Handwerk mit Haltung Wie Friseurinnen mit Schere und Herz Gutes tun

Iris Scheuermann hat ihr 25-jähriges Salonjubiläum verschenkt – und 40 Zöpfe für krebskranke Mütter gesammelt. Petra Brencher schickt Haarreste an eine Ozean-Initiative und Alufolien ins Recycling. Zwei Friseurmeisterinnen zeigen, wie soziales Engagement auch das eigene Geschäft stärkt.

Iris Scheuermann
Einsatz für den guten Zweck: Friseurmeisterin Iris Scheuermann nutzte ihr Betriebsjubiläum, um mit Zopfspenden eine Stiftung zugunsten krebskranker Mütter zu unterstützen. - © Annika van Beek

Das 25-jährige Jubiläum ihres Salons "haarverliebt" hat Iris Scheuermann verschenkt. Und zwar ganz bewusst: Statt klassisch zu feiern, hat die Friseurmeisterin aus Lichtenfels-Münden (Kreis Waldeck-Frankenberg) zu einem Haarspendetag eingeladen. Sie rief Menschen mit langen Haaren dazu auf, sich ihre Zöpfe abschneiden zu lassen und für die Aktion "Zopfliebe" der Rexrodt-von-Fircks-Stiftung zur Verfügung zu stellen.  Diese gibt die Haare zur Herstellung von Perücken weiter und unterstützt mit dem Erlös krebskranke Mütter und ihre Kinder.

"In 25 Jahren habe ich in meinem Beruf schon viele Frauen während einer Chemotherapie begleitet und ihnen die dabei die Haare abgenommen", sagt Iris Scheuermann, selbst Mutter von zwei Kindern. Auch im eigenen Umfeld hat sie erlebt, was eine Krebserkrankung nicht nur für die Betroffenen, sondern die ganze Familie bedeutet. Deshalb stand für sie zum Jubiläum fest: "Ich will keinen Sekt, keine Blumensträuße und Geschenke, ich will einfach Sinn."

Aktion für krebskranke Mütter

Von der Resonanz auf ihren Aufruf ist die 51-Jährige noch immer überwältigt. "Es waren so viele Leute da und haben die Aktion unterstützt. Das hat einen Nerv getroffen", sagt sie. Nicht nur 40 Zöpfe, sondern auch Geldspenden in Höhe von 2.500 Euro kamen am Ende für den guten Zweck zusammen. 25 Zöpfe schnitt die Friseurmeisterin in ihrem Salon ab – für den neuen Haarschnitt bat sie statt eines Honorars um eine freiwillige Spende. Hinzu kamen 15 bereits abgeschnittene Haarspenden, die persönlich oder per Post vorbeigebracht wurden – darunter einige Zöpfe, die seit Kindertagen zuhause in der Schublade lagen.

Alte Zöpfe abschneiden

Für Iris Scheuermann ist der Erfolg der Spendenaktion das schönste Geschenk zum Jubiläum. "Für mich ist der Tag auch ein Zeichen für Mut, Solidarität und dafür, dass es sich lohnt, weiterzudenken und neue Wege zu gehen." Alte Zöpfe hat sie vor einigen Jahren auch im übertragenen Sinn abgeschnitten. Den Stillstand der Coronazeit nutzte sie, um ihren Salon neu auszurichten: "Weg von der Masse und vom Allround-Betrieb hin zu ruhiger Eins-zu-eins-Arbeit und spezialisierter Beratung." Heute ist die 51-Jährige auf Naturlocken spezialisiert, arbeitet mit schonenden Schneidetechniken wie Cado Cut, Curving Cut und Calligraphy Cut und legt Wert auf nachhaltige Produkte. Damit erreiche sie Kundinnen weit über den Landkreis Waldeck-Frankenberg hinaus. "Ich bin von der Friseurin zur Unternehmerin geworden und habe gelernt, dass Selbstständigkeit nicht bedeutet, sich aufzugeben, sondern sich selbst zu führen", sagt sie rückblickend.  Mit ihrer Geschichte will die Friseurmeisterin auch andere ermutigen und zeigen, "was möglich ist, wenn man sein Handwerk mit Herz und Haltung einsetzt".

Petra Brencher
Petra Brencher sammelt die Haarreste für die Initiative "Hair help the oceans". - © Katja Rudolph

Haar-Reste helfen dem Ozean

Auch Petra Brencher vom "Haarwerk" in Kassel ist es wichtig, im beruflichen Kontext "die Welt ein bisschen besser zu machen", wie sie sagt.  Seit einigen Jahren sammelt sie die im Salon anfallenden Haarreste für die Initiative "Hair help the Oceans", an der sich mehrere Dutzend Friseurbetriebe im Bezirk der Handwerkskammer Kassel beteiligen. Aus den abgeschnittenen Haaren, die sonst im Müll landen würden, werden Filter hergestellt, um Meere, Seen und Flüsse zu reinigen. Denn Haare besitzen die natürliche Eigenschaft, Fett aufzusaugen, und können auf diese Weise Öl, Treibstoff oder Sonnenmilchrückstände aus dem Wasser filtern.

Den Monatsbeitrag von 25 Euro sei ihr das allemal wert, sagt die Friseurmeisterin, die den Familienbetrieb in dritter Generation führt. "In unserem Beruf nutzt man zwangsläufig viel Chemie, da wollen wir der Natur etwas zurückgeben." Die Aktion komme bei allen Generationen gut an:  "Viele Kinder wollen ihre abgeschnittenen Haare selbst in die Sammeltonne werfen."

Für mehr Nachhaltigkeit schickt Petra Brencher zudem ihre benutzten Strähnen-Folien aus Aluminium an das Start-up "Recfoils", das diese recycelt und neue Folien daraus herstellt.  Auch sozial ist der Salon engagiert und sammelt Zopfspenden für die Stiftung "It’s for kids". Daraus werden Echthaarperücken für Kinder mit krankheitsbedingtem Haarausfall gefertigt und aus dem Erlös Kinderschutzprojekte unterstützt.

Für all das bekomme sie viel positives Feedback, sagt Petra Brencher. "Die Leute finden das toll. Und es kommen dadurch auch Kunden gezielt zu mir, die wir sonst wahrscheinlich nie erreicht hätten." Also lohnt sich das Engagement auch unternehmerisch?  "Das war zwar überhaupt nicht unser Anfangsgedanke, und erstmal bedeuten diese Dinge Mehraufwand und oft auch Mehrkosten", sagt die 53-Jährige. "Aber langfristig gesehen profitiert man davon", ist sie überzeugt. Der Einsatz für die gute Sache bleibe für sie vor allem Teil des beruflichen Selbstverständnisses: "Weil das Friseur-Handwerk mit Liebe, positivem Denken und Veränderung zu tun hat."