TV-Kritik: MDR – "Fakt ist!" über das Schicksal unserer Städte in der Corona-Krise Emotionale Talkshow zeigt Gräben in der Gesellschaft auf

Langsam aber sicher wird immer mehr Menschen klar, welch gravierende Folgen die Corona-Krise und die Lockdowns auch für ihr direktes Lebensumfeld haben – allen voran in den Städten. In "Fakt ist!" im MDR ging eine Talkrunde diesem Thema auf den Grund. "Todesstoß für sterbende Städte – Corona als letzter Sargnagel" lautete der Titel – und die Diskussion war in der Tat emotional, vor allem, weil eine Selbstständige Klartext sprach.

Markus Riedl

In der TV-Talkshow "Fakt ist!" des MDR ging es um das Schicksal unserer Städte in der Corona-Krise. - © jokuephotography - stock.adobe.com

Die Konferenz der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin war gerade für Einzelgespräche unterbrochen, die politische Selbstdarstellung feierte in Berlin fröhliche Urständ, und von irrwitzigen Oster-Lockdowns war noch nichts bekannt, als in Erfurt die traurige Realität zur Sprache kam. Die Talkshow "Fakt ist!" des MDR ist von jeher so aufgebaut, dass Stimmen von "normalen" Menschen die Aussagen der anwesenden Politiker kontrastieren. Das führt zu mitunter turbulenten Gesprächsverläufen, die von gleich zwei Moderatoren, Andreas Menzel und Lars Sänger, eingefangen werden sollen. Am Montagabend gelang das teils nur mit einiger Mühe, denn es ging in den Gesprächen um nicht weniger als die Existenz von Unternehmern und die Zukunft der Städte, in denen sie ihr Geld verdienen.

Der emotionalste Auftritt

Viel Wut und Emotion versprühte denn auch Anja Scheinpflug, eine Boutique-Inhaberin aus Erfurt. Sie sprach aus, was wohl auch viele Selbstständige im Handwerk, gerade in den vom Lockdown besonders betroffenen Gewerken, denken. Ihr sei in den vergangenen Monaten der Glaube an dieses Land abhanden gekommen, sagte sie, und richtete sich direkt an den ebenfalls im Studio anwesenden Chef der Thüringischen Staatskanzlei, Benjamin-Immanuel Hoff (Linke): "Weder Handel noch Gastronomie noch Teile der Veranstaltungsbranche sind Treiber der Pandemie. Dennoch wird mir der Boden unter den Füßen weggerissen. Es sind grobe Fehlentscheidungen, die hier getroffen wurden."

Das saß, und Scheinpflug brachte damit die große Unzufriedenheit, ja die Verzweiflung auf den Punkt, den nicht nur viele Selbstständige, sondern auch immer mehr andere Bürger angesichts des grassierenden Versagens von weiten Teilen der Politik empfinden. Impfen, Testen – es läuft gerade schlecht, nur bei der Verhängung immer neuer Beschränkungen gibt es eine gewisse Kreativität. Die Antwort von Hoff bestand denn auch im Wesentlichen darin, darzustellen, dass er mehrere Ansichten unter einen Hut bringen müsse und keine Einzelstimmen vollumfänglich berücksichtigen könne. Freilich stellte sich die Frage, inwiefern eine Geschäftsinhaberin aus einer deutschen Großstadt in diesem Lockdown eine Einzelstimme sein kann, der doch so viele kleine Selbstständige existenziell betrifft. Ansonsten verstieg sich Hoff noch in die üblichen Floskeln, wonach die Situation schwierig für alle Beteiligten sei. Gegen die ehrliche Wut der Boutique-Betreiberin kam er damit allerdings nicht an.

Der analytischste Auftritt

Bernadette Spinnen, die Vorsitzende der Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland, hatte im Gegensatz zu diesem emotionalen Teil den Part der Analystin der Zukunft der Städte inne. Sie stellte die Situation ebenfalls drastisch, aber in ruhigeren Worten und mit einem grundsätzlich hoffnungsvollen Blick dar. Der Online-Handel habe ohnehin schon einen Transformationsprozess in den Innenstädten in Gang gesetzt, der nun allerdings durch Corona "disruptiv" werde. Weil viele Menschen derzeit aus den großen Städten sich Richtung Umland orientieren, könnten kleinere Zentren abseits der großen Metropolen aber durchaus reüssieren. Es gehe dabei gar nicht mehr in erster Linie ums Einkaufen, sondern darum, dass die Innenstädte vielmehr Erlebnisorte würden, in denen die Menschen sich wohlfühlten und gerne aufhielten.

