlreichen Selbstständigen, aber auch Angestellten in Deutschland ein. Die Kurzarbeit kann auch verdammt langweilig sein, sie zwingt Menschen zur Untätigkeit, frustriert und nimmt jegliche Hoffnung.

Auch das sind die Folgen der Lockdowns, wie sie leider abseits von täglichen Inzidenz- und Infektionszahlen viel zu selten geschildert werden - gerade im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der sich einen Blick links und rechts der für die Politik relevanten Werte nicht allzu oft erlaubt. Der MDR ist hierbei allerdings wie so oft eine positive Ausnahme. Erst kürzlich hatte er in einer Talkshow die Schicksale abseits der direkt von der Krankheit betroffenen Menschen gezeigt und auch einer emotional argumentierenden Unternehmerin Raum für ihre Position gegeben.

Umfassende, tiefgehende Dokumentation

Flankiert wurde die Erzählung der menschlichen Schicksale durch eine Chronik der politischen Entscheidung rund um die Kurzarbeit - von deren leichterer Zugänglichkeit über Erhöhungen für bestimmte Arbeitnehmer bis hin zu deren Verlängerung bis Ende 2021. So wurde den Arbeitgebern und Arbeitnehmern immer wieder klar gemacht, dass das Geld in großem Umfang da sei. Natürlich - wenn der Staat ganze Branchen schließt, muss er dies auch kompensieren. Doch die triste Grundstimmung der MDR-Doku machte klar, dass sich die wenigsten wohl darüber freuen, in Kurzarbeit zu sein. Vielmehr frustriert dieser Zustand viele Menschen.

Die umfangreich und tiefgehend angelegte Sendung rundete schließlich das Thema Missbrauch der Kurzarbeit ab. Die Rede war von Unternehmen, die zwar Mitarbeiter in Kurzarbeit schickten, aber dieselbe Arbeitsleistung erwarteten. Der häufigste Vorwurf: Es werde Kurzarbeit angemeldet, obwohl genauso viel Arbeit da sei wie vor der Corona-Krise und die Mitarbeiter teils sogar mehr arbeiten müssten als zuvor.

Laut BA-Mitarbeiterin Meißner falle dies in den meisten Fällen bei der Abschlussprüfung auf, etwa wenn der Umsatz trotz 80 Prozent Kurzarbeit gleichgeblieben sei. Für Katja Nebe, Professorin für Arbeitsrecht an der Universität Halle, ist der dadurch entstehende rein volkswirtschaftliche Schaden nicht das wichtigste Problem, sondern der Umstand, dass so Unternehmen, die eigentlich nicht wettbewerbsfähig wären, am Markt gehalten würden.

Traurige Schicksale im Lockdown

Für Messebauerin Regine Feistel und ihre Firma gilt das nicht, sie wurden brutal aus dem Geschäft gerissen - genau wie Hotelier Winkelmann und sein Küchenchef. Bilanzminus, verschenktes Jahr, die zerstörte Arbeit von Jahren - all diese Begriffe fallen in der Doku und zeigen, welche Schicksale die Lockdowns landauf, landab hervorgebracht haben.

Am Ende sitzt Winkelmann, den Tränen nahe, vor der Kamera. Es sei nicht nur schlimm, dass Geld weg sei, sagt er wohl stellvertretend für viele hart arbeitende Menschen, ob Angestellte, Firmenchefs oder Selbstständige - sondern „Arbeitszeit, Herzblut, sein Leben“.

Die komplette Sendung können Sie sich hier ansehen.