Gesundheit -

Neue Warnhinweise für Staubpartikel Wie gefährlich ist Titandioxid? – Farbpigment mischt EU-Politik auf

Titandioxid macht Farben und Lacke weiß. Die Europäische Chemikalienagentur hat es als krebsverdächtig eingestuft. Nun wird über neue Warnhinweise für Staubpartikel diskutiert. Die Folge neuer Kennzeichnungen wäre auch eine neue, große Menge Sondermüll.

Es kann sein, dass bestimmte chemische Stoffe Krebs auslösen, wenn man sie über einen langen Zeitraum in höheren Mengen einatmet und daher eine andauernde Entzündung in den tiefen Atemwegen entsteht. Das besagt die derzeitige wissenschaftliche Kenntnis. Gemeint sind ansonsten ungiftige Stoffe, wenn sie als körnige Feinstäube auftreten und sie in der Lunge schwer- oder unlöslich sind. Genau so wirkt im Prinzip auch der Inhaltsstoff der meisten weißen Wandfarben und Lacke namens Titandioxid. Tierversuche an Ratten haben ergeben, dass das Weißpigment Titandioxid beim Einatmen krebserregend wirken kann. Der Risikobewertungsausschuss der Europäischen Chemikalienagentur ECHA hat die Feinstaubform von Titandioxid schon im Jahr 2017 als krebsverdächtig für den Menschen eingestuft. Daraus resultiert die Vorgabe, Farben, Lacke und ähnliche Produkte mit entsprechenden Warnhinweisen zu versehen.  

Das gilt allerdings nur für die Staubform, denn Titandioxid ist auch ein gängiger Zusatzstoff für Lebensmittel. Aufgenommen über den Mund gilt es als harmlos und gut verträglich. Eingesetzt wird es etwa um Lebensmittel weiß zu färben und Kosmetikprodukte wie Zahnpasta enthalten das Pigment häufig. Einem Bericht von taz. de zufolge werden weltweit 7,2 Millionen Tonnen Titandioxid jährlich hergestellt. Etwa eine halbe Milliarde Umsatz werde damit allein in Deutschland jedes Jahr erzielt.

Warnhinweis für Titandioxid oder doch ein Gesamtkonzept für Partikeleffekte?

Derzeit wird intensiv über diesen Sachverhalt diskutiert – und das grundsätzlich und nicht nur in Bezug auf Titandioxid. Dabei geht es um eine Abwägung, ob es sinnvoll ist, in diesen Fällen einen Warnhinweis bezügliches des Krebsverdachtes ohne weiteres verpflichtend zu machen. Derzeit fordert das Chemikalienrecht prinzipiell, dass ein Krebsverdacht wie ihn Studien bei Titandioxid belegt haben, zu einer Kennzeichnung führen muss. So hat sich auch das Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) an die EU-Kommission gewendet und fordert dem taz-Bericht zufolge ein überdachtes Gesamtkonzept für Stoffe, die ausschließlich wegen des Partikeleffekts im Verdacht stehen, krebserzeugend zu wirken.

Nach Aussagen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) soll der Krebsverdacht von Titandioxid damit nicht unter den Teppich gekehrt werden oder gar eine Regulierung verhindert werden. Der Toxikologe Thomas Gebel von der BAuA weist jedoch darauf hin, dass ein genereller Hinweis auf einen Krebsverdacht auch zu einer unnötigen Panikmache führen kann. "Bisher wurde wissenschaftlich bestätigt, dass Ratten, die über ihr ganzes Leben hohe Mengen an Feinstaub von Titandioxid oder vergleichbarer Stäube einatmen, davon Krebs bekommen können. Wer aber Farben und Lacke verwendet, die das Pigment enthalten, ist quasi nicht mit Feinstaub belastet", sagt er.

Belastung durch Titandioxid: Kein Grund zur Sorge für Maler und Lackierer

Auch in Bezug auf diejenigen, die als Maler und Lackierer beruflich tagtäglich mit dem Stoff in Berührung kommen, betont er, dass sowohl beim Ausrollen von frischen Farben als auch wenn man alte Tapeten mit Farbe von Wänden nimmt und es hierbei zu einer Staubentwicklung kommt, keinen Grund zur Sorge gäbe. Für Feinstäube gibt es einen Arbeitsplatzgrenzwert, der in diesen Tätigkeiten weit unterschritten wird. Der Grenzwert schützt vor Entzündungseffekten in den tiefen Atemwegen, damit kann gar kein erhöhtes Krebsrisiko vorliegen.

Thomas Gebel hält es für wichtig, dass an einem europäischen Gesamtkonzept gearbeitet wird für den Umgang und die Wirkung von diesen Feinstäuben. Die derzeitigen Vorgaben des Chemikalienrechts brauchen demnach neue Lösungen, wie angemessen auf Gefahreneigenschaften hingewiesen werden kann. Dies ist nicht sinnvoll in Situationen, in den gar kein Gesundheitsrisiko vorliegt. Er weist darauf hin, dass es weder dazu kommen darf, dass mögliche Gefahren nicht berücksichtigt werden noch, dass eine unnötige Panikmache entsteht und generell unkritische Stoffe überreguliert werden.

Krebsverdacht führt zur Einstufung als "Sondermüll"

Gebel nennt noch ein weiteres Problem, dass eine Einstufung als krebsverdächtig für Titandioxid und auch für ähnliche Stoffe wie etwa den sogenannten Industrieruß – das schwarze Farbpigment von Autoreifen – auslösen könnte: es bedingt bei Vorkommen von mehr als einem Gewichtsprozent eine Einstufung als "Sondermüll" und so müsste quasi alles, was damit gefärbt ist, gesondert entsorgt werden. "Maler, die etwa alte Tapeten entsorgen wollen mit Farbresten, die Titandioxid enthalten, müssen damit mit neuen Kosten und mehr Schreibtischarbeit rechnen, denn sie müssen das alles dokumentieren", sagt der Toxikologe.

Im Dezember findet die nächste Sitzung des zuständigen Ausschusses der EU-Kommission statt, der über das weitere Vorgehen entscheiden soll. Mehrere Länder wie Frankreich, England und Slowenien haben sich angeblich auch schon für eine Sonderregelung ausgesprochen, Deutschland setzt sich für eine grundsätzliche Regelung ein.

Umwelt- und Verbraucherschützer fordern, dass die Bürger in der EU das Recht hätten zu erfahren, welche potenziellen Risiken die Produkte mit sich bringen, die sie kaufen – und die wie bei Titandioxid massenweise Anwendung finden. Vertreter der Lack- und Druckfarbenindustrie wollen dagegen eine umfassende Gesetzgebung für Stäube und keine einzelnen Regeln für das Weißpigment. Thomas Gebel von der BAuA betont dagegen, dass das Wichtigste sei, dass die am Arbeitsplatz die Grenzwerte für Feinstäube in der Luft eingehalten werden und dass geltende Schutzmaßnahmen umgesetzt werden: "Dann besteht auch kein Gesundheitsrisiko".

Folgen Sie der Autorin auf Twitter

Folgen Sie Jana Tashina Wörrle auf Twitter @JanaTashina

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2018 - Alle Rechte vorbehalten