Ob das auch eine Chance für die Städte sein könnte, wollte der Moderator wissen. Dem schloss sich Hoff nicht an, denn das gehe mit Blick unter anderem auf Scheinpflug an der Lebensrealität der Betroffenen vorbei. Allerdings sei der großflächige Einzelhandel außerhalb der Innenstädte schon seit Jahren gewachsen und habe den Handel in den Städten bedrängt. Der Strukturwandel sei mithin schon länger am Laufen. Stadtplaner Lars Bölling ergänzte, dass die Innenstädte auch wieder zu Wohnquartieren werden könnten, was derzeit nicht überall der Fall sei, denn die vielen Händler hätten auch Bewohner verdrängt. Hoff sekundierte, dass dies ein wichtiger Punkt der Stadtplanung sei. Wohnraumförderung und Aufenthaltsqualität gerade für Familien seien mit Blick auf reine Handelskultur lange vernachlässigt worden. Da schwang auch die Kfz-Werkstatt oder der Friseur mit, den es dann vielleicht auch nicht mehr geben werde, und die Diskussion lief plötzlich in eine komische Richtung. Boutique-Besitzerin Scheinpflug reagierte daher nicht ganz unverständlicherweise gereizt und fragte sinngemäß, ob ihre Existenz zum Wohle der Stadtplanung geopfert werden solle.

Der wütendste Auftritt

Ihre Wut auf die Politik, die den Selbstständigen in der Krise ja wirklich bislang kaum geholfen hat, kulminierte in der Frage an den Chef der Staatskanzlei, ob er auch mal trotz voller Arbeit keinen Lohn bekommen möchte. Das war ein wenig unsachlich, wurde von den Moderatoren auch relativiert, änderte aber nichts daran, dass Scheinpflugs Aufregung sehr verständlich war und im Kern auch begründet, zumal angesichts der Krise offenbar politische Kräfte ihre Chance sehen, die Innenstädte in ihrem Sinne vom "Konsum" zu befreien – mit allen wirtschaftlichen Folgen. In TV-Talkshows war das viel beschriebene Kippen der Stimmung, der Graben zwischen Menschen, die ihren Lebensunterhalt auf eigenes Risiko und mit selbst erwirtschafteten Mitteln bestreiten und derzeit keinerlei Einnahmen haben, und solchen, die etwa im Staatsdienst – wie Politiker – besser abgesichert sind, selten zu emotional zu besichtigen.

Der bizarrste Auftritt

Geradezu abwegig wirkte in diesem Zusammenhang die Argumentation von Sindy Malsch, die 2018 für die Satirepartei "Die Partei" für den OB-Posten in Erfurt kandidiert hatte und nun ein Plädoyer für stark veränderte Innenstädte hielt, ohne Handel, mit mehr Grün und Freiräumen. Das war an sich nicht das Problem, aber ihr Kernargument, sie werde in den derzeit existierenden Innenstädten "zum Konsum gezwungen", hatte doch nicht die nötige Flughöhe für eine ernsthafte Diskussion in Zeiten, in denen kleine Händler, Gastronomen, aber auch etwa Handwerker, die mit diesen zusammenarbeiten – etwa die Brauer -, darben müssen. Woher denn die schönen Grünflächen kommen sollten, wenn die Läden weg sind und keiner mehr Steuern bezahlt, wollte Boutique-Besitzerin Scheinpflug von Malsch wissen – zurück kam wenig außer der Hinweis auf Amazon, das doch endlich mal auch Steuern zahlen solle.

Die Absurdität des Abends lieferte dann noch Holger Gimpel, Schuhhändler aus Eisenach. Ihm sei es verboten, Schuhe für Erwachsene im Laden zu verkaufen, aber Kinderschuhe – ohne große Margen – dürften verkauft werden. Der Landrat des Thüringer Kreises Nordhausen, Matthias Jendricke (SPD), balgte sich mit Staatskanzleichef Hoff um Tests und Kontaktverfolgung, und der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD) übte sich in Diplomatie und warb für Modellprojekte mit Tests wie in Tübingen unter OB Boris Palmer (Grüne), sodass Innenstädte wieder öffnen dürften.

Das Fazit

Was blieb? Die lebhafte, teils sehr emotionale, aber eben auch ehrliche und ungeschminkte Diskussion brachte jedenfalls einige Einsichten mehr zutage als so manche bundespolitiklastige Runde im ARD-Hauptprogramm. Es brodelt in diesem Land, das wurde recht deutlich. Und am Ende stand, dass es im Handel, aber daran angeschlossen auch in manchen Gewerken, derzeit wirklich um alles geht. Ob man mit "Click&Collect" oder "Click&Meet" überleben könne, wollte einer der Moderatoren schließlich von Boutique-Besitzerin Scheinpflug wissen. Die Antwort war so knapp wie ernüchternd: "Nein!" Und als sie dann am Dienstag von dem harten Oster-Lockdown hörte, dürfte sich Scheinpflugs Stimmung nicht gerade verbessert haben.

Die komplette Talkshow finden Sie in der MDR-Mediathek.